Indien reformiert Inflationsmessung: Lebensmittel-Gewichtung sinkt auf 36,75 Prozent
Neue VPI-Berechnung ab 2024 soll volatilere Preisschwankungen glätten und Geldpolitik stabilisieren.

Indien nimmt eine grundlegende Reform seiner Inflationsmessung vor. Die Gewichtung von Lebensmitteln im Verbraucherpreisindex (VPI) wird von derzeit 45,86 Prozent auf 36,75 Prozent gesenkt. Diese Anpassung könnte die Gesamtinflation künftig weniger volatil machen und der Zentralbank eine stabilere Grundlage für ihre Geldpolitik bieten.
Die indische Zentralbank nutzt den VPI als Anker für ihr Hauptinflationsziel von vier Prozent mit einer Toleranzspanne von plus oder minus zwei Prozentpunkten. Lebensmittelpreise schwanken stark aufgrund von Wetterbedingungen und Lieferengpässen, was die Gesamtinflation bisher stark beeinflusste. Die neue Gewichtung soll diese Ausschläge dämpfen.
Der aktuelle VPI-Warenkorb basiert noch auf Konsummustern aus den Jahren 2011 bis 2012. Ökonomen kritisieren seit langem, dass diese veralteten Daten die tatsächliche Inflation verzerren. Das indische Statistikministerium wird nun 2024 als neues Basisjahr verwenden, während 2025 als Übergangsjahr dient, um historische Daten statistisch anzupassen.
Modernisierung nach internationalen Standards
Die Anzahl der Hauptausgabengruppen wird von sechs auf zwölf verdoppelt. Damit passt sich Indien internationalen Standards an und erhält ein differenzierteres Bild der Preisentwicklung. Aktuelle Umfragen zeigen, dass Lebensmittel mittlerweile 39,7 Prozent der städtischen Haushaltsausgaben ausmachen, verglichen mit 43 Prozent in 2011/12. In ländlichen Gebieten sank der Anteil von 53 auf 47 Prozent.
Wohnung, Wasser, Strom und Gas bleiben mit 17,66 Prozent der zweitgrößte Inflationstreiber. Erstmals wird auch die Miete für ländliche Wohnungen erfasst. "Der Stichprobenumfang für Wohnungsmieten wurde sowohl in ländlichen als auch in städtischen Gebieten erhöht", erklärte Saurabh Garg, Sekretär des Ministeriums für Statistik und Programmdurchführung.
Transport macht 8,8 Prozent des Warenkorbs aus, Gesundheit 6,10 Prozent und Bekleidung samt Schuhe 6,38 Prozent. Kategorien wie Restaurants und Beherbergung, Bildung sowie Information und Kommunikation liegen jeweils bei rund 3,5 Prozent und spiegeln einen stärker dienstleistungsorientierten Konsum wider.
Digitale Wirtschaft erstmals berücksichtigt
Eine bedeutende Neuerung: Der VPI wird künftig Preise von E-Commerce-Plattformen einbeziehen. Erfasst werden unter anderem Flugpreise, Streaming-Abonnements, Telekommunikationstarife und weitere digitale Dienstleistungen. Dies trägt der wachsenden Bedeutung der digitalen Wirtschaft in Indien Rechnung.
Die jüngsten Inflationsdaten unterstreichen die Relevanz der Reform. Im Dezember stieg die Gesamtinflation auf 1,33 Prozent im Jahresvergleich, den höchsten Wert seit drei Monaten. Der Anstieg resultierte hauptsächlich aus einem verlangsamten Rückgang der Lebensmittelpreise. Im November hatte die Inflation noch bei 0,71 Prozent gelegen.
Für die indische Zentralbank könnte die neue Berechnungsmethode eine wichtigere Rolle spielen, als viele Beobachter zunächst annehmen. Eine geringere Volatilität der Inflationsmessung ermöglicht präzisere geldpolitische Entscheidungen und reduziert das Risiko von Fehleinschätzungen aufgrund temporärer Preisschocks bei Nahrungsmitteln.
