EU-Autohersteller warnen vor katastrophalen Brexit-Zöllen auf E-Autos
EU-Autohersteller warnen vor 10-Prozent-Zöllen auf E-Fahrzeuge ab 2027 und fordern eine Verschiebung der Brexit-Regeln.

Europäische Automobilhersteller schlagen Alarm: Die ab Januar 2027 drohenden 10-Prozent-Zölle auf Elektrofahrzeuge zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich könnten die Branche jährlich 1,5 Milliarden Euro kosten und sie dem harten Wettbewerb aus China aussetzen. Der Verband ACEA fordert eine Verschiebung der verschärften Ursprungsregeln.
In einem Brief an die Europäische Kommission, der der Financial Times vorliegt, warnt die European Automobile Manufacturers Association (ACEA) vor „katastrophalen Auswirkungen" der geplanten Regeländerung. Ab dem 1. Januar 2027 sollen strengere Vorschriften darüber gelten, was als in Europa hergestelltes Fahrzeug gilt. Betroffen wären vor allem Elektroautos und Plug-in-Hybride, die zwischen dem Vereinigten Königreich und dem Kontinent gehandelt werden.
Die Ursprungsregeln als Stolperstein
Hintergrund der drohenden Zollbelastung sind die sogenannten Ursprungsregeln, die im Zuge des Brexit vereinbart wurden. Sie legen fest, welcher Anteil der Komponenten eines Fahrzeugs aus der EU oder dem UK stammen muss, um zollfrei gehandelt werden zu können. Eigentlich sollten diese Regeln bereits 2024 verschärft werden, doch Brüssel und London einigten sich damals auf eine Verschiebung bis 2027.
Die Hoffnung war, dass die europäischen Batterielieferketten bis dahin so weit aufgebaut sein würden, dass die strengeren Anforderungen erfüllt werden können. Doch diese Rechnung ist nicht aufgegangen. Die Verbreitung von Elektrofahrzeugen verläuft langsamer als erwartet, und der Aufbau einer unabhängigen europäischen Batterieproduktion gestaltet sich schwieriger als gedacht. Der Zusammenbruch des schwedischen Batterieherstellers Northvolt und die Probleme anderer europäischer Hersteller bei der Hochskalierung der Produktion haben die Situation zusätzlich verschärft.
82 Prozent der Fahrzeuge betroffen
Die ACEA, deren Brief von Mercedes-Chef Ola Källenius und Generaldirektorin Sigrid de Vries verfasst wurde, beziffert die drohenden Kosten präzise. Demnach würden rund 82 Prozent der 520.000 Elektro-Pkw und Transporter, die EU-Produzenten im Jahr 2027 im Vereinigten Königreich verkaufen wollen, gegen die Vorschriften verstoßen. Der Wert dieser Fahrzeuge liegt bei 17,9 Milliarden Euro. Sie müssten dann den vollen 10-Prozent-Zoll zahlen.
„Zusätzlich zu den direkten Kosten der Zölle wird die daraus resultierende negative Auswirkung auf die Wettbewerbsfähigkeit wahrscheinlich langfristige nachteilige Folgen für den Marktanteil unserer Mitglieder im UK haben", heißt es in dem Schreiben. Das Vereinigte Königreich ist der größte Exportmarkt für EU-Automobilhersteller. Sollten die Verkäufe dort zurückgehen, hätte dies „eine erhebliche schädliche Wirkung auf die Entwicklung sowohl der entstehenden europäischen Batterie- als auch der E-Fahrzeugindustrie".
ACEA schlägt gestaffelte Einführung vor
Um die Krise abzuwenden, schlägt der Verband eine zeitlich begrenzte Änderung der Vorschriften vor. Konkret soll die Anforderung, dass Batteriepacks in der EU oder im UK montiert werden müssen, bis 2030 verschoben werden. Die zusätzliche Anforderung, dass auch das Kathodenmaterial Ursprungsware sein muss, soll sogar erst 2032 in Kraft treten. Die Hersteller fordern also eine schrittweise Einführung über einen Zeitraum von fünf Jahren.
Auch die britische Industrie unterstützt die Forderung nach einer Verzögerung. Mike Hawes, Chief Executive der Society of Motor Manufacturers and Traders (SMMT), warnte gegenüber der FT: „In Zeiten intensiven globalen Wettbewerbs kann keine Seite Maßnahmen zulasten der Kosten, Investitionszurückhaltung oder Reduzierung der Verbraucherwahl riskieren." Er fordert eine „ausgewogene, langfristige Lösung, die den Handel schützt, Lieferketten unterstützt und die europäische Automobilwettbewerbsfähigkeit stärkt".
Politische Reaktionen bleiben vage
Eine Sprecherin der britischen Regierung erklärte, man arbeite mit den Autoherstellern zusammen und werde weiterhin mit der EU in Kontakt treten, um die Industrie auf beiden Seiten des Kanals zu unterstützen. Konkrete Zusagen machte sie jedoch nicht. Die Europäische Kommission lehnte eine Stellungnahme bislang ab.
Die drohenden Zölle kommen zu einem ohnehin schwierigen Zeitpunkt für die europäische Automobilindustrie. Die Hersteller kämpfen mit hohen Investitionen in die Elektromobilität, schwächelnder Nachfrage und dem wachsenden Wettbewerbsdruck aus China. Hinzu kommen Bedenken, dass in Großbritannien gebaute Autos möglicherweise nicht vollständig für Brüssels neue „Made in Europe"-Subventionen qualifiziert sind. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Politik den Warnungen der Industrie Gehör schenkt und die drohende Zollbelastung abwendet.
