EZB bereitet sich auf neue Schocks vor – Simkus warnt vor Risiken
Die Europäische Zentralbank muss sich auf neue wirtschaftliche Schocks einstellen, warnt EZB-Ratsmitglied Gediminas Simkus. Neben Handelskonflikten rückt besonders die militärische Bedrohung durch Russland in den Fokus der Währungshüter.

Die Europäische Zentralbank (EZB) steht trotz ihrer aktuell erfolgreichen Geldpolitik vor neuen Herausforderungen. EZB-Ratsmitglied Gediminas Simkus warnt in einem Reuters-Interview vor kommenden Schocks, die die Wirtschaft der Eurozone treffen könnten. Besonders die militärische Bedrohung durch Russland bereitet dem litauischen Zentralbankchef Sorgen.
Inflationsziel erreicht – aber Unsicherheit bleibt
Die EZB konnte im vergangenen Jahr als einzige große Zentralbank ihr Inflationsziel von zwei Prozent erreichen. Dies gelang trotz zahlreicher Unsicherheitsfaktoren wie US-Zölle, dem Ukraine-Krieg, chinesischem Dumping und steigenden Lebensmittelpreisen. Simkus betont jedoch, dass die derzeitige "gute Lage" mit stabiler Inflation, Wachstumspotenzial und neutralen Zinssätzen schnell gestört werden könne.
Die politische Turbulenz, die mit der Pandemie 2020 begann und die russische Invasion der Ukraine einschließt, werde wahrscheinlich anhalten. Die EZB müsse sich daher auf verschiedene Szenarien vorbereiten und ihre Instrumente flexibel halten.
Militärische Bedrohung im Fokus
"Wir haben Nachbarn im Osten, und das Risiko dort ist von anderem Charakter: Es ist die Bedrohung militärischer Aggression", erklärt Simkus. Die baltischen Staaten Litauen, Estland und Lettland äußern seit langem Befürchtungen hinsichtlich russischer Aggressionen, die sich in Cyberangriffen, Desinformationskampagnen sowie Drohnen- und Jet-Eindringlingen manifestieren.
Die EZB müsse sicherstellen, dass Bargeldverteilung und Zahlungssysteme gegen solche Risiken widerstandsfähig sind. "Bei erhöhtem militärischem Risiko streben die Menschen möglicherweise nach Bargeld, und man muss sehr effizient sein", so der Zentralbanker. Auch die Vorbereitung der Banken auf den Klimawandel stehe auf der Agenda.
Zinspolitik bleibt flexibel
Für die kommende EZB-Sitzung am 4. Februar erwartet Simkus keine Änderungen. Kleine Inflationsschwankungen um die Zwei-Prozent-Marke seien normal. Darüber hinaus gebe es jedoch wenig Gewissheit. Der EZB-Ratsmitglied widerspricht damit implizit seiner Kollegin Isabel Schnabel, die mögliche Zinserhöhungen ins Spiel gebracht hatte.
Simkus betont, dass die nächste geldpolitische Maßnahme mit gleicher Wahrscheinlichkeit eine Zinserhöhung oder -senkung sein könne. "Wir können uns nicht auf einen bestimmten politischen Pfad festlegen", erklärt er. "Wir müssen offen sein und akzeptieren, dass das Umfeld volatil ist und Schocks kommen."
Wirtschaft zeigt Widerstandsfähigkeit
Trotz der Volatilität habe sich die Wirtschaft gut angepasst. Prognostiker würden Bedrohungen oft überschätzen, während die Realwirtschaft weniger reaktiv auf Schocks reagiere. "Der Schlüssel liegt darin, nicht auf jede einzelne Datenänderung überzureagieren", so Simkus. "Wir müssen Trends und die großen Kräfte erkennen, die die Wirtschaft prägen."
Besonders bei Handelsspannungen sei Geduld gefragt. Zölle hätten einen geringeren, indirekten Einfluss auf die Inflation und beeinträchtigten zunächst das Wachstum. "Diese Schocks wirken sich unmittelbarer auf das Wachstum aus, während die Auswirkung auf die Inflation Zeit braucht", schließt Simkus. Die Finanzmärkte erwarten für 2026 keine Zinssatzänderungen, antizipieren aber für das Folgejahr mögliche Erhöhungen.
