Jerome Powell vor Entscheidung: Bleibt er Fed-Chef nach Amtsende?
Der Vorsitzende der US-Notenbank Federal Reserve, Jerome Powell, steht vor einer wegweisenden Entscheidung. Nach dem Ende seiner Amtszeit als Fed-Chef im Mai könnte er als einfaches Mitglied im Gouverneursrat bleiben – und damit zum entscheidenden Faktor

Jerome Powell, seit 2018 Vorsitzender der Federal Reserve, muss eine folgenschwere Entscheidung treffen: Während seine Amtszeit als Fed-Chef im Mai endet, läuft sein Mandat als Mitglied des Gouverneursrates noch zwei weitere Jahre. Dies könnte ihm eine entscheidende Stimme bei geldpolitischen Weichenstellungen und möglichen Strukturreformen bis zum Ende von Trumps Präsidentschaft sichern.
Der 72-jährige Powell, der eigentlich seinen Ruhestand mit Hobbys wie Gitarre spielen und Golf genießen könnte, hält sich bedeckt. Auf Nachfragen erklärte er stets, er konzentriere sich auf seine verbleibende Zeit als Vorsitzender. Als erfahrener Dealmaker aus seiner Zeit bei der Private-Equity-Firma Carlyle Group gibt Powell keine Hinweise auf seine Pläne.
Eskalation durch Justizministerium
Die Situation hat sich dramatisch zugespitzt. Eine vom US-Justizministerium angedrohte strafrechtliche Anklage, die Powell als "Vorwand" zur Beeinflussung der Geldpolitik verurteilte, brachte das Fass zum Überlaufen. Powell reagierte mit einer außergewöhnlichen Videoansprache auf YouTube – ein Bruch mit seiner jahrelangen Zurückhaltung gegenüber Trumps Kampagne für aggressive Zinssenkungen.
Trump fordert seit Langem niedrigere Zinsen und kritisiert die Fed für zu langsame Maßnahmen. Die Beziehung zwischen beiden ist seit 2018 von ungewöhnlich scharfer öffentlicher Kritik geprägt. Obwohl Trump in einem Reuters-Interview erklärte, er habe keine Pläne, Powell zu entlassen, befindet sich die Situation in einem "Holding Pattern".
Historisches Präzedenzfall könnte fallen
Ein Verbleib Powells würde ein fast acht Jahrzehnte altes Präzedenzfall brechen. Üblicherweise machen scheidende Fed-Vorsitzende Platz für ihre Nachfolger. Der letzte, der nach Ablauf seiner Amtszeit im Gouverneursrat blieb, war Marriner Eccles, der dies über drei Jahre nach seinem Ausscheiden im Januar 1948 tat.
Als Institutionalist und Vertreter der "alten Garde" der Republikanischen Partei, der von beiden großen Parteien unterstützt wurde, könnte Powell die Entscheidung als notwendig erachten, sollte er die Unabhängigkeit der Fed gefährdet sehen. Die frühere Präsidentin der Cleveland Fed, Loretta Mester, warnte, dass selbst die bloße Möglichkeit einer politischen Einflussnahme einen "Kostenfaktor" für die Glaubwürdigkeit der Zentralbank darstelle.
Machtbalance im Gouverneursrat
Die Zusammensetzung des derzeitigen siebenköpfigen Gouverneursrates ist zwischen Trump- und Biden-Ernennungen gespalten. Sollte Powell bleiben, könnte er bei möglichen parteiischen Differenzen zum entscheidenden "Swing Vote" werden. Mark Spindel, CIO bei Potomac River Capital, betonte, dass eine Mehrheit im Gouverneursrat "alle möglichen Reorganisationen und Reformen" ermöglichen würde, die über reine Zinssätze hinausgehen.
Die rechtliche Grundlage für die Entfernung von Fed-Gouverneuren ist auf "wichtigen Grund" beschränkt – ein Begriff, der juristisch noch nicht definiert ist, aber typischerweise auf Verfehlungen abzielt, nicht auf Meinungsverschiedenheiten in der Geldpolitik. Das Prinzip der politischen Unabhängigkeit der Zinspolitik gilt international als Schutz vor Inflation durch kurzfristige politische Interessen.
Unterstützung aus den Fed-Reihen
Andere regionale Fed-Präsidenten äußerten sich unterstützend. Austan Goolsbee von der Chicago Fed bezeichnete Powell als "Fed-Vorsitzenden, der in die Hall of Fame gehört". Neel Kashkari von der Minneapolis Fed betonte die Notwendigkeit der Freiheit von politischer Einmischung.
Der designierte Finanzminister Scott Bessent kritisierte die Fed in der Vergangenheit wegen "Mission Creep und institutioneller Aufblähung". Ob er oder ein neuer Vorsitzender diesen Kurs durchsetzen können, hängt möglicherweise von Powells Unterstützung ab – was eine Verzögerung seines Ruhestands bedeuten könnte. Auch Fed-Vize Philip Jefferson, dessen Amtszeit 2027 endet, steht vor einer ähnlichen Entscheidung.
Die kommenden vier Monate bis zum Ende von Powells Amtszeit als Vorsitzender und die notwendige Bestätigung eines Trump-Kandidaten durch den Senat bieten Raum für weitere Entwicklungen in diesem Machtkampf um die Unabhängigkeit der mächtigsten Notenbank der Welt.
