Erneuerbare decken 60,7 Prozent des Stromverbrauchs in Deutschland
Wind, Sonne, Biomasse und Wasserkraft legen deutlich zu – das politische Ziel für 2030 bleibt aber weit entfernt.

Erneuerbare Energien haben in Deutschland beim Anteil am Stromverbrauch einen neuen Höchststand erreicht. In den ersten drei Quartalen des Jahres deckten Windkraft, Photovoltaik, Biomasse, Wasserkraft und der organische Anteil des Abfalls zusammen 60,7 Prozent des Stromverbrauchs. Diese Zahl stammt aus einer gemeinsamen Berechnung des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) und des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).
Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bedeutet das ein Plus von vier Prozentpunkten. Die Erzeugung aus erneuerbaren Quellen summierte sich von Januar bis September auf 237,5 Milliarden Kilowattstunden, ein Anstieg von 8,7 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig legte der Bruttostromverbrauch leicht zu.
Als Hauptgrund für den Zuwachs nennen die Berechner mehr Wind an Land und auf See sowie mehr Strom aus Photovoltaik. Rückläufig entwickelten sich dagegen die Wasserkraft, die unter geringen Niederschlägen litt, und die Biomasse, deren Erzeugung leicht zurückging. Der Anstieg fällt also nicht in allen Technologien gleich aus.
Die Details
Der Wert von 60,7 Prozent bezieht sich auf die ersten drei Quartale des laufenden Jahres. Für das erste Halbjahr hatte das Statistische Bundesamt einen Anteil von 59,1 Prozent ausgewiesen, damals ein Rekordwert. Der nun vorgelegte Wert für die ersten drei Quartale liegt noch darüber.
Zu den erneuerbaren Energien zählen in dieser Rechnung Windkraft, Solarenergie, Biomasse, Wasserkraft sowie der organische Anteil des Abfalls. Die Bandbreite ist also groß: Sie reicht von wetterabhängigen Quellen wie Wind und Sonne bis zu vergleichsweise konstant liefernden Anlagen wie Biomasse und Wasserkraft. Genau diese Mischung erklärt, warum sich einzelne Segmente unterschiedlich entwickeln.
Das politische Ziel sieht vor, dass Erneuerbare bis 2030 einen Anteil von 80 Prozent erreichen. Von diesem Wert ist Deutschland derzeit noch ein gutes Stück entfernt. Der aktuelle Zuwachs von vier Prozentpunkten zeigt zwar die Richtung, reicht aber allein nicht aus, um das Ziel zu erreichen.
Bemerkenswert ist, dass der Anteil der Erneuerbaren trotz eines leicht gestiegenen Bruttostromverbrauchs zulegte. Der Anteilswert misst das Verhältnis von Ökostrom-Erzeugung zum gesamten Stromverbrauch. Steigt der Verbrauch, muss die Erzeugung also überproportional wachsen, damit der Anteil steigt. Dass beides gleichzeitig gelang, unterstreicht das Tempo des Ausbaus.
Die Berechnung von ZSW und BDEW ist eine von mehreren regelmäßig veröffentlichten Auswertungen zur Stromerzeugung in Deutschland. Sie ordnet die Erzeugungsmengen dem Verbrauch zu und macht so sichtbar, welchen Beitrag die einzelnen Technologien leisten. Für das erste Halbjahr hatte das Statistische Bundesamt einen Anteil von 59,1 Prozent gemeldet.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 22.09.2026 berichtete aktien.news, dass der Anteil der Elektroautos an den Neuzulassungen in der Europäischen Union im Jahr 2025 einen neuen Rekord erreicht hat. Reine Stromer kamen demnach auf 17,3 Prozent aller neu zugelassenen Pkw, wie das Statistische Bundesamt unter Berufung auf Eurostat-Daten mitteilte. Vor zehn Jahren, im Jahr 2015, lag der Anteil reiner Elektroautos an den Neuzulassungen bei gerade einmal 0,4 Prozent.
Dieser Befund passt insofern zum aktuellen Bericht, als ein wachsender Bestand an Elektrofahrzeugen den Strombedarf tendenziell erhöht. Je mehr Fahrzeuge mit Strom statt mit Benzin oder Diesel fahren, desto mehr Ladeenergie wird benötigt. Für die Stromversorgung bedeutet das eine zusätzliche Nachfragekomponente, die neben Haushalten und Industrie zu berücksichtigen ist.
Was das für Anleger bedeutet
Für Privatanleger ist die Zahl vor allem ein Indikator für die Richtung der Energiewende. Ein steigender Anteil erneuerbarer Energien sagt etwas darüber aus, wie stark Wind- und Solaranlagen, Netze und Speicher ausgebaut werden müssen. Unternehmen entlang dieser Wertschöpfungskette – etwa Hersteller von Anlagen, Betreiber von Netzen oder Projektentwickler – sind von dieser Entwicklung abhängig.
Zugleich zeigt der Bericht die Grenzen des Ausbaus. Die schwache Wasserkraft wegen geringer Niederschläge und die leicht rückläufige Biomasse machen deutlich, dass nicht alle erneuerbaren Quellen verlässlich wachsen. Wer in diesen Bereich investiert, sollte die Wetter- und Standortabhängigkeit einzelner Technologien im Blick behalten.
Ein weiterer Aspekt ist die Nachfrageseite. Steigt der Stromverbrauch, verändert sich die Rechnung: Der Anteil der Erneuerbaren hängt nicht nur von der Erzeugung ab, sondern auch davon, wie viel Strom insgesamt verbraucht wird. Anleger sollten daher beide Größen verfolgen, nicht nur die Zubauraten neuer Anlagen.
Hinzu kommt die Unterscheidung zwischen Erzeugungsmenge und Anteilswert. Ein Plus bei der Erzeugung von 8,7 Prozent bedeutet nicht automatisch einen entsprechenden Sprung beim Anteil, weil der Verbrauch ebenfalls schwankt. Wer die Entwicklung über mehrere Quartale vergleicht, bekommt ein realistischeres Bild als bei der Betrachtung einer einzelnen Zahl.
Ausblick
Das ZSW erwartet für die Zukunft einen steigenden Strombedarf. Als Treiber gelten laut den Experten zum einen Klimaanlagen, deren Einsatz durch den Klimawandel zunehmen dürfte. Zum anderen sorgen künstliche Intelligenz und Rechenzentren für einen wachsenden Stromhunger. Beide Faktoren könnten den Druck erhöhen, den Ausbau der Erneuerbaren weiter zu beschleunigen.
Das politische Ziel von 80 Prozent Erneuerbaren bis 2030 bleibt damit der zentrale Maßstab. Ob es erreicht wird, hängt davon ab, wie schnell Wind- und Solaranlagen zugebaut werden und wie sich der Verbrauch entwickelt. Der aktuelle Wert von 60,7 Prozent markiert in dieser Rechnung einen Zwischenstand.
Kurz erklärt
- Bruttostromverbrauch: die gesamte in einem Zeitraum verbrauchte Strommenge, bevor Verluste und Eigenverbrauch der Kraftwerke abgezogen werden.
- Erneuerbare Energien: Energiequellen, die sich – anders als fossile Brennstoffe – nicht verbrauchen, etwa Wind, Sonne, Wasser und Biomasse.
- Kilowattstunde: die übliche Maßeinheit für Strommengen, mit der Erzeugung und Verbrauch gemessen werden.
