Jenseits der Zapfsäule: Wie viel Öl verbrauchen wir tatsächlich?
UBS-Studie zeigt: Globale Ölnachfrage steigt bis in die 2030er Jahre – trotz Elektroautos und Effizienzgewinnen.

Die globale Ölnachfrage wird laut einem Forschungsbericht der UBS bis in die 2030er Jahre weiter steigen. Bevölkerungswachstum, Urbanisierung und steigende Lebensstandards in Schwellenländern gleichen den rückläufigen Kraftstoffverbrauch durch Elektrofahrzeuge und Effizienzgewinne aus. Der Bericht relativiert damit die verbreitete Annahme, dass die Energiewende den Ölbedarf schon bald sinken lässt.
Der weltweite Ölverbrauch erreichte 2025 einen Rekordwert von 105 Millionen Barrel pro Tag. Das entspricht etwa 17 Milliarden Litern pro Tag oder rund zwei Litern pro Person weltweit. Diese Zahlen machen deutlich, wie tief Öl noch immer in der globalen Wirtschaft verankert ist.
Der Bericht hebt die anhaltende Abhängigkeit der Weltwirtschaft von Öl jenseits des Transportsektors hervor. Erdöl dient auch als wichtiger Rohstoff für Kunststoffe, Chemikalien, Synthetikfasern, Pharmazeutika, Verpackungen und eine breite Palette industrieller Produkte. Wer also nur auf Autos und Lastwagen schaut, erfasst nur einen Teil des Bildes.
Verkehr macht nur etwas mehr als die Hälfte der Nachfrage aus
Die UBS gab an, dass der Verkehrssektor etwas mehr als die Hälfte der Nachfrage ausmacht, während Petrochemie, Industrie, Gebäude und Stromerzeugung den Großteil des Rests darstellen. Der Straßenverkehr allein steht für weniger als die Hälfte der globalen Ölnachfrage: Personenkraftwagen machen 27% aus, der Straßengüterverkehr 18%.
Hinzu kommen weitere Segmente mit teils erheblichem Gewicht. Der Luftverkehr trägt 7% zur globalen Ölnachfrage bei, die Schifffahrt 4% und Schiene sowie Wasserstraßen 2%. Auf die Petrochemie entfallen 15%, auf andere industrielle Anwendungen 13%. Diese Aufteilung zeigt, dass der Ölverbrauch längst nicht nur eine Frage des Tankens an der Zapfsäule ist.
Indien könnte China als Wachstumstreiber ablösen
Schwellenmärkte werden laut dem Bericht zur Hauptquelle für zusätzliche Nachfrage. Die UBS erklärte, dass Indien zunehmend in der Lage ist, China als wichtigen Treiber des globalen Ölbedarfs zu ersetzen – aufgrund seiner Demografie, der wirtschaftlichen Expansion und des relativ niedrigen Pro-Kopf-Verbrauchs. Indiens Ölverbrauch liegt bei etwa 0,6 Litern pro Person und Tag, verglichen mit rund 1,9 Litern in China, so die Schätzungen der UBS.
Der Bericht weist darauf hin, dass ein niedriger Pro-Kopf-Verbrauch in Indien, Indonesien, Pakistan und Nigeria auf ein erhebliches Potenzial für das Nachfragewachstum hindeutet, wenn die Einkommen steigen und die Urbanisierung sich beschleunigt. Für deutsche Anleger, die in Energiewerte oder Rohstofffonds investieren, ist diese geografische Verschiebung ein zentraler Punkt: Das Wachstum verlagert sich zunehmend weg von den etablierten Industrienationen hin zu aufstrebenden Volkswirtschaften.
Peak bei Benzin und Diesel erst im nächsten Jahrzehnt
Die UBS erwartet, dass Elektrofahrzeuge und verbesserte Kraftstoffeffizienz schließlich den Benzin- und Dieselbedarf eindämmen werden. Diese Kraftstoffe dürften wahrscheinlich irgendwann im nächsten Jahrzehnt ihren Höhepunkt erreichen. Der Abschwung bei den klassischen Straßenkraftstoffen kommt also – aber später als oft angenommen.
Das meiste Wachstum im Ölbedarf dürfte nach Einschätzung der UBS jedoch aus Sektoren außerhalb des Straßenverkehrs kommen. Genannt werden insbesondere Petrochemierohstoffe wie Naphtha, verflüssigtes Erdgas und Ethan, zusammen mit einem steigenden Kerosinverbrauch. Diese Bereiche hängen weit weniger stark von der Elektrifizierung des Autoverkehrs ab als Benzin und Diesel.
Verzerrte Daten an großen Verkehrsknotenpunkten
Der Bericht warnte zudem, dass Ölverbrauchsdaten in Ländern mit großen petrochemischen Industrien oder wichtigen Verkehrsknotenpunkten verzerrt sein können. Singapur zum Beispiel verzeichnet außergewöhnlich hohe Pro-Kopf-Verbrauchswerte wegen seiner Rolle als globales Marine-Bunkering-Zentrum und Luftfahrt-Hub. Solche Sonderfälle sollte man bei der Interpretation nationaler Verbrauchszahlen stets berücksichtigen.
Für Privatanleger ergibt sich daraus ein differenziertes Bild: Die Ölnachfrage ist robuster als viele erwarten, ihre Struktur verschiebt sich aber. Nicht der Straßenverkehr, sondern Petrochemie, Industrie und die aufstrebenden Märkte Asiens und Afrikas bestimmen künftig das Wachstum – ein Trend, den die UBS in ihrem Bericht klar herausarbeitet.
