Hochzinsanleihen unter Druck: Warnsignale für Anleger im Blick
Credit Spreads weiten sich auf April-Niveaus aus – Experten sehen gelbes Licht, aber noch keine akute Gefahr für den Gesamtmarkt.

Der Markt für Hochzinsanleihen (High-Yield-Bonds) sendet zunehmend Warnsignale. Die Renditen sind auf 8,1 Prozent gestiegen, nach 7,22 Prozent noch vor einem Monat. Gleichzeitig haben sich die Credit Spreads auf Niveaus ausgeweitet, die zuletzt im April verzeichnet wurden – ein Zeichen dafür, dass Anleger höhere Risikoprämien für die Übernahme von Kreditrisiken fordern.
Credit Spreads bezeichnen die Renditedifferenz zwischen Unternehmensanleihen und Staatsanleihen (Treasurys) mit ähnlichen Laufzeiten. Breitere Spreads signalisieren, dass Investoren Unternehmensanleihen als risikoreicher einschätzen und entsprechend mehr Rendite verlangen. Im gesamten High-Yield-Markt liegen die Spreads laut der Federal Reserve Bank of St. Louis derzeit bei 315 Basispunkten – höher als vor einem Jahr, aber noch unter dem März-Niveau von 346 Basispunkten. Ein Basispunkt entspricht 0,01 Prozent.
Der Renditeanstieg spiegelt eine breitere Bewegung über alle Laufzeiten wider. Hintergrund sind Inflationssorgen aufgrund hoher Energiepreise sowie Bedenken über das US-Haushaltsdefizit, das im am 30. September endenden Fiskaljahr fast zwei Billionen US-Dollar erreichte. Auch die 10-jährige US-Staatsanleihe markierte Anfang der Woche ihren höchsten Stand seit 2002.
Ampel steht auf Gelb – noch nicht auf Rot
Michael Arone, Chef-Anlagestratege bei State Street Investment Management, beschreibt die aktuelle Lage treffend: Der High-Yield-Markt stehe auf „Gelb", sei aber „weit von Rot entfernt". Es sei nachvollziehbar, dass Anleger bei steigenden Kreditkosten eine höhere Entschädigung für zusätzliche Risiken einfordern. Die entscheidende Frage sei jedoch, ob es sich lediglich um eine Neubewertung des Zinsrisikos handele oder um den Beginn einer grundlegenderen Neubewertung der Kreditqualität.
Arone verweist auf weiterhin wachsende Unternehmensgewinne, solide Zinsdeckungsgrade und nur leicht gestiegene Ausfallraten. Dennoch warnt er: „Es gibt hier nur einen geringen Spielraum für Fehler, was meiner Meinung nach auch die Nervosität erhöht." Die Risikoprämien seien im historischen Vergleich immer noch niedrig, weshalb selbst subtile Veränderungen bei den Spreads besorgniserregend wirken könnten.
Besonders auffällig ist die Entwicklung im untersten Segment des Marktes. Die Spreads für CCC-bewertete Anleihen und darunter sind im vergangenen Jahr dramatisch auf rund 1.250 Basispunkte angestiegen. Der High-Yield-Markt umfasst Anleihen, die von S&P und Fitch mit BB+ sowie von Moody's mit Ba1 und darunter bewertet werden.
Kreditqualität auf Rekordhoch – trotz Stresssignalen
Trotz der Warnsignale betonen Experten die strukturelle Stärke des Gesamtmarktes. Kelley Gerrity, Strategin für festverzinsliche Wertpapiere bei Morgan Stanley Investment Management, hebt hervor, dass die Kreditqualität im High-Yield-Segment auf einem Rekordhoch liegt. BB-Anleihen machen inzwischen über 60 Prozent des Marktes aus – verglichen mit lediglich 38 Prozent vor der globalen Finanzkrise.
„Wir haben Unternehmen mit höherer Qualität hinzugewonnen, und bei den jetzt höheren Zinsen sieht man auch mehr Disziplin von Unternehmen, die höher verschuldet sind – allein wegen der höheren Kapitalkosten, was tatsächlich auch zu einem etwas gesünderen Bild beiträgt", sagte Gerrity. Morgan Stanley unterteilt die CCC-Kohorte zudem in zwei Segmente: performende Vermögenswerte mit einem Spread von 461 Basispunkten und notleidende Titel mit einem „Spread to Worst" von 2.818 Basispunkten.
Collin Martin, Leiter der Analyse und Strategie für festverzinsliche Wertpapiere am Schwab Center for Financial Research, beschreibt die Gesamtbewegung bei den High-Yield-Spreads als „geordnet". Die Risse im untersten Segment seien logisch und es sei noch zu früh, um von einer Ausbreitung auf den breiten Kreditmarkt zu sprechen.
Selektivität ist das Gebot der Stunde
Für Anleger leiten die Experten klare Handlungsempfehlungen ab. Gerrity rät zu Selektivität und sieht die besten Relative-Value-Chancen derzeit in der Single-B-Kohorte. Martin empfiehlt, den Fokus auf Unternehmen mit höherer Bonität zu legen und genau zu beobachten, ob auch in der BB-Kohorte die Spreads steigen – dort liegen sie aktuell bei 194 Basispunkten, gegenüber 179 Basispunkten vor einem Jahr.
R. J. Gallo, Chief Investment Officer für globale festverzinsliche Wertpapiere bei Federated Hermes, gibt zudem einen wichtigen Kontext: Die US-Notenbank Federal Reserve erhöhe die Zinsen in einem wirtschaftlich starken Umfeld. Da das gute Wachstum der Treiber der Zinserhöhungen sei, sei ein Einbruch im High-Yield-Markt nicht zu erwarten – denn Wachstum bedeute, dass die Umsätze der Unternehmen hoch bleiben. Für deutsche Anleger mit Engagement in US-Hochzinsanleihen bleibt die Botschaft klar: Wachsam bleiben, selektiv agieren und die Spread-Entwicklung im untersten Marktsegment genau im Auge behalten.
