Evonik lehnt BASF-Übernahmeangebot ab und überzeugt mit starken Quartalszahlen
Der Spezialchemiekonzern weist die Offerte über 24 Euro je Aktie zurück und meldet das stärkste Wachstum seit vier Jahren.

Der Spezialchemiekonzern Evonik hat ein Übernahmeangebot des größeren Konkurrenten BASF aus Ludwigshafen abgelehnt. BASF wirbt seit geraumer Zeit für einen Zusammenschluss und hat die Offerte auf 24 Euro je Aktie erhöht. Das Gesamtvolumen des Angebots liegt damit bei rund 11 Milliarden Euro. Der Vorstand von Evonik hält den Konzern jedoch allein für besser aufgestellt und will sich nicht auf eine Fusion einlassen.
Evonik ist nach eigener Darstellung nur zu einem vertraulichen Informationsaustausch bereit. In Essen wächst zugleich die Angst vor einer Übernahme durch die größeren Ludwigshafener. Die Ablehnung ist also nicht nur eine Frage des Preises, sondern auch eine Frage der Unabhängigkeit und der künftigen Ausrichtung des Unternehmens.
Der Vorstand sieht Evonik allein besser aufgestellt
Rückenwind für diese Haltung liefern die aktuellen Geschäftszahlen. Im dritten Quartal stieg der Umsatz um 13 Prozent auf 3,8 Milliarden Euro. Es ist das stärkste Wachstum seit vier Jahren. Der bereinigte operative Gewinn legte sogar um 40 Prozent auf 629 Millionen Euro zu. Unter dem Strich steht allerdings ein Verlust von 53 Millionen Euro, der auf Rückstellungen zurückzuführen ist.
Diese Rückstellungen hängen mit dem Sparprogramm zusammen und belaufen sich auf 313 Millionen Euro. Weltweit sollen bis 2029 insgesamt 3.200 Stellen abgebaut werden. Für das Gesamtjahr stellt Evonik einen bereinigten operativen Gewinn zwischen 2 und 2,2 Milliarden Euro in Aussicht. Die operative Entwicklung stützt damit die Argumentation des Vorstands, dass der Konzern aus eigener Kraft vorankommt.
Neue Anlage für Spezial-Silikone stärkt den Standort Essen
Ein sichtbares Zeichen für diese Strategie ist die neue Anlage für Spezial-Silikone in Essen, die in Betrieb genommen wurde. Zusammen mit einem Tanklager hat Evonik rund 52 Millionen Euro investiert. Die Anlage soll die Kapazitäten ausbauen, Transportwege verkürzen und die Versorgung zuverlässiger machen. Der Standort Essen soll dadurch als Produktions- und Entwicklungsstandort gestärkt werden, an dem rund 2.200 Menschen beschäftigt sind.
Evonik versteht sich als Spezialchemie-Unternehmen und damit als anders aufgestellt als BASF. Diese Abgrenzung ist ein zentrales Argument in der Auseinandersetzung um die Übernahme. Wer in Spezialchemikalien tätig ist, verdient sein Geld mit spezialisierten Produkten und weniger mit großen Basischemikalien-Mengen.
Die RAG-Stiftung hält rund 43 Prozent und steht im Zentrum
Eine Schlüsselrolle kommt der RAG-Stiftung zu, die rund 43 Prozent der Evonik-Aktien hält. Sie muss die dauerhaften Folgekosten des Steinkohlebergbaus finanzieren, etwa das Abpumpen von Grubenwasser. Ein Verkauf ihrer Beteiligung würde Einnahmen bringen, eine Fusion dagegen könnte Arbeitsplätze und Standorte kosten. Die Interessen sind daher nicht gleichgerichtet.
Entschieden wird über die Stiftung nicht allein: Ein Kuratorium mit Politikern aus Bund, den Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen und dem Saarland, Vertretern der Kommunen sowie von Gewerkschaften und Wirtschaft wirkt daran mit. Diese Struktur macht die Frage zu einem politischen Thema, nicht nur zu einer unternehmerischen.
Die Landespolitik stellt sich gegen eine Übernahme
Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen ist gegen den Zusammenschluss. Mona Neubaur von Bündnis 90/Grüne sagt: "Wir wollen, dass die Beschäftigten bleiben. Wir stehen zu diesem Standort und damit ist klar, dass wir gegen diese Übernahme sind". Wenige Monate vor den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen hat das Thema zusätzliches Gewicht, denn im Ruhrgebiet geht es um Arbeitsplätze und die Zukunft des Industriestandorts.
BASF verspricht, Beschäftigungs- und Standortzusagen einzuhalten. Die Sorge vor einem späteren Stellenabbau bleibt in Essen dennoch bestehen. Genau diese Skepsis dürfte die Verhandlungslinie von Evonik weiter stützen.
Für Privatanleger ist die Lage zweigeteilt. Auf der einen Seite steht ein Angebot von 24 Euro je Aktie, auf der anderen Seite ein Unternehmen, das operativ deutlich zulegt, aber unter dem Strich wegen der Rückstellungen einen Verlust ausweist. Anleger sollten deshalb auf drei Punkte achten: ob BASF sein Angebot erneut erhöht, wie sich die RAG-Stiftung als Großaktionärin positioniert und ob der politische Widerstand in Nordrhein-Westfalen Bestand hat. Bis dahin bleibt die Aktie ein Übernahmekandidat mit politischer Unwägbarkeit.
