EZB-Studie: Wer besitzt Kryptowährungen im Euroraum wirklich?
Eine neue EZB-Analyse zeigt: Krypto-Besitzer in Europa sind überwiegend männlich, jung und wohlhabend – mit großen Unterschieden zwischen den Ländern.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat eine umfassende Analyse des Kryptowährungsbesitzes im Euroraum veröffentlicht. EZB-Ökonom Alejandro Zamora-Pérez wertete dafür Mikrodaten aus einer Zahlungsverhaltensstudie aus dem Jahr 2022 aus. Das Ziel: ein klares Bild davon zu zeichnen, wer im Euroraum tatsächlich Kryptowährungen besitzt – und warum.
Die unmissverständlichste Erkenntnis der Studie lautet: 67 Prozent der Kryptobesitzer im Euroraum sind männlich. Tendenziell handelt es sich um jüngere Männer mit verfügbarem Kapital. Das Klischee des „Krypto-Bros" findet damit eine solide statistische Grundlage.
Große Unterschiede zwischen den europäischen Ländern
Besonders aufschlussreich sind die erheblichen Unterschiede zwischen den einzelnen EU-Mitgliedstaaten. Österreich und Irland gelten als die kryptofreundlichsten Länder im Euroraum: Dort besitzen sogar Angehörige der Boomer-Generation mit höherer Wahrscheinlichkeit Kryptowährungen als italienische Millennials. Ein bemerkenswerter Befund, der zeigt, wie stark nationale Faktoren das Anlageverhalten beeinflussen.
Die baltischen Staaten sowie Griechenland weisen dagegen ein extrem ausgeprägtes Generationenprofil auf. Dort gehören die höchsten Eigentumsquoten der Generation Z, während ältere Bevölkerungsgruppen kaum Kryptowährungen halten. Die Studie verdeutlicht damit, dass Alter allein kein universeller Erklärungsfaktor ist – der kulturelle und wirtschaftliche Kontext spielt eine entscheidende Rolle.
Zamora-Pérez stellt in seiner Analyse fest, dass Geschlecht und Generationszugehörigkeit zwar weiterhin relevante Faktoren sind, jedoch teilweise als Stellvertreter für eine allgemeine Online-Affinität und die Vertrautheit mit digitalen Zahlungsmethoden fungieren. Wer digital versiert ist, greift eher zu Krypto – unabhängig von Alter oder Geschlecht.
Krypto als Ergänzung – nicht als Ersatz
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass Kryptowährungsbesitz im Euroraum überwiegend eine Ergänzung zu bestehenden Anlagen darstellt – und kein Ersatz dafür. Kryptobesitzer verfügen deutlich häufiger über klassische Anlageprodukte als der Durchschnittsbürger der Eurozone. Gleichzeitig halten sie mit signifikant höherer Wahrscheinlichkeit auch große Reserven an physischem Bargeld.
Statistisch hochsignifikant ist zudem ein weiterer Befund: Kryptobesitzer gaben in der Umfrage wesentlich häufiger als andere Teilnehmer an, einen Teil ihres Einkommens in bar zu erhalten. Zamora-Pérez verzichtet in seiner Studie bewusst auf Spekulationen darüber, welche Berufsprofile dahinterstecken könnten.
Die Studie unterscheidet außerdem klar zwischen Kryptobesitzern und tatsächlichen Krypto-Zahlern. Die Mehrheit der europäischen Kryptoinhaber betreibt lediglich sogenanntes „HODLing" – sie halten ihre digitalen Vermögenswerte, ohne damit aktiv zu bezahlen. Diejenigen, die Krypto tatsächlich für Zahlungen nutzen, ähneln den HODLern in Bezug auf Geschlecht, Bildung und Einkommen, legen jedoch deutlich größeren Wert auf Privatsphäre bei Transaktionen. Sie schätzen die Geschwindigkeit digitaler Zahlungen, möchten aber kein Bargeld mit sich führen müssen.
Digitaler Euro als mögliche Alternative
Die Erkenntnisse der Studie fallen in eine Zeit, in der die EZB die Endphase der Genehmigung für die Einführung des digitalen Euro durchläuft. Die neueste Spezifikation sieht vor, dass Nutzer Guthaben von bis zu 3.000 Euro in einer digitalen Brieftasche halten können. Offline-Transaktionen sollen dabei mit vollständiger, bargeldähnlicher Privatsphäre möglich sein – nur die beiden Transaktionsparteien wissen von dem Vorgang.
Damit bietet der digitale Euro nach Einschätzung der Studie eine noch bessere Privatsphäre als Bitcoin, da es keine permanente Blockchain gibt, die nachträglich analysiert werden kann. Möglicherweise übertrifft er sogar Bargeld in puncto Anonymität, da digitale Token – anders als Banknoten – nicht auf DNA oder andere Rückstände untersucht werden können.
Die Schlussfolgerung der Studie ist damit durchaus provokant: Europäische Krypto-Bros könnten zu den ersten Nutzern einer digitalen Zentralbankwährung werden – ausgerechnet jenes Instruments, das von vielen in der Krypto-Community skeptisch betrachtet wird.
