BASF will Evonik übernehmen: Bis zu 3.000 Jobs gefährdet
BASF bietet 22,15 Euro je Evonik-Aktie, doch die Evonik-Führung lehnt ab – nun drohen Einschnitte an mehreren Standorten.

Der Chemiekonzern BASF hat ein formelles Übernahmeangebot für den Wettbewerber Evonik vorgelegt. Der Preis liegt bei 22,15 Euro je Evonik-Aktie. Die Führung von Evonik hat das Angebot jedoch abgelehnt. Erst am vergangenen Freitag hatte BASF die Übernahmepläne offiziell bestätigt.
Für die Beschäftigten beider Konzerne steht damit viel auf dem Spiel. Evonik beschäftigt in Deutschland rund 20.000 Menschen, BASF knapp unter 50.000. Nach Schätzungen könnten bis zu 3.000 Evonik-Arbeitsplätze hierzulande gefährdet sein. Als besonders bedroht gelten die Standorte Marl und Essen. Auch Dossenheim, Hanau, Wesseling und Rheinfelden stehen unter Beobachtung.
Wo die Überschneidungen liegen
Der Grund für die Sorgen liegt in den überlappenden Geschäftsfeldern. Beide Unternehmen sind in Schlüsselindustrien wie Automobilbau, Bauwirtschaft, Konsumgüter und Kosmetik, Pharma sowie Landwirtschaft aktiv. Bei Produkten wie Tensiden, Emulgatoren, Weichmachern, UV-Filtern, Futtermittelzusätzen, Lacken und Beschichtungen sowie Hochleistungskunststoffen konkurrieren sie direkt.
In Marl produziert Evonik Hochleistungskunststoffe und Zusatzstoffe – ein Feld, das BASF auch am Stammsitz Ludwigshafen bearbeitet. An der Essener Goldschmidtstraße stellt Evonik Spezialchemikalien für Konsumgüter her, ebenfalls ein BASF-Produktfeld. Ein Insider bringt die Lage auf den Punkt: "Die Produktion dort stünde dann unter großem Rechtfertigungsdruck."
Doch es gibt auch Ergänzungen. Polyurethan-Weichschäume, Lacksystemzusätze und Futtermittelzusätze könnten sich sinnvoll verbinden lassen. Beraterkreise rechnen mit Synergien von rund 300 Millionen Euro pro Jahr. Solche Einsparungen entstehen in der Chemiebranche häufig durch den Abbau von Doppelstrukturen – und genau hier liegt das Risiko für Arbeitsplätze.
Kartellbehörden könnten eingreifen
Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist die Wettbewerbsaufsicht. Die Kartellbehörden könnten verlangen, dass einzelne Produktlinien abgespalten werden. Als mögliche Käufer solcher Teile gelten Lanxess, Clariant, Arkema und Celanese. Ein besonderes Risiko sehen Beobachter darin, dass die Koppelung essenzieller Zusatzstoffe Konkurrenten benachteiligen könnte.
Die Gewerkschaft IGBCE warnt vor den Folgen. Ihr Vorsitzender Michael Vassiliadis fordert: "Für die Beschäftigten und Standorte von BASF wie von Evonik braucht es vielmehr Zukunftsperspektiven und Investitionszusagen." Und weiter: "Beide Konzerne sollten sich hüten, diese Schraube zu überdrehen." Beide Unternehmen fahren bereits Restrukturierungs- und Personalabbauprogramme – die Beschäftigten sind also vorbelastet.
Politische Brisanz durch die RAG-Stiftung
Politisch heikel ist die Rolle der RAG-Stiftung, des größten Evonik-Aktionärs. Sie finanziert die Folgekosten des deutschen Steinkohlebergbaus. In ihrem Kuratorium sitzen Bundes- und Landespolitiker, darunter NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst. Der steht im kommenden Jahr vor einer Wahl – ein Verkauf an BASF dürfte damit auch zum politischen Thema werden.
Für Privatanleger bedeutet die Situation vor allem Unsicherheit. Ein Übernahmeangebot unter dem Widerstand des Managements ist kein abgeschlossenes Geschäft. Anleger sollten den weiteren Verlauf aufmerksam verfolgen: Entscheidend sind die Reaktion der RAG-Stiftung, mögliche Auflagen der Kartellbehörden und die Frage, ob BASF seinen Preis nachbessert. Solange diese Punkte offen sind, bleibt die Evonik-Aktie ein Übernahmekandidat mit erheblichem Risiko – und die Beschäftigten an den betroffenen Standorten warten auf Klarheit.
