IWF warnt vor Fehlallokation: Chinas Unternehmen schließen Lücken im Technologiegeschäft
Der IWF sieht wachsende Fehlallokationen in China, während lokale Firmen im Technologiesektor neue Erlösquellen erschließen.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) sieht in China eine wachsende „Fehlallokation" von Ressourcen. Krishna Srinivasan, Direktor der Abteilung Asien und Pazifik des IWF, sagte dies am Montag am Rande des Bund-Gipfels. Das Ungleichgewicht „muss korrigiert werden", betonte er.
Srinivasan appellierte an die politischen Entscheidungsträger, nicht „Sektoren auszusuchen", die sie unterstützen wollen. Stattdessen solle der Kapitalfluss nach Marktkräften gesteuert werden. Die Forderung ist anspruchsvoll, denn China verdoppelt seinen Fokus auf die technologische Entwicklung, während der Übergang weg vom Immobiliensektor weiterhin Schwierigkeiten bereitet. Dieser Sektor machte einst mehr als ein Fünftel der Wirtschaft aus.
Während Ökonomen und ehemalige Zentralbanker auf dem Bund-Gipfel in Shanghai über Technologie und Geldpolitik diskutieren, gehen die Unternehmen schneller voran, um neue Einnahmequellen zu erschließen. Lokale Firmen versuchen, die entstandenen Lücken dort zu schließen, wo es ihnen möglich ist. Internationale Investitionen bleiben dabei eine Option.
Die Details
In Shenzhen erzielt ein lokaler Partner von Kickstarter namens INNO100 in seinem Einzelhandelsgeschäft monatlich rund 5 Millionen Yuan (750.000 US-Dollar). Das berichtet Baron Wang, Gründer der Muttergesellschaft Longham Group. Zurückzuführen sei dies auf eine Kombination aus Einzelhandelsverkäufen, Gebühren für 3D-Druckdienste und Veranstaltungen, sagte er. Das Geschäft präsentiert neue Technikprodukte, ähnlich wie sein Pendant in Beverly Hills.
Wang plant, weitere zehn Filialen in China sowie fünf im Ausland zu eröffnen. Insbesondere bei Kunden aus den USA sieht er Chancen. „Es ist wirklich schwer für uns, die Beziehung zwischen China und den USA zu kontrollieren", sagte er. „Aber ich denke, Technologie sollte nicht zu sehr politisiert werden", fügte er hinzu, insbesondere im Bereich der Unterhaltungselektronik.
Ein zweites Beispiel kommt aus der Robotik: Yuan Minglun, Mitgründer und CTO von Kunwei Technology, sagte, dass das Unternehmen bereits große chinesische Hersteller von humanoiden Robotern mit Sensoren versorge. In den kommenden Monaten plane Kunwei, eine Fabrik in den USA einzurichten, um den Verkauf an amerikanische Startups im Bereich humanoider Roboter zu erleichtern. Darin spiegelt sich die anhaltende Lücke zwischen den US-amerikanischen und den chinesischen Lieferketten wider.
Wie sperrig diese Lücke sein kann, zeigt ein drittes Beispiel. Cyril Nader, Gründer und CEO des auf den Weltraum fokussierten Startups Phenix, hatte darauf abgezielt, eine Lieferkette außerhalb Chinas zu nutzen. Er wies jedoch darauf hin, dass die Vorlaufzeit für Teile, die nicht in China hergestellt werden, wie zum Beispiel Getriebe, bis zu 56 Wochen betragen kann. „In 56 Wochen weiß ich nicht, was ich noch tun werde", sagte er. „Wir werden weit voraus sein. Wir werden uns in [der] dritten Phase befinden."
Auch im Zahlungsverkehr bewegt sich etwas. Visa erhält nach 40 Jahren Zusammenarbeit mit China die grünen Lichtsignale Pekings für das Bankkartengeschäft. Diese Nachricht fällt in die Zeit, in der die Präsidenten der USA und Chinas ihr drittes Treffen in diesem Jahr planen. „Seit mehr als 40 Jahren ist Visa ein aktiver Beitragender zur dynamischen Zahlungslandschaft Chinas", sagte Ryan McInerney, CEO von Visa. Er wurde im Juni zum Vorsitzenden des US-China Business Councils ernannt.
US-Beamte haben während bilateraler Treffen in Bangkok in der vergangenen Woche Fragen zum Marktzugang für Mastercard und Citigroup in China angesprochen. Das geht auf einen Beamten des US-Finanzministeriums zurück.
Zur konjunkturellen Lage: Chinas Bruttoinlandsprodukt ist im dritten Quartal um 4,5 Prozent gestiegen. Steigende Exporte haben das allgemeine Wirtschaftswachstum angekurbelt, während die Einzelhandelsumsätze im September gegenüber dem Vorjahr mit 1,1 Prozent stärker als erwartet wuchsen. Die Produzentenpreise legten im vergangenen Monat zu.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 31.03.2026 berichtete aktien.news über den chinesischen KI-Wettlauf: Demnach reichten große Sprachmodelle wie DeepSeek für chinesische Unternehmen nicht mehr aus, und die Branche denkt über reine Chatbot-Technologie hinaus. Mehrere Führungskräfte bestätigten, dass chinesische Unternehmen gezielt nach Wegen suchen, KI direkt in Einnahmen umzuwandeln – also praktische Monetarisierungsstrategien zu entwickeln. Genau diese Stoßrichtung zeigt sich nun in den Geschäftsmodellen der hier beschriebenen Firmen wieder.
Am 02.08.2026 folgte ein weiterer Bericht von aktien.news, wonach der technologische Vorsprung der USA gegenüber China im Bereich künstliche Intelligenz rapide schwindet. Als Beispiele für ein breites Innovationsökosystem nannte der Bericht DeepSeek, Kimi K3 von Moonshot AI, Alibabas Qwen-Modellfamilie, Tencents Hunyuan, Zhipu AI und MiniMax.
Am 22.09.2026 berichtete aktien.news über die Vorbereitung des ersten Staatsbesuchs von Chinas Präsident Xi Jinping in den USA seit der Obama-Administration. Der Gipfel zwischen Xi Jinping und US-Präsident Donald Trump stand im Fokus der internationalen Aufmerksamkeit, erwartet wurden Gespräche über Handelsfragen, Technologiekonflikte und geopolitische Spannungen.
Am 08.10.2026 berichtete aktien.news über eine globale Verkaufswelle bei Staatsanleihen, die die Renditen US-amerikanischer Papiere auf einen Spitzenwert trieb und zugleich die Bewertungen hochkarätiger Technologieunternehmen belastete. China zeigte sich dem Bericht zufolge als bemerkenswerte Ausnahme: Die Rendite chinesischer 10-jähriger Staatsanleihen sank deutlich, wodurch ein klaffender Abstand zum US-Pendant entstand.
Was das für Anleger bedeutet
Die Aussagen des IWF-Direktors sind ein Signal, dass die Kapitalallokation in China politisch umstritten bleibt. Anleger, die auf chinesische Technologie setzen, sollten im Blick behalten, dass staatliche Lenkung und Marktkräfte derzeit in unterschiedliche Richtungen wirken. Srinivasan fordert ausdrücklich, dass Marktkräfte den Kapitalfluss steuern – nicht ausgewählte Sektoren.
Gleichzeitig zeigen die Unternehmensbeispiele, dass Erlöse nicht nur aus reiner Software, sondern auch aus Einzelhandel, Dienstleistungen und Sensorik für Robotik entstehen. Diese Bandbreite ist relevant, weil sie Abhängigkeiten von einzelnen Förderprogrammen reduziert. Wer in China engagiert ist, bekommt damit ein differenzierteres Bild als die reine Konjunkturdebatte.
Ein weiterer Punkt ist die geografische Streuung. Kunwei plant eine Fabrik in den USA, Phenix sucht eine Lieferkette außerhalb Chinas und stößt dabei auf lange Vorlaufzeiten. Für Anleger bedeutet das: Lieferkettenfragen bleiben ein eigenständiges Risiko, das nicht mit der Nachfrageseite verrechnet werden kann. Die Vorlaufzeit von bis zu 56 Wochen für Getriebe ist dafür ein konkretes Beispiel.
Hinzu kommt die Regulierungsebene im Finanzsektor. Die Signale für Visa sowie die US-Vorstöße zu Mastercard und Citigroup zeigen, dass Marktzugang ein Verhandlungsgegenstand zwischen beiden Regierungen ist. Solche Themen bewegen sich außerhalb der Reichweite einzelner Unternehmen.
Ausblick
Für die kommenden Tage und Wochen stehen mehrere Termine an, die für den Markt relevant sind:
- bis 22. Oktober: Financial Street Forum in Peking; Bund-Gipfel in Shanghai
- Oktober: Loan Prime Rate (LPR)
- Oktober: Alibabas Singles' Day Shopping Event beginnt offiziell
- bis 22. Oktober: Chinas Ministerpräsident Li Qiang besucht Russland
- Oktober: Apple veröffentlicht iPhone Duo
- bis 29. Oktober: Kommunistische Partei Chinas hält fünftes Plenum ab
Ob und wann es zu einem dritten Treffen der Präsidenten der USA und Chinas in diesem Jahr kommt, ist im Quelltext als Planung beschrieben, nicht als bestätigter Termin.
Kurz erklärt
- Fehlallokation: Eine Fehlverteilung von Ressourcen, bei der Kapital nicht dorthin fließt, wo es den höchsten Nutzen stiftet.
- Loan Prime Rate: Der Referenzzinssatz, an dem sich viele Kreditzinsen in China orientieren.
- Lieferkette: Die Abfolge aller Stationen und Zulieferer, über die Bauteile bis zum fertigen Produkt gelangen.
