Citi hält KI-Lieferketten-IPOs in Hongkong trotz Bewertungskorrektur für stabil
Citi-Banker Simon Yuan erwartet robuste Hongkong-Börsengänge in der KI-Lieferkette, warnt aber vor Risiken durch eine Umkehr des US-KI-Zyklus.

Die Börsennotierungen chinesischer Unternehmen aus der KI-Lieferkette werden nach Einschätzung der US-Großbank Citi standhaft bleiben und sowohl steigende Bewertungsbedenken als auch eine zunehmend schärfere Aufsicht bewältigen. Das sagte Simon Yuan, Leiter des China-Investmentbanking bei Citi, am Rande der IMF-Treffen in Bangkok. Die Agentur Reuters berichtete am 17. Oktober aus der thailändischen Hauptstadt.
Yuan, der bei Citi auch die Gruppe für Finanzinstitute in der APAC-Region leitet, rechnet damit, dass künftige Börsengänge in der KI-Lieferkette weiterhin in Hongkong stattfinden werden. An dieser Einschätzung hält er trotz der jüngsten Bewertungskorrekturen bei Rechenzentrumsunternehmen fest. Diese Korrekturen gingen größtenteils vom US-Markt aus.
Als Begründung führt der Banker die Nachfragestruktur an. Chinesische Unternehmen, die eine Notierung in Hongkong planen, seien durch eine etwa gleichmäßige Aufteilung zwischen inländischer chinesischer und internationaler Nachfrage geschützt. Zudem werde der Markt durch einen Pool lokaler Liquidität gestützt.
Die Details
Eine wichtige Rolle spielt nach Einschätzung Yuans das sogenannte Südkapital. Steigende Kapitalströme vom chinesischen Festland träten als wichtige Kaufkraft hervor, sagte er. Damit verfügt der Hongkonger Markt über eine lokale Liquiditätsbasis, die unabhängig von internationalen Zuflüssen wirkt.
Yuan äußerte jedoch auch eine deutliche Warnung. „Wenn sich jedoch der gesamte AI-Zyklus in den USA umkehrt – und wir in den letzten Wochen einige Volatilität gesehen haben –, wird dies überall Auswirkungen haben, einschließlich in Hongkong", sagte er. Der Banker macht damit die Entwicklung in Übersee zum zentralen Risikofaktor für den Standort.
Bei den Unternehmen selbst sieht Yuan Fortschritte im Umgang mit geopolitischen Spannungen. Viele chinesische Hardware-Unternehmen hätten proaktiv Produktionsstandorte außerhalb des chinesischen Festlandes etabliert. Das helfe ihnen, globale Kunden besser zu bedienen und geopolitische Reibungen zu mindern.
Vom globalen Boom der KI-Infrastruktur hätten chinesische Hardwarezulieferer bereits profitiert, sagte Yuan. Sie hätten sowohl an Absatzvolumen als auch an höheren Stückpreisen gewonnen. Der Rückenwind aus dem weltweiten Ausbau der Rechenzentren kam den Zulieferern damit auf zwei Wegen zugute.
Zahlen zur Kapitalmarktentwicklung untermauern das Bild. Getrieben von der Nachfrage nach chinesischer Tech-Finanzierung sind in den ersten neun Monaten des Jahres 118 Unternehmen in Hongkong an die Börse gegangen. Sie nahmen HK$388 Milliarden ein, umgerechnet 49,4 Milliarden US-Dollar. Das entspricht einem Anstieg von 106 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Quelle nennt ein Umrechnungsverhältnis von 1 US-Dollar zu 7,8479 Hongkong-Dollar.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 04.10.2026 berichtete aktien.news, dass der globale KI-Boom einen historischen Kapitalmarkt in Hongkong mit einem langfristig angelegten Ausbau der Hardware-Infrastruktur verbindet. Im dritten Quartal 2026 sammelten Unternehmen am Finanzplatz Hongkong durch Börsengänge, Platzierungen und Blocktrades insgesamt 47,5 Milliarden US-Dollar ein. Das war das höchste Volumen, das in diesem Zeitraum jemals in der Geschichte des Standorts erreicht wurde. Das gesamte Emissionsvolumen des laufenden Jahres summierte sich damit auf über 92 Milliarden US-Dollar.
Der Jahresrekord aus dem Jahr 2021 in Höhe von 112,5 Milliarden US-Dollar rückte damit in greifbare Nähe, hieß es damals weiter. Die aktuellen Angaben zu 118 Börsengängen aus den ersten neun Monaten fügen sich in diese Entwicklung ein.
Schon am 27.04.2026 berichtete aktien.news über den gezielten Ausbau der Citi-Investmentbanking-Teams in Japan und China. Wie Kaustubh Kulkarni, Leiter des Investmentbankings der Bank in Asien, gegenüber Reuters erklärte, sollten erfahrene Branchenspezialisten eingestellt werden, um mehr grenzüberschreitende Fusionen und Übernahmen zu gewinnen. Kulkarni hatte die alleinige Leitung des regionalen Investmentbankings übernommen, nachdem der frühere Co-Leiter Jan Metzger im März zu Standard Chartered gewechselt war.
Am 15.06.2026 berichtete aktien.news über die Bewertungslücke chinesischer Technologieaktien. Selbst führende Konzerne, die massiv in künstliche Intelligenz investieren, handelten demnach zu deutlich niedrigeren Kurs-Umsatz- und Kurs-Gewinn-Verhältnissen als ihre westlichen Pendants. Eva Lee, Leiterin für Aktien im Raum Greater China bei der Schweizer Großbank UBS, bezeichnete die Situation als „attraktive Gelegenheit".
Bereits am 13.04.2026 hatte aktien.news berichtet, dass das chinesische KI-Startup StepFun seine Offshore-Struktur auflöst, um den Weg für einen geplanten Börsengang in Hongkong zu ebnen. Der Schritt erfolgte, während Peking die Aufsicht über sogenannte „Red-Chip"-Strukturen verschärfte. Bei Red-Chip-Unternehmen handelt es sich um Firmen, die im Ausland registriert sind, aber ihre Vermögenswerte und Geschäftsbereiche in China über Beteiligungen halten.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Einschätzung des Citi-Bankers vor allem eine Einordnung der Risikolage. Der Hongkonger Markt für KI-nahe Börsengänge stützt sich laut Yuan auf zwei Säulen: lokale Liquidität und eine ausgewogene Nachfrage aus China und dem Ausland. Gleichzeitig bleibt die Abhängigkeit vom US-KI-Zyklus bestehen, wie seine Warnung zeigt.
Interessant ist der angekündigte Schwerpunktwechsel. Wenn sich der Fokus im nächsten Jahr von reiner Hardware hin zu chinesischen KI-Modellen und Anwendungsentwicklern verschiebt, ändert sich auch das Profil der Unternehmen, die an die Börse drängen. Yuan macht deutlich, dass diese Firmen über ein bewährtes Geschäftsmodell verfügen und sehr starkes Wachstum sowie Profitabilität nachweisen müssen.
Die bisherige Kapitalmarktbilanz Hongkongs zeigt, wie groß das Interesse an chinesischer Tech-Finanzierung ist. 118 Börsengänge und ein Anstieg von 106 Prozent im Jahresvergleich in nur neun Monaten unterstreichen die Dynamik des Standorts. Ob diese anhält, hängt nach Einschätzung von Citi maßgeblich von der Entwicklung des KI-Zyklus in den USA ab. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Ausblick
Für das kommende Jahr erwartet Yuan eine Verschiebung des Fokus an den Hongkonger Eigenkapitalmärkten. Weg von reiner Hardware, hin zu chinesischen KI-Modellen und Anwendungsentwicklern. Voraussetzung bleibe ein bewährtes Geschäftsmodell mit sehr starkem Wachstum und Profitabilität.
Künftige Börsengänge in der KI-Lieferkette sollen weiterhin in Hongkong stattfinden. Als Risiko für diese Erwartung benennt der Banker ausdrücklich eine Umkehr des gesamten US-KI-Zyklus, die sich auf alle Märkte auswirken würde. Damit bleibt die Entwicklung in den Vereinigten Staaten der bestimmende Faktor für die weitere Dynamik am Hongkonger Markt.
Kurz erklärt
- IPO: Börsengang, bei dem ein Unternehmen erstmals Aktien an einer Börse ausgibt.
- Südkapital: Kapitalströme, die von Anlegern aus dem chinesischen Festland in den Hongkonger Markt fließen.
- Bewertungskorrektur: Rückgang der Bewertung von Aktien, wenn der Markt die zuvor gezahlten Kurse nach unten anpasst.
