JPMorgan: Anleiherenditen signalisieren KI-Produktivitätsschub
KI-Investitionen treiben Anleihemarkt – JPMorgan sieht Produktivitätswende statt Inflationsangst.

Der jüngste Anstieg der langfristigen Anleiherenditen könnte nach Einschätzung von Jacob Manoukian, Leiter der US-Investmentstrategie bei der JPMorgan Private Bank, weniger auf Inflationssorgen oder die wachsende Staatsverschuldung zurückzuführen sein. Vielmehr erkenne der Anleihemarkt möglicherweise einen verbesserten Produktivitätszyklus, der aus den massiven KI-Investitionen resultiere. Dies erklärte Manoukian gegenüber dem Reuters Global Markets Forum.
Die These ist bemerkenswert, denn in den vergangenen Monaten hatten viele Marktteilnehmer den Renditeanstieg vor allem mit hartnäckiger Inflation und steigender Staatsverschuldung erklärt. JPMorgan legt nun eine alternative Lesart vor: Der Kapitalbedarf der sogenannten Hyperscaler – also großer Cloud- und Rechenzentrumsbetreiber – treibt die Emissionstätigkeit massiv an.
Rekordemissionen bei KI-Anleihen
Die Zahlen sind eindrucksvoll: Die KI-bezogenen Schuldtitelemissionen haben in diesem Jahr bereits 220 Milliarden US-Dollar überschritten. Das entspricht einer Verdopplung gegenüber dem Vorjahr. Die gesamte US-Unternehmensanleiheemission erreichte 1,68 Billionen US-Dollar – ein Anstieg von fast 27 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Manoukian betonte, dass KI-bezogene Emissionen bis Jahresende die Hälfte der US-Treasury-Coupon-Emissionen ausmachen könnten. Dies nährt bei einigen Marktteilnehmern die Sorge, dass das wachsende Angebot an Unternehmensanleihen die Nachfrage nach US-Staatsanleihen verdrängen könnte.
Halbleitersektor: Korrektur als Einstiegschance
Trotz einer Marktkorrektur von über 20 Prozent bleibt JPMorgan für den Halbleitersektor optimistisch. Die Ausweitung des Abschlags zwischen den zweijährigen Forward- und den nachlaufenden 12-Monats-Kurs-Umsatz-Verhältnissen auf 40 bis 50 Prozent (gegenüber üblichen 20 Prozent) deutet zwar darauf hin, dass Anleger bereits schwächere Gewinne einpreisen. Doch Manoukian sieht darin eine Chance.
„Wir glauben, dass ein Gewinnhöhepunkt bereits eingepreist ist, aber wir gehen nicht davon aus, dass die Gewinne ihren Zenit bereits erreicht haben“, so der Stratege. Sollten die Unternehmen die prognostizierten Umsätze realisieren, könnten sie bei gleichbleibender Marktbewertung bis 2028 erheblich an Wert gewinnen.
Strategieanpassung bei festverzinslichen Wertpapieren
Angesichts der Unsicherheit über die Entwicklung der langfristigen Zinsen passt die JPMorgan Private Bank ihre Strategie im Bereich festverzinslicher Wertpapiere an. Die Bank bevorzugt derzeit den „Carry“ (Zinsertrag) aus kurzlaufenden Krediten gegenüber einem direkten Engagement in der Duration.
Manoukian merkte an, dass die Zinsmärkte zu „hawkish“ agierten, während Kredit-Spreads attraktive Puffer böten. In den USA favorisiert die Bank daher bevorzugte Aktien von Banken (Bank Preferreds), die steuerliche Vorteile bieten und in der Kapitalstruktur vor Stammaktien rangieren. In Europa setzt das Institut aufgrund solider Unternehmensfundamentaldaten trotz steigender Renditen und Energiepreisrisiken auf hochverzinsliche Unternehmensanleihen (High-Yield).
Fazit für Anleger
Die Analyse von JPMorgan bietet eine erfrischende Gegenperspektive zur vorherrschenden Inflationsangst an den Anleihemärkten. Sollte sich die These eines KI-getriebenen Produktivitätsschubs bestätigen, wären die aktuell hohen Renditen weniger ein Risikosignal als vielmehr ein Indikator für strukturelles Wachstum. Anleger sollten die Entwicklung der KI-Investitionen und der Unternehmensanleihemärkte daher genau im Auge behalten.
