Datenmanipulation bei Chubu Electric erschüttert Japans Atompläne
Skandal bei Chubu Electric: Manipulierte Erdbebendaten erschüttern Japans Atompläne

Ein unabhängiger Untersuchungsausschuss hat schwerwiegende Missstände beim japanischen Energieversorger Chubu Electric Power aufgedeckt. Der am Montag veröffentlichte Bericht kommt zu dem Ergebnis, dass Druck von der Unternehmensleitung dazu führte, dass Mitarbeiter Erdbebendaten in einer Sicherheitsüberprüfung manipulierten. Der Skandal wirft 15 Jahre nach der Fukushima-Katastrophe erneut grundlegende Fragen zu Japans Rückbesinnung auf die Atomkraft auf.
Chubu Electric Power, das drittgrößte Versorgungsunternehmen Japans, habe „eine Art Vertuschung“ begangen, heißt es in dem Bericht des Gremiums. Konkret geht es um manipulierte Datensätze, die die Wahl der bei der Sicherheitsüberprüfung verwendeten seismischen Wellen zur Wiederinbetriebnahme des Kernkraftwerks Hamaoka rechtfertigen sollten. Bei den Datensätzen handelte es sich um Schätzungen darüber, wie stark der Standort in verschiedenen Erdbebenszenarien erschüttert werden würde. Diese Daten nutzen die Regulierungsbehörden, um zu bestimmen, ob das Design eines Kraftwerks diesen Belastungen standhalten könnte.
Die Manipulation wurde bereits im Januar öffentlich und markierte einen herben Rückschlag für die Pläne von Premierministerin Sanae Takaichi. Sie will Japans ungenutzte Kernkraftwerke nach der Fukushima-Katastrophe wieder ans Netz bringen. Die Regierung betrachtet die Wiederaufnahme des Betriebs als entscheidend, um die Energiekosten für Privathaushalte zu senken und den japanischen Rechenzentren für künstliche Intelligenz sowie traditionellen Fertigungsindustrien wettbewerbsfähige Strompreise zu bieten.
Führungswechsel und fragwürdige Unternehmenskultur
Die Konsequenzen ließen nicht lange auf sich warten: Am Montag traten sowohl der Chief Executive Officer als auch der Aufsichtsratsvorsitzende von Chubu Electric zurück. Der Untersuchungsausschuss zeichnete ein vernichtendes Bild der internen Kultur. Er identifizierte eine „äußerst ungewöhnliche“ Kultur bei den Ingenieuren von Chubu Electric, die „nach eigener Logik“ und „nach eigenem Gerechtigkeitsverständnis“ agierten und dabei die Einhaltung der Vorschriften für die nukleare Sicherheit beiseite schoben.
Besonders besorgniserregend ist die Erkenntnis des Gremiums: „Die Beteiligten scheinen nicht erkannt zu haben, dass an ihrem Handeln etwas Problematisches war.“ Ein Whistleblower beim Unternehmen hatte bereits 2021 Alarm wegen der Datenmanipulation geschlagen. Er sandte eine E-Mail aus drei Jahren zuvor, die zeigte, dass schwächere seismische Wellen ausgewählt worden waren. Doch das Unternehmen reagierte unzureichend: Chubu Electric beauftragte ausgerechnet die Abteilung, der das Fehlverhalten vorgeworfen wurde, mit einer Untersuchung zur Aufklärung der Tatsachen. Die Hotline für Whistleblower stellte schließlich fest, dass keine Verstöße gegen Compliance-Vorschriften gefunden worden seien.
Der unabhängige Ausschuss, der erst nach Bekanntwerden der Datenmanipulation gebildet wurde, sagte, dass Druck von der Unternehmensleitung einer der Faktoren war, der zu dem Fehlverhalten führte. Allerdings fanden die Ermittler keine Beweise dafür, dass führende Führungskräfte direkte Anweisungen gaben, die Daten für die Aufsichtsbehörde rückwärts zu entwickeln.
Historische Altlasten und Zukunftsaussichten
Japans Nuklearindustrie wurde durch die Reaktor-Schmelzen in Fukushima Daiichi im Jahr 2011 erschüttert, was zur Abschaltung des gesamten nationalen Reaktorbestands von 54 Anlagen führte. Der Vorfall enthüllte, was Kritiker als ein gemütliches „Nuklear-Dorf“ aus Versorgern, Politikern und Regulierungsbehörden bezeichneten. Dieses System verhinderte ein angemessenes Sicherheitsregime und ermöglichte Selbstzufriedenheit hinsichtlich der Risiken.
Seit der Katastrophe hat Japan 15 Reaktoren wieder in Betrieb genommen. Die Regierung zielt darauf ab, den Anteil der Atomkraft an der Stromerzeugung bis 2040 von derzeit 8,5 Prozent auf etwa 20 Prozent zu erhöhen. Das ist ein deutlicher Rückgang von etwa 30 Prozent vor Fukushima. Die beiden Reaktoren im Chubu Electric-Kraftwerk Hamaoka waren eine der großen Hoffnungen Japans, die Wiederbelebung fortzusetzen. Doch ihre geplante Wiederinbetriebnahme wird sich Analystenschätzungen zufolge voraussichtlich um drei Jahre auf 2032 beziehungsweise 2035 verschieben.
Chubu Electric hat seine Anträge auf Wiedereröffnung der beiden Reaktoren in Hamaoka zurückgezogen, die es der Nuclear Regulatory Authority vor mehr als einem Jahrzehnt vorgelegt hatte. Das Unternehmen bat um Änderung. „Angesichts der ernsten Zweifel, die bezüglich der Zuverlässigkeit der Antragsdokumente und des anschließenden Vorgehens des Unternehmens im Prüfverfahren aufgekommen sind, wäre es nicht angebracht, die bestehenden Anträge aufrechtzuerhalten“, hieß es zur Begründung.
Der Skandal zeigt, dass die japanische Nuklearindustrie auch 15 Jahre nach Fukushima noch immer mit den Altlasten ihrer Vergangenheit kämpft. Die Frage, ob die Sicherheitskultur in den Unternehmen tatsächlich nachhaltig reformiert wurde, bleibt angesichts der aktuellen Enthüllungen unbeantwortet. Für Anleger bedeutet dies erhöhte Unsicherheit: Die Wiederinbetriebnahme von Kraftwerken verzögert sich, und die Energiewende Japans bleibt ein steiniger Weg.
