Indiens Krankenhaus-Boom: Milliarden-Investitionen, aber Millionen ohne Versorgung
Privater Gesundheitsboom in Indien schließt Millionen durch explodierende Kosten von der Versorgung aus.

Der private Gesundheitssektor Indiens erlebt einen beispiellosen Boom. Krankenhausketten bauen massiv aus, sammeln Milliarden an den Börsen ein und locken globale Private-Equity-Investoren an. Doch ein neuer Regierungsbericht offenbart die Schattenseite dieser Entwicklung: Millionen Inder werden durch explodierende Kosten von der medizinischen Versorgung ausgeschlossen. Die Schere zwischen staatlichen und privaten Behandlungskosten klafft immer weiter auseinander.
In Miraj, einer Kleinstadt im Westen Indiens, zählt man entlang einer einzigen fünf Kilometer langen Straße mehr als 50 Krankenhäuser, Diagnosezentren und Kliniken – die meisten davon erst in den letzten fünf Jahren entstanden. Die Stadt ist kein Einzelfall, sondern ein Symbol für den rasanten Ausbau der privaten Gesundheitsinfrastruktur des Landes. Krankenhäuser fügen jedes Quartal tausende neue Betten hinzu, Diagnoseketten expandieren in kleinere Städte, und medizinische Institute sammeln über Börsengänge hunderte Millionen US-Dollar ein.
Allein Anfang August 2024 erlöste Manipal Health, Indiens größtes Mehrspezialitätskrankenhaus, mit seinem Börsengang fast eine Milliarde US-Dollar – der zweitgrößte IPO des Jahres in Indien. Auch globale Finanzinvestoren drängen in den Markt: Zwischen 2022 und 2024 verzeichneten indische Gesundheits- und Pharmaunternehmen knapp 600 Fusionen, Übernahmen und Private-Equity-Transaktionen im Wert von über 30 Milliarden US-Dollar. Vierzig Prozent dieser Mittel flossen direkt in Krankenhäuser, wie Daten von Grant Thornton belegen. Weitere 20 Milliarden US-Dollar wurden in den letzten zwei Jahren von der Branche eingesammelt.
Explodierende Kosten für Patienten
Doch der Boom hat eine Kehrseite, die ein neuer Bericht einer indischen Regierungsbehörde nun schonungslos offenlegt. Die Studie spricht von einer sich „vertiefenden Erschwinglichkeitskrise“ in den privaten Krankenhäusern des Landes. Demnach sind Behandlungen in privaten Einrichtungen oft fünf- bis zehnmal teurer als in staatlichen Krankenhäusern. Besonders bei schweren Erkrankungen wie Krebs, Herzkrankheiten oder Nierenversagen vergrößert sich diese Lücke weiter.
Der Bericht kritisiert das „ungebremste“ Wachstum von Kliniken und Diagnosezentren sowie die ungleichmäßige Umsetzung regulatorischer Standards. Dies führe zu „auffälligen Diskrepanzen sowohl in der Qualität als auch in den Kosten der Versorgung im Privatsektor“. Patienten seien willkürlichen Preisen und mangelhaften Praktiken ausgeliefert. Die „allgegenwärtige Kommerzialisierung der privaten Gesundheitsversorgung“ treibe verwundbare Haushalte direkt in katastrophale Schulden und zwinge sie zum Verkauf von Vermögenswerten.
Ein besonders drastisches Beispiel lieferte die Lebensmittel- und Arzneimittelbehörde des reichsten Bundesstaates Maharashtra: Dort wurden Infusionssätze (intravenös) in Krankenhäusern mit einer Gewinnspanne von erstaunlichen 1.800 Prozent verkauft. Die Behörde spricht von einer fast vollständig unüberwachten Preisgestaltung bei Medizinprodukten.
Streit um Preisregulierung
Die Regierungsbehörde hat eine Reihe von Empfehlungen vorgelegt, um die Missstände zu beheben. Dazu gehören eine Begrenzung der Krankenhauszimmerpreise auf das Niveau von Drei-Sterne-Hotels, eine Preisregulierung für essentielle Behandlungen und Routineeingriffe sowie Standardbehandlungsrichtlinien, um Überversorgung zu verhindern. Zudem wurde ausländisches Eigentum von über 51 Prozent an Krankenhausketten als problematisch markiert.
Die private Krankenhausbranche wehrt sich gegen diese Vorschläge. Siddhartha Bhattacharya, Generalsekretär von NATHEALTH, dem Verband der privaten Gesundheitsbranche, argumentiert, die Regierung solle sich auf die Senkung struktureller Kosten konzentrieren – etwa bei Steuern, Land, Kapital und Personal – statt Raten zu begrenzen. Die Gesundheitsversorgung sei kapitalintensiv, und die Rendite auf das eingesetzte Kapital liege bei rund zehn Prozent, „deutlich niedriger als in vielen anderen Sektoren der Wirtschaft, die oft 1,5- bis 2,5-mal höhere Renditen erzielen“. Einen Vergleich von Krankenhaus- mit Hotelpreisen lehnt er ab, da dies wichtige Compliance-Anforderungen wie Infektionskontrollstandards ignoriere.
Die größten Krankenhausketten des Landes – von Max Healthcare bis Fortis – warnen, dass willkürliche Obergrenzen die Investitionen in die Branche „ersticken“ und ausländische Investoren abschrecken würden.
Experten fordern staatliche Eingriffe
Experten für öffentliche Gesundheit sehen dies anders. Dr. Srinath Reddy von der Public Health Foundation of India betont, es brauche definitiv eine Debatte über Preisregulierung, da die private Gesundheitsversorgung in Indien derzeit ein reiner Verkäufermarkt sei. „Mit großem ausländischem Private-Equity-Geld, das insbesondere in die tertiäre Versorgung fließt, treffen Menschen außerhalb des Landes im Grunde Entscheidungen über die Preisgestaltung. Das sollte nicht der Fall sein“, sagte er der BBC.
Vivek ND, ein weiterer Experte für Gesundheitspolitik, verweist auf die „Superprofite“, die viele Krankenhäuser erzielt hätten. Die verstärkte Betonung auf unnötige Tests und Diagnostik müsse untersucht werden. Allerdings räumt er ein, dass breitere Konsultationen mit der Branche nötig seien, bevor Empfehlungen verbindlich würden.
Dr. Reddy warnt zudem vor pauschalen Preisobergrenzen: „Kosten werden von Staat zu Staat und von Stadt zu Stadt variieren, daher kann man nicht pauschale Obergrenzen im ganzen Land auferlegen.“ Stattdessen seien ordnungsgemäße landesweite Kostenschätzungen erforderlich.
Der Staat muss nachlegen
Einig sind sich alle Seiten in einem Punkt: Die öffentliche Gesundheitsversorgung muss massiv ausgebaut werden. Die aktuellen staatlichen Gesundheitsausgaben Indiens liegen bei lediglich 1,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) – weit unter dem Ziel von 2,5 Prozent, das vor fast einem Jahrzehnt in der National Health Policy festgelegt wurde, und noch weiter entfernt von den fünf Prozent, die die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt.
Der Regierungsbericht selbst stellt fest, dass die unverhältnismäßig niedrigen Ausgaben für sekundäre und tertiäre Gesundheitsversorgung die Bürger in teure private Einrichtungen treiben. Die Regierung müsse ihre Leistungen steigern, so Vivek, mit mehr öffentlichen Investitionen, um die Abhängigkeit von privaten Krankenhäusern zu reduzieren.
Gleichzeitig benötigt Indien geschätzte 300 Milliarden US-Dollar an zusätzlichen Gesundheitsinvestitionen, um Kapazitäten aufzubauen. Ein Großteil dieses Kapitals wird von privaten inländischen und ausländischen Investoren kommen müssen. Die politischen Entscheidungsträger stehen vor der Herkulesaufgabe, Investoren nicht zu vergraulen, während gleichzeitig sichergestellt werden muss, dass normale Bürger nicht von essentiellen Gesundheitsdienstleistungen ausgeschlossen werden.
