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Leere Gasspeicher: Deutschlands teures Zögern vor dem Winter

Gasspeicher auf historischem Tiefstand – Ministerin Reiche versäumte den Aufbau einer nationalen Reserve.

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Leere Gasspeicher: Deutschlands teures Zögern vor dem Winter

Deutschlands Gasspeicher sind alarmierend leer. Der Verband der Gasspeicherbetreiber Ines hat am Dienstag bekannt gegeben, dass technisch bis Anfang November ein durchschnittlicher Füllstand von maximal 77 Prozent erreichbar ist. Aktuell liegen die Speicher bei einem historischen Tiefstand von knapp 55 Prozent. Sollte der Winter extrem kalt ausfallen, drohen die Speicher bereits Ende Januar leer zu sein – mit gravierenden Folgen für die Industrie.

In diesem Fall würde die Bundesnetzagentur die sogenannte Abschaltkaskade aktivieren, die zuerst die Industrie von der Gasversorgung trennt. Deutschland, ohnehin mit einer angeschlagenen Industrie konfrontiert, müsste dann auf mildes Wetter hoffen, um halbwegs unbeschadet durch den Winter zu kommen. Die Frage drängt sich auf: Hätte sich diese prekäre Lage vermeiden lassen?

Die versäumte Chance einer nationalen Gasreserve

Die Antwort ist aus heutiger Sicht eindeutig: Ja. Wirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche (CDU) hätte früher handeln müssen. Bereits im vergangenen Winter forderten Stimmen aus der Branche wiederholt den Aufbau einer nationalen Gasreserve. Reiche lehnte dies ab – mit Verweis auf zusätzliche Importkapazitäten über die neuen LNG-Terminals und einen funktionierenden Markt. Diesem Argument konnte man damals durchaus folgen, auch wenn eine strategische Reserve perspektivisch sinnvoll erschien.

Mit dem Ausbruch des Irankriegs Ende Februar änderte sich die Lage jedoch grundlegend. Das Risiko war absehbar groß, dass der Ausfall des LNG-Produzenten Katar den Markt dauerhaft durcheinanderwirbeln würde. Besonders die Preismechanik des Sommer-Winter-Spreads geriet ins Wanken. Normalerweise sind Gaspreise im Sommer niedriger, sodass Händler Gas einspeichern, um es im Winter teurer zu verkaufen. Doch diese Rechnung ging nicht mehr auf.

Wenn der Markt keine Anreize mehr setzt

US-amerikanische Flüssigerdgas-Erzeuger haben den Ausfall Katars zwar weitgehend ausgeglichen – aber eben nicht vollständig. Die Folge: Die Konkurrenz zwischen asiatischen und europäischen Abnehmern um das verbliebene LNG hat sich verschärft. Die Preisstruktur kippte. Über den Sommer war Gas teurer als im Winter. Der wirtschaftliche Anreiz zum Einspeichern war damit faktisch tot.

Hinzu kommt ein zweites, wenngleich schwächeres Argument: Die hybriden Angriffe Russlands haben gezeigt, wie verwundbar Deutschlands Gasversorgung insgesamt ist. Zwar ist man nicht mehr direkt von Russland abhängig, doch die Abhängigkeit hat sich lediglich verlagert – auf norwegisches Pipeline-Gas und US-amerikanisches LNG. Ein strategisches Risiko bleibt bestehen.

Im Nachhinein ist man immer klüger. Doch die Ermahnungen aus der Branche und der Politik waren zahlreich. Reiche hätte spätestens im März eine gesetzliche Grundlage für eine nationale Gasreserve schaffen müssen. Stattdessen gab es bis in den Sommer hinein Beratungen und Konsultationen. Eine Reserve wird kommen – aber erst zum nächsten Winter. Zu spät für die aktuelle Krise.

Nur teure Optionen bleiben übrig

Die Konsequenz: Es gibt derzeit nur kostspielige Wege, das Befüllungsproblem zu lösen. Der Marktverantwortliche Trading Hub Europe (THE) kann Gas kaufen und Speicher befüllen. Was das kostet, zeigte sich bereits 2022. Damals musste Patrick Graichen, Staatssekretär im von Robert Habeck (Grüne) geführten Wirtschaftsministerium, der THE einen Freibrief ausstellen: Kauft Gas, koste es, was es wolle. Ziel war es, eine Mangellage zu verhindern.

Inzwischen gibt es neue Produkte, über die die THE Speicher befüllen kann, ohne sofort Höchstpreise auszulösen. Günstiger wird es dennoch nicht. Und ein wichtiges Refinanzierungsinstrument fehlt seit Anfang Januar 2026: Die Gasspeicherumlage, über die die Notkäufe aus 2022 finanziert wurden, existiert nicht mehr.

Der Speicherverband Ines hat vorgeschlagen, die Netzentgelte für das Einspeichern zu senken und die Konvertierungsumlage von H- und L-Gas zu streichen. Ziel ist es, die Kosten für Händler zu senken und den wirtschaftlichen Anreiz wieder zu erhöhen. Ob die Politik diesen Vorschlag schnell umsetzen kann, ist fraglich.

Man kann Reiche zugutehalten, dass sie auf den Markt setzt. Doch im Fall der Gasspeicher war der Preis für dieses Vertrauen zu hoch. Deutschland steht erneut vor einem Winter, der nur mit Glück und milden Temperaturen halbwegs glimpflich verlaufen wird.

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