Frankreich nach den Unruhen: Verliert Macron die Kontrolle über das Land?
Innenminister Laurent Nuñez räumt ein, dass die Polizei in einigen Städten die Kontrolle verlor – Frankreich treibt politisch und fiskalisch auf Sicht.

Laurent Nuñez, Frankreichs Innenminister, hat an einem Montagmorgen eingestanden, was kein Regierungsbeamter gern zugibt: Nach einem Wochenende voller Unruhen und Zerstörung hatte die Polizei in einigen Städten die Kontrolle verloren. Ladenbesitzer waren ihren eigenen Kräften überlassen, als sie sich Scharen von Plünderern gegenübersahen. Rathäuser wurden verwüstet.
Politiker und Kommentatoren debattierten den Rest des Tages darüber, wer für dieses spektakuläre Versagen von Rechtsstaatlichkeit und Ordnung verantwortlich war. Dabei übersahen sie aus Sicht der Autorin das größere Bild: Frankreich treibt politisch, fiskalisch und sozial auf Sicht. Nuñez reichte sein Rücktrittsgesuch bei Präsident Emmanuel Macron ein – Macron lehnte es ab. Irgendjemand muss schließlich die Verantwortung tragen; ein Rücktritt hätte das Gefühl verstärkt, dass das gesamte Land außer Kontrolle gerät.
Der Beitrag stammt aus dem wöchentlichen Newsletter von Roula Khalaf, der Chefredakteurin der Financial Times, die dort ihre Lieblingsgeschichten zusammenstellt. Die Autorin ist Kolumnistin bei der französischen Tageszeitung Le Monde.
Die Details
Die Präsidentschaftswahl liegt nur noch sechs Monate in der Zukunft – und bis dahin werden keine ernsthaften politischen Entscheidungen mehr getroffen. Genau genommen wurde in den vergangenen zwei Jahren keine ernsthafte politische Entscheidung getroffen, seit Macron die katastrophale Entscheidung traf, vorgezogene Wahlen auszuschreiben, die keine Mehrheit in der Nationalversammlung hervorbrachten. Das Parlament muss immer noch einen Haushalt verabschieden, der die Ausgaben kürzt, während die Demonstranten das Gegenteil fordern.
Auf der internationalen Bühne ist Macron weiterhin sehr aktiv, innerpolitisch aber ist er inzwischen eine „Lame Duck“. So entfremdet vom echten Leben, dass er seinen Freitagabend mit seiner Frau bei einem Céline-Dion-Konzert verbrachte, während Extremisten der Black Bloc sich am nächsten Tag darauf vorbereiteten, in den Straßen von Paris Chaos anzurichten.
Selbst der Präsidentschaftswahlkampf scheint außer Kontrolle zu geraten. Ein Feld von 30 Kandidaten wird von zwei Feuerköpfen dominiert, die bereits im letzten Jahrhundert aktiv waren und möglicherweise in einem Duell im zweiten Wahlgang aufeinandertreffen könnten: Marine Le Pen von der rechtsextremen Seite und Jean-Luc Mélenchon von der linksextremen Seite. Mélenchon versuchte zunächst, von dem Chaos zu profitieren; derzeit sieht es jedoch so aus, als sei Le Pen die Hauptnutznießerin. Die politische Mitte hingegen wurde längst ausgehöhlt. Macron hätte versuchen können, eine neue politische Kraft aufzubauen, doch er hatte andere Prioritäten.
Frankreichs fiskalische Krise ist weniger sichtbar, aber möglicherweise noch herausfordernder. Jahrzehnte unkontrollierter Staatsausgaben – Frankreich hatte seit 1974 keinen ausgeglichenen Haushalt mehr – und Jahre der „Whatever-it-takes“-Politik nach der Pandemie haben das öffentliche Defizit in diesem Jahr auf 5,4 Prozent des BIP getrieben. Die Staatsschulden haben 119 Prozent erreicht, ihr höchstes Niveau seit 1946, und wachsen weiter an. Auch die Renditedifferenz zwischen französischen und deutschen Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren ist auf Niveaus gestiegen, die seit der Eurozone-Schuldenkrise nicht mehr gesehen wurden. Sollten die aktuellen Unruhen andauern, werden sie Investoren abschrecken.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die jüngste Eskalation ist kein isoliertes Ereignis. Bereits am 25.09.2026 berichtete aktien.news unter dem Titel „Frankreichs Märkte unter Druck: Fünf Warnsignale für Anleger“, dass der Risikoaufschlag französischer Staatsanleihen gegenüber deutschen Papieren auf den höchsten Stand seit der Euro-Zonen-Krise 2012 gestiegen und auf mehr als 110 Basispunkte geklettert sei.
Nur einen Tag zuvor, am 24.09.2026, hatte aktien.news über eine Warnung der britischen Großbank Barclays berichtet: Die französische Präsidentschaftswahl im kommenden April könnte zum Risiko für den Euro und französische Staatsanleihen werden. Als Gründe nannten die Analysten Schuldenmarktturbulenzen, eine instabile Finanzlage und das Fehlen einigender Kräfte aus dem politischen Zentrum. In den Umfragen führte damals die rechtsextreme Spitzenkandidatin Marine Le Pen, auf Platz zwei lag ihr Rivale von der linken Flanke, Jean-Luc Mélenchon.
Am 02.10.2026 meldete aktien.news, dass Frankreich zum Brennpunkt der Unsicherheiten von Anlegern hinsichtlich der Tragfähigkeit der Staatsschulden geworden sei. Premierminister Sébastien Lecornu warnte am Vorabend der Vorstellung des Haushaltsplans für 2027 mit den Worten „Die Realität holt uns ein“ vor dem diesjährigen Anstieg der Staatsanleihekosten. Das Verhältnis von Staatsverschuldung zum Bruttoinlandsprodukt lag damals bei 119 Prozent.
Am 06.10.2026 berichtete aktien.news über eine eindringliche Warnung des Gouverneurs der Banque de France, Emmanuel Moulin. Ohne entschlossenes Handeln drohe dem Land, „schrittweise durch steigende Zinsen erstickt zu werden“, sagte Moulin gegenüber der Financial Times. Frankreich sei jedoch nicht Griechenland während der Eurokrise, betonte der Notenbankchef. Wenn es in diesem Jahr gelinge, einen Haushalt zu verabschieden, der Ausgaben kürzt und das Defizit wie von der Regierung vorgeschlagen verringert, würden die Märkte durch diesen konkreten Schritt der fiskalischen Konsolidierung beruhigt.
Was das für Anleger bedeutet
Die Kombination aus politischer Blockade und steigender Verschuldung ist für Investoren relevant, weil Frankreich nach Deutschland die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone ist – politische Verwerfungen strahlen daher direkt auf die gesamte Währungsunion aus. Der Risikoaufschlag französischer Staatsanleihen gilt dabei als wichtigster Frühindikator: Steigt er weiter, verteuert sich die Refinanzierung des französischen Staates. Die Banque de France hat bereits gewarnt, das Land drohe ohne Sanierung „schrittweise durch steigende Zinsen erstickt zu werden“.
Entscheidend ist aus Sicht der Beobachter, ob das Parlament einen Haushalt verabschiedet, der Ausgaben kürzt und das Defizit verringert. Genau dieser Schritt könnte die Märkte beruhigen; derzeit fordert die Straße jedoch das Gegenteil. Für Anleger bedeutet das eine anhaltende Unsicherheit über die fiskalische Tragfähigkeit des Landes – eine Situation, die die Autorin als schlecht, aber nicht unüberwindbar beschreibt. Abhilfemaßnahmen existieren demnach; offen ist allein, wer den politischen Mut aufbringt, die notwendigen Reformen einzuleiten.
Ausblick
Die Präsidentschaftswahl liegt sechs Monate in der Zukunft – laut früheren aktien.news-Berichten findet sie im kommenden April statt. Bis dahin rechnet die Autorin nicht mit ernsthaften politischen Entscheidungen. Offen bleibt insbesondere, ob das Parlament den notwendigen Sparhaushalt verabschiedet und ob die derzeitige Regierung bis zur Wahl handlungsfähig bleibt.
Die Protestbewegung ist dabei breiter als früher: Universitätsstudenten, Lehrer und wieder auftauchende Gilets Jaunes schlossen sich den führerlosen Schulprotesten mit eigenen Forderungen an – als Reaktion auf steigende Lebenshaltungskosten und unbezahlbare Benzinpreise. Am Samstag demonstrierten in Paris, nur wenige Straßen von den Randalierern entfernt, mehr als eine halbe Million Menschen aus allen Bevölkerungsschichten friedlich. Dies könnte ein Lichtblick in einem düsteren französischen Oktober sein. Ein Ausweg aus der politischen und fiskalischen Sackgasse, die die Menschen überhaupt erst auf die Straße getrieben hat, wurde bislang jedoch nicht gefunden.
Kurz erklärt
- Renditedifferenz (Spread): Abstand zwischen den Zinsen zweier Staatsanleihen, der das Risiko des schwächeren Schuldners abbildet.
- Defizit: Betrag, um den die staatlichen Ausgaben die Einnahmen eines Jahres übersteigen.
- Polycrisis: das gleichzeitige Zusammenwirken mehrerer Krisen, die sich gegenseitig verstärken.
