Evonik weist BASF ab: 22,15 Euro pro Aktie zu wenig
Der Essener MDax-Konzern verweigert dem Konkurrenten Einblick in die Bücher und lehnt formelle Verhandlungen ab.

Der Vorstand des Essener Spezialchemiekonzerns Evonik hat ein Übernahmeangebot des Ludwigshafener Chemieriesen BASF als unzureichend zurückgewiesen. Wie die Financial Times berichtet, lehnte Evonik nicht nur den gebotenen Preis ab, sondern verweigerte dem Konkurrenten zugleich den Einblick in die Konzernbücher. Auch formelle Verhandlungen über eine Übernahme kommen für den MDax-Konzern nach dieser Darstellung nicht infrage.
BASF hatte am vergangenen Freitag einen unverbindlichen Kontakt zu Evonik eingeräumt. Damit bestätigte der Konzern zumindest, dass es Gespräche gegeben hat – ohne jedoch eine konkrete Offerte öffentlich zu machen. Die Financial Times hatte zuvor über den Annäherungsversuch berichtet und die Konditionen des Angebots bekannt gemacht.
Konkret soll BASF 22,15 Euro je Evonik-Aktie geboten haben. Gemessen am Schlusskurs des Vortages entspricht das einem Aufschlag von rund 23 Prozent. Für Aktionäre klingt ein solcher Aufschlag zunächst attraktiv, doch die Bewertung des Gesamtunternehmens spielt eine mindestens ebenso große Rolle.
Die Zahlen hinter dem Angebot
Das Eigenkapital von Evonik beläuft sich auf 10,32 Milliarden Euro. Hinzu kommen Nettoschulden von knapp 3,9 Milliarden Euro. Diese Schuldenlast müsste ein Käufer übernehmen – im Fall einer Übernahme würden die Verbindlichkeiten auf die Bücher von BASF übergehen. Für den Erwerber verteuert sich der Deal damit erheblich, denn der tatsächliche Kaufpreis setzt sich aus dem Eigenkapitalwert und der übernommenen Verschuldung zusammen.
Genau dieser Punkt dürfte für die ablehnende Haltung von Evonik mitentscheidend sein. Ein Angebot, das auf dem Papier einen Aufschlag von rund 23 Prozent bietet, muss den übernommenen Schuldenberg erst einmal rechtfertigen. Aus Sicht des Evonik-Vorstands reicht die gebotene Summe offenbar nicht aus, um den Wert des Unternehmens angemessen abzubilden.
Hinzu kommt die wettbewerbliche Dimension: BASF und Evonik sind direkte Konkurrenten im Chemiesektor. Eine Übernahme würde zwei Rivalen zusammenführen und könnte kartellrechtliche Fragen aufwerfen. Dass Evonik dem Wettbewerber keinen Blick in die Bücher gewährt, ist in diesem Zusammenhang ein deutliches Signal. Ohne Due-Diligence-Prüfung kann BASF die Risiken und Chancen des Geschäfts kaum bewerten – ein weiterer Grund, warum eine Transaktion derzeit in weite Ferne rückt.
Was das für Anleger bedeutet
Für Privatanleger ist die Nachricht vor allem deshalb relevant, weil sie die Bewertungsfrage in den Mittelpunkt stellt. Ein Übernahmeangebot liefert häufig eine Orientierungsmarke für den fairen Wert einer Aktie. Lehnt der Vorstand ein Angebot als zu niedrig ab, kann das den Kurs stützen, weil der Markt eine höhere Bewertung erwartet. Zugleich bleibt offen, ob überhaupt ein zweites, höheres Gebot folgt.
Anleger sollten daher die weitere Berichterstattung aufmerksam verfolgen. Entscheidend sind drei Punkte: ob BASF sein Angebot nachbessert, ob Evonik seine ablehnende Haltung lockert und ob regulatorische Hürden den Deal zusätzlich erschweren. Solange keine dieser Entwicklungen eintritt, bleibt die Übernahmefantasie eine reine Spekulation.
Klar ist: Mit dem abgelehnten Angebot und der verweigerten Einsicht in die Bücher hat Evonik die Tür vorerst zugestoßen. BASF steht damit vor der Wahl, entweder nachzulegen oder das Interesse an dem Essener Konkurrenten aufzugeben. Für die Aktionäre beider Unternehmen bedeutet das vorerst Unsicherheit – und eine Nachricht, die den Kurs der Evonik-Aktie kurzfristig bewegen dürfte.
