Deutsche Börse startet 24/7-Handel, Jio Platforms feiert Rekord-IPO
Die Deutsche Börse öffnet den DAX-Handel rund um die Uhr, während Jio Platforms in Mumbai mit Indiens größtem Börsengang aller Zeiten debütiert.

Am 29. Oktober 2026 hat sich die globale Finanzlandschaft in zwei Bereichen spürbar verändert: In Europa erweitert die Deutsche Börse den Handel mit DAX-Aktien auf einen Betrieb rund um die Uhr. In Indien feierte Jio Platforms mit dem größten Börsengang der Landesgeschichte ein spektakuläres Debüt. Beide Ereignisse stehen für unterschiedliche Antworten auf dieselbe Entwicklung — den wachsenden Bedarf an Zugang, Geschwindigkeit und digitaler Skalierung in den Kapitalmärkten.
Die Deutsche Börse bietet künftig den durchgehenden Handel für alle 40 im DAX gelisteten Aktien an. Damit positioniert sich die Börse nach eigenen Angaben als erster europäischer Finanzinfrastrukturanbieter, der einen Rund-um-die-Uhr-Zugang zu Blue-Chip-Aktien ermöglicht. Bislang war der Handel auf Xetra, der zentralen elektronischen Plattform, auf die regulären Geschäftszeiten von 9:00 bis 17:30 Uhr beschränkt; die erweiterten Zeiten für Privatanleger reichten zuletzt von 8:00 bis 22:00 Uhr.
In Mumbai sorgte parallel Jio Platforms Ltd für Aufsehen. Das Unternehmen, das mehr als 530 Millionen Kunden bedient und von den globalen Schwergewichten Meta und Google unterstützt wird, schloss Indiens größten Börsengang aller Zeiten ab und nahm dabei 3,2 Milliarden US-Dollar ein.
Die Details
Für den durchgehenden Handel nutzt die Deutsche Börse die Plattform 360X, ein 2021 mit der Commerzbank gegründetes Joint Venture. Der Handel findet auf 360X statt, während die Abwicklung weiterhin über bestehende Clearstream-Konten läuft — ein Stück Kontinuität für die Teilnehmer. Die Börse stellte ausdrücklich klar, dass diese Aktivität vom offiziellen Xetra-Markt zu unterscheiden ist: Die offiziellen Eröffnungsauktionen auf Xetra bleiben unberührt, und die auf 360X außerhalb der Kernzeiten erzeugten Preise beeinflussen die offiziellen Eröffnungspreise des nächsten Geschäftstags nicht.
Eric Leupold, Head of Cash Market der Deutsche Börse Group, bezeichnete den Schritt als wichtigen Beitrag zum Aufbau einer wirklich verfügbaren europäischen Marktinfrastruktur. Carlo Kölzer, Co-CEO von 360X, betonte, die Plattform verbinde tiefe, regulierte Liquiditätspools mit der Flexibilität, die modernes Risikomanagement erfordere.
Auf der anderen Seite der Welt zeigte sich die Nachfrage nach Jio Platforms überwältigend. Der Börsengang war mehr als 22-fach überzeichnet und zog Gebote in Höhe von 77 Milliarden US-Dollar an. Die Aktien eröffneten bei 1.358 Rupien — ein deutlicher Aufschlag auf den IPO-Preis von 1.119 Rupien — und stiegen bis 11:02 Uhr IST auf 1.374,50 Rupien, was einem Kursplus von mehr als 22,8 Prozent in der Sitzung entspricht.
Mit einer Marktbewertung von rund 131,5 Milliarden US-Dollar ist Jio Platforms auf Anhieb Indiens zweitgrößtes börsennotiertes Unternehmen nach Marktkapitalisierung — hinter dem Mutterkonzern Reliance Industries und vor etablierten Häusern wie Bharti Airtel und HDFC Bank.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 19.06.2026 berichtete aktien.news, dass Jio Platforms offiziell seinen Börsengangs-Entwurf eingereicht hatte. Damals war von bis zu 270 Millionen neuen Aktien die Rede, und die Erlöse sollten laut Prospektentwurf gezielt zum Schuldenabbau der Tochtergesellschaft Reliance Jio Infocomm verwendet werden. Reliance Industries hielt mehr als 66 Prozent an Jio Platforms; zu den weiteren Anteilseignern zählten Google International mit 7,7 Prozent sowie Meta Platforms.
Am 15.10.2026 folgte die nächste Meldung: Der Börsengang sollte zwischen dem 21. und 23. Oktober an den Markt kommen und bis zu 302 Milliarden Rupien (knapp 3,2 Milliarden US-Dollar) einbringen, bei einem Preisband von 1.065 bis 1.119 Rupien pro Aktie. In derselben Berichterstattung wies aktien.news auf Bewertungszweifel hin: Anleger hinterfragten, ob die Positionierung von Jio als Technologieunternehmen gerechtfertigt sei. Ein weiterer Bericht vom 15.10.2026 ordnete das Volumen ein — gemessen in Rupien der größte Börsengang Indiens aller Zeiten, in Dollarbeträgen jedoch hinter dem Rekord des Hyundai-Motors-IPO von 2024 mit rund 3,3 Milliarden Dollar.
Am 20.10.2026 meldete aktien.news die Orderöffnung für das Vorhaben. Der Bericht erinnerte daran, dass globale Kriege und ihre Auswirkungen auf die Ölpreise den Mutterkonzern Reliance Industries unter enormen Druck gesetzt hatten und dass das Fehlen von KI-Champions indische Aktien bei ausländischem Kapital unbeliebt gemacht hatte.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger bringt der 24/7-Handel auf DAX-Werte mehr zeitliche Flexibilität, aber auch neue Fallstricke. Marktexperten raten zur Vorsicht: Der Handel außerhalb der Kernzeiten geht häufig mit geringerer Liquidität einher als in den regulären Sitzungen. Das kann zu weiteren Spannen zwischen Kauf- und Verkaufspreisen führen und die Transaktionskosten für Privatanleger erhöhen. Die Deutsche Börse hat ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Teilnehmer die Marktbedingungen und die Preisstellung sorgfältig prüfen sollten, bevor sie in diesen erweiterten Zeitfenstern Geschäfte ausführen.
Beim Jio-Debüt zeigt sich, wie groß der Kapitalhunger nach digital ausgerichteten Unternehmen in Schwellenländern ist. Zugleich bleibt die Bewertungsfrage bestehen, die bereits vor dem Börsengang diskutiert wurde. Anleger, die in indische Technologiewerte investieren, sollten die hohen Bewertungen im Blick behalten, die in der Berichterstattung als breitere Marktsorge genannt wurden.
Ausblick
Die Deutsche Börse hat mit dem Start des 24/7-Handels einen strukturellen Schritt vollzogen; weitere Angaben zu künftigen Ausbaustufen enthält die Ankündigung nicht. Bei Jio Platforms steht nach dem Debüt die weitere Entwicklung als börsennotiertes Unternehmen im Fokus. Der Börsengang ist Teil der Strategie von Reliance Industries Chairman Mukesh Ambani, den Konzern von seinen traditionellen Wurzeln als Öl- und Chemieunternehmen hin zu einem diversifizierten, konsumnahen Technologiekonzern umzubauen.
Kurz erklärt
- Blue-Chip-Aktien: Aktien großer, etablierter und hochkapitalisierter Unternehmen, die als besonders liquide gelten.
- Liquidität: Die Leichtigkeit, mit der ein Wertpapier gekauft oder verkauft werden kann, ohne den Preis stark zu bewegen.
- Spread: Die Differenz zwischen dem Kauf- und dem Verkaufspreis eines Wertpapiers.
