EZB steuert auf nächste Zinssenkung zu
Trump-Politik, Euro-Stärke und Asienimporte verstärken deflationären Trend in Europa

Die Europäische Zentralbank steht möglicherweise vor einer weiteren Zinssenkung. Laut einer aktuellen Analyse der Commerzbank überwiegt im EZB-Rat derzeit die Zahl der Vertreter, die für eine lockere Geldpolitik plädieren. In dem sogenannten „Hawkometer“, mit dem die Commerzbank die geldpolitische Haltung der 26 Ratsmitglieder misst, liegt die Zahl der „Falken“, die für höhere Zinsen eintreten, aktuell bei lediglich vier. Damit herrscht ein deutlicher Stimmungsumschwung zugunsten der „Tauben“, die sich für niedrigere Zinsen aussprechen. Diese Ausgangslage könnte für eine weitere Reduzierung der Leitzinsen sprechen, wenn sich der EZB-Rat zur vierten Sitzung des Jahres trifft.
Analysten rechnen mit einer Wahrscheinlichkeit zwischen 70 und 80 Prozent damit, dass die EZB den Leitzins um 25 Basispunkte senken wird. Sollte dies eintreten, wäre es bereits der siebte Zinsschritt nach unten seit dem Sommer des vergangenen Jahres. Der Einlagensatz, den Geschäftsbanken für bei der EZB geparkte Gelder erhalten, würde damit auf 2,25 Prozent sinken. Neben der dominierenden Position der Zinssenkungsbefürworter im EZB-Rat liefern auch Entwicklungen in der Realwirtschaft weitere Argumente für eine Lockerung der Geldpolitik.
Die Inflationsrate im Euroraum ist im März leicht auf 2,2 Prozent gesunken. Auch die Kerninflation ohne Energie und Lebensmittel ging um 0,2 Punkte auf 2,4 Prozent zurück. Zusätzlich beeinflussen externe Faktoren wie die Handelspolitik der Vereinigten Staaten unter Donald Trump die europäische Geldpolitik. Trumps Zollpolitik hat das Vertrauen in den US-Dollar erschüttert, was zu einer Aufwertung des Euro geführt hat. Dadurch verbilligen sich Importe, was den Inflationsdruck weiter verringert.
Finanzwissenschaftler Friedrich Heinemann sieht einen asymmetrischen Handelskonflikt, bei dem Europa wohl nicht mit Gegenzöllen auf US-Maßnahmen reagieren wird. Er prognostiziert steigende Preise in den USA, während in der Eurozone ein gegenteiliger Effekt eintritt. Besonders asiatische Waren, die in den USA nicht mehr absetzbar sind, könnten vermehrt nach Europa gelangen und dort das Preisniveau drücken. Diese Entwicklung dürfte sich ab Ende 2025 bemerkbar machen.
Die Commerzbank erwartet in diesem Zusammenhang bis Jahresende drei weitere Leitzinssenkungen der EZB um jeweils 25 Basispunkte. Auch Bundesbank-Präsident Joachim Nagel, bislang als „Falke“ eingeordnet, wird inzwischen als „neutraler Pragmatiker“ bewertet.
