KI-Infrastruktur: Robotik-Datenhunger und globale Wirtschaftsstabilität
Zwei Trends prägen die KI-Ära: ein kapitalintensives Rennen um Robotikdaten und eine überraschende globale Wirtschaftsresilienz.

Die globale Wirtschaft befindet sich an einem entscheidenden Wendepunkt. Zwei scheinbar getrennte Phänomene prägen das aktuelle Bild: der rasante, kapitalintensive Wettlauf um Daten für physische KI-Systeme und eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit der Weltwirtschaft, die maßgeblich durch den KI-Infrastrukturboom gestützt wird. Beide Entwicklungen sind eng miteinander verknüpft – und beide bergen erhebliche Risiken.
Im Bereich der physischen KI stehen Robotiklabore vor einem grundlegenden Problem, das sich fundamental von der Entwicklung großer Sprachmodelle (LLMs) unterscheidet. Während LLMs auf das riesige, bereits vorhandene Datenkorpus des Internets zurückgreifen konnten, kämpfen Robotikentwickler mit einer regelrechten „Datenwüste". Joe Fox Jr., Direktor für Robotikoperationen bei Scale AI, bringt es auf den Punkt: „Es gibt kein Internet, von dem wir herunterladen könnten. Es gibt keinen großen Datenkorpus, mit dem Modellentwickler arbeiten könnten. Es ist ein Wettrüsten, um die besten Daten zu bekommen."
Das Milliarden-Rennen um Robotik-Trainingsdaten
Um diese Lücke zu schließen, hat die Branche im bisherigen Jahresverlauf fast 48 Milliarden US-Dollar eingesammelt. Ein erheblicher Teil dieser Mittel fließt in sogenannte „Robot Gyms" – spezialisierte Einrichtungen, in denen beidhändige Manipulatoren von menschlichen Operatoren trainiert werden. Unternehmen wie Physical Intelligence, das zuletzt 600 Millionen US-Dollar bei einer Bewertung von 5,6 Milliarden US-Dollar einsammelte, sowie Start-ups wie Generalist, Neura und Skild verfolgen dabei unterschiedliche Strategien, um sogenannte „egozentrische" Daten zu erfassen.
Die Methoden sind dabei teils ungewöhnlich: Aufnahmegeräte werden an Tausende von Haushalten und Büros verschickt, und sogar Airbnb-Immobilien werden genutzt, um die Anpassungsfähigkeit der Modelle zu testen. Das Unternehmen Figure, ein Hersteller humanoider Roboter, hat rund 44.000 aktive Nutzer gewonnen, die sich selbst beim Ausführen von Aufgaben aufnehmen – und dafür durchschnittlich 94 Cent pro Aufgabe erhalten. Figure plant, im kommenden Jahr über eine Milliarde US-Dollar für Rechenleistung und Datengenerierungsdienste auszugeben.
Dieser arbeitsintensive Prozess hat zu einer globalen Expansion sogenannter „Datenfabriken" geführt. Unternehmen wie Encord, Scale AI und Xdof bauen Standorte in Mexiko, China und Indonesien auf, um von niedrigeren Lohnkosten zu profitieren. Xdof-CEO Philipp Wu betont, dass Betriebe in den USA wirtschaftlich oft nicht tragfähig seien: Robotikoperatoren verdienen dort rund 25 US-Dollar pro Stunde – fast doppelt so viel wie in Mexiko. Die Qualität dieser extern erhobenen Daten ist jedoch umstritten. Ein Laborleiter aus San Francisco erklärte: „Wir machen fast alles intern, weil es wirklich wichtig ist, es richtig zu machen." UC-Berkeley-Professor Ken Goldberg warnt zudem: „Es gibt keine Garantie, dass sich die Generierung großer Datenmengen auszahlt."
KI als Stabilitätsanker der Weltwirtschaft
Während Robotiklabore Kapital verbrennen, zeigt die globale Wirtschaft eine bemerkenswerte Resilienz – trotz erheblicher geopolitischer Belastungen. Trotz der höchsten effektiven US-Zollsätze seit Jahrzehnten, des anhaltenden Iran-Krieges und der Lieferkettenprobleme infolge des Russland-Ukraine-Konflikts wächst die Weltwirtschaft in diesem und im nächsten Jahr um respektable drei Prozent.
Diese Stabilität wird maßgeblich dem KI-Boom zugeschrieben. Die stark gestiegene Nachfrage nach Chips, Servern und Leiterplatten hat Asien und europäischen Spezialausrüstern wichtige Exportimpulse gegeben. In den USA hat der massive Kapitalaufwand für Rechenzentren und Infrastruktur die Industrieproduktion gestützt und damit die negativen Effekte protektionistischer Handelspolitik teilweise ausgeglichen. Der Investitionsboom hat zudem erhebliche Vermögenseffekte erzeugt, die den Konsum in wichtigen Märkten wie den USA und Südkorea stützen.
Diese Abhängigkeit von der KI schafft jedoch neue systemische Risiken. Die Weltwirtschaft ist nun stark auf den Erfolg dieser Technologie ausgerichtet: Jede erhebliche Enttäuschung bei kommerziellen Erträgen oder ein schwerwiegender KI-bezogener Unfall könnte weitreichende Folgen haben. Hinzu kommt, dass die bisherigen Schutzfaktoren – wie die Dollarschwäche und rechtliche Hürden für Protektionismus – möglicherweise nicht dauerhaft Bestand haben. Mit Blick auf die Treffen von IWF und Weltbank rückt die Notwendigkeit fiskalischer Konsolidierung in den Vordergrund. Die Anleihemärkte zeigen sich zunehmend ungeduldig angesichts wachsender Schuldenberge, und der Spielraum für fiskalische Puffer nähert sich seinen Grenzen. Nachhaltige Strukturreformen und breitere Infrastrukturinvestitionen werden als notwendige nächste Schritte gesehen, um die globale Resilienz über den aktuellen KI-Investitionszyklus hinaus zu sichern.
