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Deutschlands Offshore-Windkraft: 16 Gigawatt blockierte Pipeline bremsen den Ausbau

EnBW weiht He Dreiht ein, doch 16 Gigawatt bereits bezuschlagter Flächen liegen in Nord- und Ostsee brach.

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Deutschlands Offshore-Windkraft: 16 Gigawatt blockierte Pipeline bremsen den Ausbau

EnBW hat den nach eigener Darstellung größten deutschen Offshore-Windpark eingeweiht. He Dreiht besteht aus 64 Windrädern mit je 15 Megawatt Leistung und kommt damit auf eine Gesamtleistung von 960 Megawatt. Der Park liegt 85 Kilometer nordwestlich von Borkum und 110 Kilometer westlich von Helgoland. Betrieben wird er ohne Subventionen, der Strom ist bereits vollständig verkauft.

Die Einweihung fällt in eine Phase, in der die deutsche Offshore-Industrie nach Einschätzung der Branche in der Krise steckt und ein Stillstand droht. Zwar hat Deutschland in diesem Jahr die Marke von über 10 Gigawatt installierter Offshore-Leistung überschritten. Zugleich liegen aber 16 Gigawatt bereits bezuschlagte Flächen in Nord- und Ostsee ungebaut brach. Auf der Messe Wind Energy in Hamburg, dem globalen Branchentreff im Zweijahresrhythmus, ist genau das der bestimmende Konflikt.

EnBW-Chef Georg Stamatelopoulos sagte zur Einweihung: "Wir brauchen mehr solche Projekte, die bezahlbaren, sicheren und sauberen Strom liefern." Der dänische Konzern Ørsted weihte zeitgleich Borkum Riffgrund 3 ein, ebenfalls ohne Subventionen. Dieser Park kommt auf 913 Megawatt, bestehend aus 83 Turbinen mit je 11 Megawatt.

Die Details

He Dreiht und Borkum Riffgrund 3 haben einen gemeinsamen Ausgangspunkt: Beide erhielten ihren Zuschlag bereits im Jahr 2017. EnBW hatte sich damals mit einem 0-Cent-Angebot durchgesetzt, also ohne Förderung. Der Weg bis zur Fertigstellung war für He Dreiht von Verzögerungen geprägt. Unter anderem brach ein 115 Meter langes Rotorblatt einer Vestas-Anlage ab.

Die jüngste Offshore-Auktion der Bundesnetzagentur im Jahr 2025 endete ohne ein einziges Gebot. Bundesregierung und Bundesnetzagentur hatten auf Ausschreibungen verzichtet, weil das Auktionsdesign geändert werden soll. Anfang September einigten sich die Beteiligten auf ein novelliertes Wind-auf-See-Gesetz. Es sieht vor, zunächst die Förderfreiheit zu prüfen und nur dann zweiseitige Differenzverträge einzusetzen. Solche Verträge benötigen eine EU-beihilferechtliche Genehmigung. Geplant sind jährliche Ausschreibungen in einem Korridor von 2 bis 4,8 Gigawatt. Die Regellaufzeit von Windparks soll von 25 auf 35 Jahre steigen.

Als Vorbild gilt Großbritannien, das auf zweiseitige Differenzverträge setzt und damit eine erfolgreiche Auktion erzielte. Ziel ist es, Betreibern sichere und kalkulierbare Erlöse zu verschaffen. Eine erste Lesung des Wind-auf-See-Gesetzes im Bundestag ist bislang allerdings nicht terminiert. Zur Messe entsendet Reiche Staatssekretär Rouenhoff.

Ein zentrales Problem bleibt die Pipeline. 2023 ersteigerten Total Energies und BP Flächen für 12,6 Milliarden Euro. Inzwischen fokussieren sich die Ölkonzerne wieder stärker auf Öl, weil Erneuerbare weniger rentabel erscheinen. Total Energies will eine 2024 ersteigerte Nordsee-Fläche zurückgeben. Aus der Branche kommt die Forderung, die verlängerte Laufzeit von 35 Jahren auch für bereits bezuschusste Parks zu gewähren.

Die Dimension des Problems geht über Deutschland hinaus. Laut Siemens Gamesa sind europaweit über 45 Gigawatt betroffen. Ørsted-Chef Rasmus Errboe, zugleich Vorsitzender von Wind Europe, sagte: "Diese Projekte müssen zurückgegeben werden, damit wir Planungssicherheit bekommen und die Lieferkette in Gang bringen." Vestas-Chef Henrik Andersen formulierte es auf der Messe drastischer: "Wir können nicht weiterhin zu diesen Konferenzen kommen und nicht über den tatsächlichen Ausbau sprechen, denn er findet nicht statt, Leute. Er findet nicht statt."

Hintergrund: Was bisher geschah

Bereits am 28.01.2026 berichtete aktien.news, dass Deutschland sein 30-GW-Ziel bis 2030 verfehlen dürfte. Laut einer Analyse der Deutschen WindGuard aus Varel würden bis 2030 voraussichtlich nur rund 20 Gigawatt Offshore-Leistung am Netz sein. Ende 2025 waren in deutschen Gewässern 1.680 Windräder mit einer Gesamtleistung von etwa 9,7 GW installiert. Die Verbände erwarten, dass das Regierungsziel frühestens 2032 erreicht wird.

Am 16.01.2026 meldete aktien.news, dass ein US-Bundesrichter dem norwegischen Energiekonzern Equinor grünes Licht für die Fortsetzung des Offshore-Windparks Empire Wind vor der Küste New Yorks gab. Die Trump-Regierung hatte das Projekt im Dezember zusammen mit vier weiteren Offshore-Windprojekten gestoppt.

Am 21.01.2026 berichtete aktien.news über den geplanten Multiterminal-Hub des Übertragungsnetzbetreibers Tennet in Heide an der Westküste Schleswig-Holsteins. Auf 50 Hektar Fläche unweit des ehemaligen Northvolt-Geländes soll eine Art gigantische Steckdose für Ökostrom entstehen, in die Kabel von Offshore-Windparks der Nordsee münden.

Am 16.09.2026 berichtete aktien.news, dass Ørsted-Chef Rasmus Errboe ein Vorgehen Europas gegen chinesische Windkraftanlagenhersteller fordert, die von unfairen staatlichen Subventionen profitieren, sich aber nicht von globalen Lieferketten abschotten will.

Was das für Anleger bedeutet

Für Privatanleger ist die entscheidende Frage, ob die 16 Gigawatt brachliegender Flächen tatsächlich in Bau gehen. Solange das nicht geschieht, fehlt der Lieferkette die Auftragspipeline, und es drohen Überkapazitäten. Betroffen sind davon Hersteller wie Vestas, Siemens Gamesa und Nordex sowie Zulieferer wie Flender, aber auch die Projektentwickler EnBW, Ørsted, RWE und Vattenfall.

Interessant ist die Rolle der großen Ölkonzerne. Total Energies und BP hatten 2023 für 12,6 Milliarden Euro Flächen ersteigert, konzentrieren sich nun aber wieder stärker auf Öl. Wenn solche Player ihre Flächen zurückgeben, verändert das die Erwartungen an künftige Auktionserlöse und damit an die Erlösseite des Staates.

Ein zweiter Punkt ist die Bezahlbarkeit. Laut BASF ist die Energieindustrie die einzige Branche, die Preisgarantien fordert. Vestas verweist darauf, dass die EU-Importabhängigkeit bei Energie seit dem Ukrainekrieg gestiegen ist. Der Weg dorthin ist umstritten — ob Förderfreiheit, Differenzverträge oder verlängerte Laufzeiten den Ausschlag geben, ist offen. Anleger sollten daher weniger auf kurzfristige Kurstreiber als auf belastbare regulatorische Entscheidungen achten.

Ausblick

Die nächsten Wegmarken sind klar umrissen. Das novellierte Wind-auf-See-Gesetz muss die EU-beihilferechtliche Genehmigung für zweiseitige Differenzverträge erhalten. Eine erste Lesung im Bundestag ist bislang nicht terminiert. Geplant sind jährliche Ausschreibungen im Korridor von 2 bis 4,8 Gigawatt, verbunden mit einer Regellaufzeit von 35 Jahren statt bisher 25 Jahren.

Ob die verlängerte Laufzeit auch für bereits bezuschusste Parks gilt, ist eine offene Forderung aus der Branche. Ebenso offen ist, ob Total Energies die 2024 ersteigerte Nordsee-Fläche tatsächlich zurückgibt. Die Messe Wind Energy in Hamburg bleibt der Ort, an dem die Branche diese Fragen im Zweijahresrhythmus verhandelt.

Kurz erklärt

  • Differenzvertrag: Ein Vertrag, bei dem die Differenz zwischen einem vereinbarten Referenzpreis und dem tatsächlichen Marktpreis ausgeglichen wird, damit Betreiber kalkulierbare Erlöse haben.
  • Auktion: Ein Verfahren, bei dem der Staat Nutzungsrechte für Flächen meistbietend vergibt.
  • Regellaufzeit: Die standardmäßig vorgesehene Betriebsdauer eines Windparks, nach der die Förderung endet.
  • Förderfreiheit: Der Betrieb eines Windparks ohne staatliche Subventionen, finanziert allein über den Stromverkauf.
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