Europäische Gasrallye beschleunigt sich: US-iranische Angriffe gefährden LNG-Transport
US-iranische Angriffe treiben Europas Gaspreise auf den höchsten Stand seit März und schüren Versorgungsängste im Winter.

Die europäischen Erdgaspreise sind am Dienstag auf das höchste Niveau seit März gestiegen. Der eskalierende militärische Konflikt im Persischen Golf und ein scharfer Anstieg der britischen Großhandelsverträge nach den Feiertagen verstärken die Befürchtungen vor schweren Versorgungsengpässen im Winter.
Der führende niederländische Frontmonatskontrakt legte um 1,3 Prozent auf 71,30 Euro pro Megawattstunde (MWh) zu und baute damit einen nahezu fünfprozentigen Sprung der vorherigen Sitzung aus. Damit behauptet sich der Preis deutlich über der 70-Euro-Marke. In Großbritannien holten die nach dem öffentlichen Feiertag am Montag zurückkehrenden Händler auf und trieben den NBP-Großhandels-Erdgaskontrakt um 6,4 Prozent auf 175,40 Pence pro Therm nach oben.
Geopolitische Eskalation bedroht LNG-Route
Die anhaltende Rallye spiegelt einen sich häufenden geopolitischen Risikoaufschlag wider. Institutionelle Energiestuben versuchen verzweifelt, Volumenbindungen zu sichern, da direkte militärische Auseinandersetzungen zwischen US-amerikanischen und iranischen Kräften lang anhaltende Versorgungsunterbrechungen durch wichtige maritime Engpässe drohen lassen.
Der Haupttreiber für die steigenden europäischen Gaskurven ist die Gefahr verlängerter Transitstopps durch die Straße von Hormus nach direkten kinetischen Angriffen in der Region am Wochenende. US-Streitkräfte führten gezielte Luftangriffe gegen iranische Raketenwerfer auf der Larak-Insel durch. Darauf folgten nächtliche iranische Raketenangriffe auf zwei US-Militärflugbasen in Jordanien.
Da US-Präsident Donald Trump zusätzliche Angriffe gegen iranische Infrastruktur androhte, sind diplomatische Wege zur Sicherung des kommerziellen Schiffsverkehrs durch die Straße weitgehend zum Erliegen gekommen. Die effektive Sperrung dieses Wasserwegs gefährdet etwa ein Fünftel der globalen Flüssigerdgas(LNG)-Lieferungen, die überwiegend von dem großen Produzenten Katar stammen.
Strukturelle Defizite in europäischen Speichern
Europäische Versorger, die bereits mit rückläufigen Pipeline-Importen kämpfen, sehen sich aggressiver Konkurrenz aus asiatischen Käufern um Ersatz-LNG-Spotladungen gegenüber. Das treibt die globalen Seefrachtquoten und Cargo-Aufschläge deutlich in die Höhe.
Der geopolitische Schock trifft auf schwere strukturelle Defizite in der europäischen unterirdischen Speicherinfrastruktur, während sich der Kontinent auf die Heizperiode 2026/27 vorbereitet. Laut Daten von Gas Infrastructure Europe sind die regionalen Speicherkavernen derzeit zu etwa 62 Prozent ihrer Gesamtkapazität gefüllt – das liegt fast 17 Prozentpunkte unter dem fünfjährigen saisonalen Benchmark.
Der höhere als durchschnittliche Stromverbrauch im Sommer, angetrieben durch Hitzewellen in Südeuropa, gepaart mit routinemäßigen Wartungsarbeiten an Offshore-Pipelines in Norwegen, hat die Einspeiseraten in die Speicher im August stark eingeschränkt.
Energiepreise heizen Inflationssorgen an
Die erneute Preissteigerung bei europäischem Großhandels-Erdgas – zusammen mit Brent-Rohöl, das fest über 91 Dollar pro Barrel notierte – hat die Ängste vor kostengetriebener Inflation erneut in die europäischen Finanzmärkte getrieben. Steigende Energieeingangskosten stellen eine große Herausforderung für die Geldpolitiker der Europäischen Zentralbank (EZB) vor ihrem geldpolitischen Treffen am 10. September dar.
Vorläufige Inflationsdaten für die Eurozone vom August, die am Dienstag veröffentlicht wurden, zeigten, dass die Gesamt-CPI jahresbezogen auf 3,3 Prozent beschleunigte. Haupttreiber war ein Anstieg der Energiekosten. Das Beharren der energiebedingten Preisdrucke verstärkt die Markterwartungen, dass die EZB nächste Woche eine weitere Zinserhöhung um 25 Basispunkte verhängen wird, um zu verhindern, dass sich die Inflationserwartungen entkoppeln.
Für deutsche Verbraucher und Unternehmen bedeutet dies eine wachsende Unsicherheit: Höhere Großhandelspreise für Gas dürften sich zeitverzögert auch in den Energierechnungen niederschlagen. Angesichts der angespannten geopolitischen Lage bleibt die Versorgungssicherheit des Kontinents das beherrschende Thema der kommenden Monate.
