Jagd in Deutschland: Influencer-Werbung und die Frage der Waidgerechtigkeit
Immer mehr Jäger, ein wachsender Markt – doch Influencer-Werbung und fragwürdige Videos sorgen für wachsende Kritik.

Die Zahl der Jägerinnen und Jäger in Deutschland ist deutlich gestiegen. Waren 1995 noch fast 329.000 Menschen mit Jagdschein unterwegs, sind es 2025 rund 468.000 – ein Zuwachs von 42 Prozent. Damit wächst auch der Markt für Waffen, Munition und Ausrüstung, und die Branche buhlt zunehmend um neue Kundschaft.
Ein Mittel dazu ist Werbung mit gesponserten Influencern. Jagdausrüster setzen verstärkt auf bekannte Gesichter aus sozialen Netzwerken, um ihre Produkte zu präsentieren. Doch genau dieser Trend gerät nun in die Kritik, weil einige dieser Werbepartner mit tierschutzwidrigen Videos auffallen.
Der Naturschutzbund NABU kritisiert insbesondere Distanzschüsse und die Tötung von Wild ohne Waidgerechtigkeit. Jörg-Andreas Krüger vom NABU findet dafür drastische Worte: "Schießbudenschießen auf Wildtiere und saugefährliche Distanzschüsse." Die Vorwürfe richten sich gegen eine Form der Jagd, die aus Sicht der Kritiker nicht mehr mit dem Selbstverständnis eines verantwortungsvollen Jägers vereinbar ist.
Ausbildung: Ein Flickenteppich mit Folgen
Ein weiterer Streitpunkt ist die Ausbildung zum Jagdschein, die in den Bundesländern uneinheitlich geregelt ist. Der Deutsche Jagdverband empfiehlt mindestens 100 Stunden Theorie. Bayern verlangt mindestens 120 Stunden, davon 60 Stunden Praxis. In Mecklenburg-Vorpommern müssen Theorie und Praxis zusammen mindestens 130 Stunden umfassen.
Neben diesen staatlich geregelten Wegen bieten private Jagdschulen kompakte Intensiv- und sogenannte Managerkurse an, die teils bis zu 6.000 Euro kosten. Die Kritik richtet sich dabei nicht nur gegen die Zahl der Stunden, sondern gegen die fehlende Reifezeit: Wer in wenigen Wochen zum Jagdschein kommt, sammelt kaum praktische Erfahrung im Revier. Die Ausbildungsdauer allein sagt wenig über die tatsächliche Praxis-Erfahrung aus.
Wie unterschiedlich die Motivationen sind, zeigt das Beispiel von Nicolas Rath. Der 38-Jährige hat seinen Jagdschein vor zwei Jahren gemacht und beschreibt die Jagd als "das hochwertigste Lebensmittel, das wir uns vorstellen können". Zugleich betont er die Verantwortung: "Am Ende des Tages schießen wir auf ein Lebewesen und wollen das waidgerecht erlegen. Und das funktioniert nur, wenn alles passt. Da ist die Marke völlig egal."
Kosten und Konkurrenz um Reviere
Für Einsteiger ist die Jagd ein teures Hobby. Die Erstausstattung schlägt mit 3.000 bis 10.000 Euro zu Buche, die jährlichen Ausgaben liegen bei mehr als 4.300 Euro. Wer ein eigenes Revier pachten möchte, muss zudem Geduld mitbringen – in der Regel ist das erst nach drei Jahren möglich. Vor diesem Hintergrund definieren sich manche Jungjäger über Abschusserfolge und teure Ausrüstung, was die Kritik an einer reinen Konsumhaltung befeuert.
Die Jagdhersteller reagieren auf die Vorwürfe und distanzieren sich von Fehlverhalten ihrer Werbepartner. Für Rath ist die Marke beim entscheidenden Moment ohnehin bedeutungslos – ein Hinweis darauf, dass Werbung und jagdliche Praxis auseinanderfallen können.
Wald im Wandel: Warum die Jagd politisch wird
Der Streit um die Jagd hat auch eine ökologische Dimension. Zwischen 2017 und 2024 ging in Deutschland eine Waldfläche von über 900.000 Hektar verloren, ermittelt anhand von Satellitendaten des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Hauptursachen waren Stürme und Borkenkäfer, die vor allem Fichten-Monokulturen trafen.
Für den Aufbau klimaresilienter Mischwälder spielt die Jagd eine zentrale Rolle. Rehe und Rotwild fressen junge Triebe nachwachsender Bäume und erschweren so die Wiederbewaldung. Krüger sieht in mehr Jagdscheinen deshalb auch etwas Positives für den klimaresilienten Mischwald. Der NABU-Präsident fordert zugleich ein effizientes Wildtiermanagement und eine Reduzierung der Wildbestände.
Florian Asche vom Landesjagdverband Mecklenburg-Vorpommern setzt auf die jüngere Generation: Mit verbesserten Ausbildungsangeboten sollen junge Menschen erreicht werden. Ob das gelingt, hängt auch davon ab, wie die Branche mit Influencer-Werbung und den Vorwürfen mangelnder Waidgerechtigkeit umgeht.
Für Privatanleger, die auf Jagdausrüster und Hersteller wie Zeiss, Leica oder Frankonia setzen, ist das ein relevanter Punkt: Der wachsende Markt lockt neue Kunden, doch Imageschäden durch fragwürdige Werbepartner können die Marke belasten. Wer in diesem Segment investiert, sollte die Debatte um Ethik und Ausbildung im Blick behalten – sie entscheidet mit darüber, wie nachhaltig das Wachstum der Branche ist.
