De Beers-Chef räumt Fehler bei Labordiamanten-Bedrohung ein
Anglo-American-CEO Wanblad gibt zu: Die Diamantenindustrie hat die Konkurrenz durch synthetische Steine massiv unterschätzt.

Die Diamantenindustrie hat die Bedrohung durch im Labor gezüchtete Edelsteine unterschätzt – das räumt Duncan Wanblad, Chef des Bergbaukonzerns Anglo American, offen ein. De Beers, das weltbekannte Diamantenunternehmen unter dem Dach von Anglo American, steht infolgedessen massiv unter Druck. Der Konzern hat den Wert von De Beers in den vergangenen drei Jahren bereits dreimal abgeschrieben und versucht nun, das Unternehmen zu verkaufen.
„Rückblickend zeigt sich wahrscheinlich, dass wir bei den Signalen, die wir bezüglich des Wettbewerbs durch Laborsteine erhielten, etwas aggressiver hätten reagieren sollen", sagte Wanblad der Financial Times. Die Branche habe darauf vertraut, dass sich der Markt wie nach früheren Einbrüchen schnell erholen würde. „Meistens erholen sich die Diamantenmärkte nach Einbrüchen sehr schnell. Und ich denke, es gab die volle Erwartung, dass dies auch hier der Fall sein würde", so Wanblad.
Rohdiamanten-Preise unter Pandemie-Niveau
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Im ersten Halbjahr 2025 verzeichnete Anglo American einen Preisverfall bei Rohdiamanten von 32 Prozent auf lediglich 105 US-Dollar pro Karat. Dieser Wert liegt sogar unter dem Niveau des von der Corona-Pandemie geprägten ersten Halbjahres 2020 – ein historisch schwaches Ergebnis. De Beers schrieb im ersten Halbjahr einen Cash-Verlust von 113 Millionen US-Dollar.
Zum Vergleich: Der Gesamtkonzern Anglo American profitierte im gleichen Zeitraum vom hohen Kupferpreis und steigerte seinen bereinigten Gesamtgewinn um ein Drittel auf 4 Milliarden US-Dollar. Die Diamantensparte bleibt damit das klare Sorgenkind des Konzerns.
Labordiamanten – sogenannte Lab-grown Diamonds – werden in industriellen Prozessen hergestellt und sind in der Produktion sowie im Einkauf deutlich günstiger als Natursteine. Verbraucher weltweit greifen zunehmend auf diese Alternativen zurück, was den Markt für Naturdiamanten nachhaltig erschüttert. Einige Branchenkenner sehen darin ein Versagen des Marketings der Naturdiamanten-Industrie. Der Einzelhandel hingegen profitierte bei Laborsteinen von wachsenden Absatzmengen und höheren Margen.
Minenschließungen und Produktionsstopps
Das schnelle Vordringen der Labordiamanten hat bereits konkrete Folgen für den Bergbaubetrieb. Es kam zu mehreren Schließungen und Unterbrechungen von Diamantenminen. De Beers kündigte im vergangenen Monat an, die Produktion in seiner Venetia-Mine in Südafrika vorerst einzustellen. Wanblad erwartet, dass etwa ein Fünftel des derzeitigen Angebots an Naturdiamanten „in den nächsten etwa 12 Monaten auslaufen" werde – und „nicht viele" dieser Betriebe würden den Betrieb wieder aufnehmen.
De Beers hatte erst in diesem Jahr seine eigene Labordiamanten-Produktion unter der Marke Lightbox eingestellt. Dieser Schritt unterstreicht die strategische Neuausrichtung des Unternehmens, das sich nun vollständig auf Naturdiamanten konzentriert.
Verkauf von De Beers schreitet voran
Anglo American erklärte, der Verkaufsprozess von De Beers „schreite voran", man habe jedoch noch keinen bevorzugten Bieter ausgewählt. Wanblad betonte, dass der Konzern derzeit „mit niemandem exklusiv" verhandle. Einem Konsortium unter der Leitung des ehemaligen De-Beers-Chefs Gareth Penny wird jedoch seit Längerem die Favoritenrolle zugeschrieben. Laut zwei mit der Angelegenheit vertrauten Personen liefen Verhandlungen über ein Geschäft im Wert von rund 1 Milliarde US-Dollar.
Darüber hinaus führen Nir Livnat, Exekutivvorsitzender der Diacore Group, sowie Michael O'Keeffe, nicht geschäftsführender Vorsitzender von Burgundy Diamond Mines, jeweils weitere Konsortien in diesem Bieterprozess an. Der Ausgang des Verkaufs dürfte richtungsweisend für die Zukunft der gesamten Naturdiamanten-Industrie sein.
