Amazon setzt auf Atomkraft in Maryland nach Absage des Rechenzentrums
Der Technologiekonzern unterstützt die Stromerzeugung am Kernkraftwerk Calvert Cliffs und prüft den Bau neuer Reaktoren.

Amazon.com hat seine Pläne aufgegeben, einen Rechenzentrums-Campus direkt neben einem Kernkraftwerk im US-Bundesstaat Maryland zu errichten. Der Technologieriese reagierte damit auf Widerstand aus der örtlichen Gemeinschaft. Stattdessen will Amazon nun die Stromerzeugung am Atomstandort unterstützen und die Möglichkeit prüfen, dort neue Reaktoren hinzuzufügen.
Dafür hat der Konzern eine Vereinbarung mit dem Energieversorger Constellation Energy unterzeichnet. Die Aktie von Constellation (Ticker CEG) verlor im Zuge der Meldung 3,99 Prozent. Im Mittelpunkt steht das Calvert Cliffs Clean Energy Center, ein Atomstandort an der Westküste der Chesapeake Bay.
Die Vereinbarung sieht vor, das Kraftwerk durch die Hinzufügung von 190 Megawatt Leistung zu modernisieren. Diese Kapazität wird wieder in das regionale Stromnetz eingespeist. Sie reicht aus, um etwa 147.000 neue Haushalte mit Strom zu versorgen.
Die Details
Das Abkommen zwischen Amazon und Constellation Energy verbindet zwei Elemente: eine Investition in die bestehende Kraftwerksinfrastruktur und eine langfristige Stromlieferung an den Technologiekonzern. Im Gegenzug für die Modernisierung von Calvert Cliffs wird Constellation dem Unternehmen langfristig bis zu 690 Megawatt Strom aus seinem gesamten Kraftwerksportfolio liefern.
Der Standort Calvert Cliffs liegt an der Westküste der Chesapeake Bay im Bundesstaat Maryland. Dort tritt Amazon nach dem Rückzug vom geplanten Rechenzentrums-Campus nun nicht mehr selbst als Betreiber eines eigenen Campus auf, sondern stärkt die Erzeugung am Kraftwerk. Der Konzern prüft zusätzlich die Option, an dem Standort neue Reaktoren zu ergänzen.
Die Zahlen machen die Dimension des Deals deutlich: 190 Megawatt zusätzliche Erzeugungsleistung auf der einen Seite, bis zu 690 Megawatt Liefervolumen für Amazon auf der anderen Seite. Die 190 Megawatt entsprechen der Versorgung von rund 147.000 Haushalten. Der ursprünglich geplante Rechenzentrums-Campus direkt neben dem Kraftwerk ist dagegen vom Tisch.
Hintergrund: Was bisher geschah
Der Vorgang ist Teil einer größeren Bewegung, bei der Technologiekonzerne ihre Energieversorgung zunehmend selbst absichern. Bereits am 16.01.2026 berichtete aktien.news, dass die Google-Mutter <a class="tvreplink" target="_blank" href="https://de.tradingview.com/symbols/Nasdaq%3AGOOG">Alphabet den Entwickler erneuerbarer Energien Intersect Power für 4,75 Milliarden Dollar übernommen hat, zuzüglich der Übernahme von Schulden. Es war das erste Mal, dass ein Technologiekonzern einen Energieentwickler vollständig in die eigene Organisation integriert.
Nur einen Tag später, am 17.01.2026, meldete aktien.news einen weiteren Baustein der Amazon-Strategie: Der Cloud-Gigant AWS schloss einen zweijährigen Liefervertrag mit dem Bergbaukonzern Rio Tinto ab. Das Kupfer stammt aus einer Mine in Arizona, die 2024 als erste neue US-Kupferquelle seit mehr als einem Jahrzehnt in Betrieb ging. Rechenzentren für künstliche Intelligenz benötigen enorme Mengen dieses Rohstoffs – von Kabeln über Stromschienen bis zu Transformatoren und Leiterplatten.
Am 17.04.2026 berichtete aktien.news über einen weiteren Energiedeal: Der US-Energieversorger NiSource unterzeichnete einen langfristigen Energieliefervertrag mit einer Tochtergesellschaft von Alphabet für ein großes Rechenzentrum im Norden des Bundesstaates Indiana. Die Stromlieferung soll voraussichtlich im Sommer 2026 beginnen. Gleichzeitig erweiterte NiSource eine bestehende Vereinbarung mit Amazon, um die Stromlieferung an Amazon-Standorte zu beschleunigen und Gutschriften auf Stromrechnungen für Haushalte vorzuziehen.
Erst am 26.09.2026 berichtete aktien.news, dass Amazon in diesem Jahr rund 220 Milliarden US-Dollar in Rechenzentren und KI-Infrastruktur investieren will. Das ist eine Summe, die nahezu dem gesamten verfügbaren Cashflow des Konzerns entspricht. Der aktuelle Maryland-Deal fügt sich in diese Strategie ein.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist der Vorgang aus mehreren Gründen relevant. Erstens zeigt er, wie stark die Energiefrage die Investitionsentscheidungen der großen Tech-Konzerne inzwischen bestimmt. Wer in Amazon investiert ist, investiert mittelbar auch in die Energiebeschaffung und -erzeugung, die für den Betrieb von KI-Rechenzentren notwendig ist.
Zweitens rückt die Kernkraft als mögliche Stromquelle für den wachsenden Energiehunger der Datenzentren in den Fokus. Der US-Atomstandort Calvert Cliffs wird ausgebaut, und Amazon prüft dort sogar zusätzliche Reaktoren. Das Modell unterscheidet sich von früheren Ansätzen, bei denen Technologieunternehmen vor allem auf Stromlieferverträge oder den Zukauf von Entwicklern erneuerbarer Energien setzten.
Drittens lohnt ein Blick auf die Kursreaktion: Die Constellation-Aktie (CEG) gab im Zuge der Nachricht 3,99 Prozent nach. Wie die Märkte derartige langfristige Liefervereinbarungen bewerten, hängt von vielen Faktoren ab. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Festzuhalten bleibt, dass sich die Geschäftsmodelle von Energieversorgern und Technologiekonzernen zunehmend verzahnen. Die 220 Milliarden US-Dollar, die Amazon in diesem Jahr in Rechenzentren und KI-Infrastruktur stecken will, sind eine der größten Investitionssummen im Technologiesektor. Die Energieversorgung ist dabei zur kritischen Engstelle geworden.
Ausblick
Amazon will die Stromerzeugung am Standort Calvert Cliffs unterstützen und die Möglichkeit prüfen, dort neue Reaktoren hinzuzufügen. Sollte dieser Schritt umgesetzt werden, würde der Konzern nicht nur als Stromabnehmer, sondern auch als Treiber des Kapazitätsausbaus an einem Atomstandort auftreten.
Constellation Energy wird dem Technologieunternehmen langfristig bis zu 690 Megawatt Strom aus seinem gesamten Kraftwerksportfolio liefern. Der Ausbau von Calvert Cliffs um 190 Megawatt soll die Einspeisung in das regionale Netz erhöhen.
Ein weiterer bereits terminierter Punkt betrifft den NiSource-Vertrag mit der Alphabet-Tochter: Die Stromlieferung für das Rechenzentrum im Norden von Indiana soll voraussichtlich im Sommer 2026 beginnen.
Kurz erklärt
- Rechenzentrum: Eine Anlage, in der viele Computer-Server gebündelt werden, um Daten zu verarbeiten und zu speichern.
- Megawatt: Eine Maßeinheit für Leistung, mit der die Erzeugungs- oder Lieferkapazität von Kraftwerken angegeben wird.
- Kernkraftwerk: Eine Anlage, die durch Kernspaltung Wärme erzeugt und daraus elektrischen Strom gewinnt.
