KI-Gigafactories in Europa: Großes Versprechen oder teures Risiko?
Die EU will 200 Milliarden Euro in KI-Infrastruktur investieren – doch Experten zweifeln an der Sinnhaftigkeit gigantischer Rechenzentren.

Die Europäische Union setzt auf Großprojekte, um im globalen KI-Wettbewerb mit den USA und China aufzuholen. 200 Milliarden Euro sollen mobilisiert werden, ein Teil davon für fünf sogenannte KI-Gigafactories – besonders leistungsstarke Rechenzentren mit mindestens 100.000 Spezial-Prozessoren (GPUs). Die Bundesregierung hat bereits Haushaltsmittel eingeplant und möchte mindestens eine dieser Anlagen nach Deutschland holen.
Doch der Enthusiasmus ist nicht ungebrochen. Andreas Weiss, Geschäftsführer des Internetverbands Eco, äußert sich skeptisch: „Ich bin kein Freund dieser Gigantomanie. Wir brauchen zwar dringend KI-Rechenkapazitäten, aber die Diskussion um fünf Gigafactories mit Hunderttausenden Prozessoren halte ich für nicht zielführend." Weiss plädiert stattdessen für kleinere Rechenzentren, die schrittweise mit der tatsächlichen Nachfrage wachsen können.
Fehlende Buchungen, hohe Energiepreise – die Hürden sind real
Das zentrale Problem: Verbindliche Buchungen von Rechenkapazitäten fehlen. Europäische Cloud-Anbieter beklagen genau diesen Mangel. Ohne gesicherte Auslastung wird ein milliardenschweres Investment in eine Gigafactory zum Hochrisikoprojekt – zumal ein einziger KI-Hochleistungsprozessor bereits mehrere Zehntausend Dollar kostet. In Deutschland verschärfen die im europäischen Vergleich hohen Energiepreise die Lage zusätzlich, da diese von der EU nicht bezuschusst werden.
Zum Vergleich: In der bislang größten KI-Anlage der Deutschen Telekom in München sind 10.000 Nvidia-Chips im Einsatz. Der geplante Serverpark der Schwarz-Gruppe im brandenburgischen Lübbenau soll in die Gigafactory-Liga vorstoßen. Laut Digitalverband Bitkom verbrauchten Deutschlands rund 2.000 Rechenzentren im Jahr 2025 zusammen knapp drei Gigawatt Strom – bis 2030 soll dieser Wert auf fünf Gigawatt steigen, was der Leistung von vier bis fünf Atomkraftwerken entspricht.
Die EU-Kommission arbeitet noch immer an der Ausschreibung und den Förderbedingungen, ohne einen konkreten Veröffentlichungstermin nennen zu können. Die Niederlande haben sich derweil bereits von der Gigafactory-Idee verabschiedet. Ende März hieß es in einem Schreiben an das niederländische Parlament: „Die Regierung hat sich für eine flexible Weiterentwicklung der KI-Infrastruktur entschieden, die mit der Marktnachfrage wächst."
Warnendes Beispiel: Der EU-Chips Act als Blaupause des Scheiterns
Kritiker erinnern an den EU-Chips Act, der ähnlich ambitioniert startete. Ziel war es, den europäischen Weltmarktanteil bei Halbleitern bis 2030 auf 20 Prozent zu verdoppeln. Das Ergebnis bisher: Intel zog seine Pläne für eine „Megafab" in Magdeburg zurück, das geplante Chipwerk von Wolfspeed im Saarland platzte ebenfalls. Das 20-Prozent-Ziel gilt inzwischen als unerreichbar.
Dabei ist die Ausgangslage beim Thema digitale Souveränität ohnehin schwierig. Die US-amerikanischen Hyperscaler Amazon Web Services, Google und <a class="tvreplink" target="_blank" href="https://de.tradingview.com/symbols/Nasdaq%3AMSFT">Microsoft kontrollieren rund 70 Prozent des europäischen Cloud-Marktes. Gartner-Analyst Rene Buest erklärt deren Dominanz mit „der Qualität des Angebots und ihres Entwicklungsvorsprungs" sowie der Fähigkeit, weltweit agierenden Kunden Rechenzentren in allen Regionen anzubieten. Laut dem französischen IT-Verband Cigref überweisen europäische Nutzer jährlich rund 285 Milliarden Euro an US-amerikanische Cloud- und Softwareanbieter – das entspricht etwa 80 Prozent der Gesamtausgaben.
Staatliche Nachfrage als Schlüssel zur Rentabilität
Gartner-Analyst Buest sieht einen klaren Ausweg: „Die europäischen Staaten oder die EU-Kommission müssten die größten Kunden sein." Als Vorbild nennt er die USA, die strategische Verträge mit heimischen Rechenzentrumsbetreibern geschlossen haben. Die Bundesregierung will laut ihrer Rechenzentrumsstrategie Genehmigungsverfahren beschleunigen, wettbewerbsfähige Strompreise sicherstellen und eine Mindestauslastung garantieren – Details dazu bleiben jedoch bislang offen.
Bastian Koller, Geschäftsführer des Höchstleistungsrechenzentrums der Universität Stuttgart, erklärt die Zurückhaltung potenzieller Kunden ohne politischen Vorwurf: Sowohl staatliche Institutionen als auch Unternehmen hätten schlicht Schwierigkeiten, ihren künftigen Bedarf an Rechenkapazitäten zu beziffern. „Weil der KI-Boom so rasant kam, passen sie aktuell ihre Geschäftsmodelle an und die Technologien selbst befinden sich noch im Wandel", so Koller. Die Frage, ob Europas KI-Gigafactories ein echter Aufbruch oder ein weiteres teures Großprojekt ohne Fundament werden, bleibt damit vorerst unbeantwortet.
