Chip-Aktien nach dem schlechtesten Tag seit Juni: Kaufchance?
Der PHLX Semiconductor Index verlor 6,7 Prozent, doch Lam Research, Micron, AMD und Marvell senken ihre Prognosen nicht.

Der Halbleitersektor hat am 22. Oktober einen herben Rückschlag erlitten. Der PHLX Semiconductor Index fiel um 6,7 Prozent – das schlechteste Tagesergebnis seit dem 23. Juni. Besonders hart traf es die Aktien von Lam Research, Micron Technology, Advanced Micro Devices und Marvell Technology.
Auslöser war kein Nachfrageeinbruch, sondern das Gegenteil: Lam Research hatte am 21. Oktober einen Rekordumsatz gemeldet und zugleich erklärt, dass begrenzte Reinraumkapazitäten und Engpässe bei bestimmten Bauteilen dazu führen würden, dass Chiphersteller und Ausrüstungsunternehmen die Nachfrage bis 2027 nicht vollständig decken könnten.
An der Börse lasen Anleger zunächst das Negative: Lam verlor 12 Prozent, Micron 6 Prozent, AMD 8 Prozent und Marvell 9 Prozent. Die Analyse des Anlegermagazins The Motley Fool kommt zu einem anderen Schluss – der Kursrückgang mache die Titel eher zu einer Kaufgelegenheit, weil die Prognosen aller drei Chiphersteller weiter nach oben deuten.
Die Details
Lam Research, Anbieter von Ausrüstungen für die Chipfertigung, steigerte seinen Umsatz vom Juni-Quartal auf 8,22 Milliarden US-Dollar, ein Anstieg von 54 Prozent im Jahresvergleich. Das Management prognostiziert für das Dezember-Quartal weiterhin rund 8,6 Milliarden US-Dollar. „Diese Umsatzprognose wäre etwas höher ausgefallen, wenn es keine kurzfristigen Engpässe in der Lieferkette gäbe", sagte CFO Doug Bettinger während des Gewinnkonferenzcalls.
Lam erwartet zudem, dass die branchenweiten Ausgaben für Ausrüstungen zur Chipfertigung im Jahr 2027 die Marke von 200 Milliarden US-Dollar überschreiten werden – ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Mittelfeldbereich von 150 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr. Auf die Frage, wie hoch dieser Betrag ohne die Engpässe ausfallen würde, sagte Bettinger, er „würde höher sein".
Bei Micron zeigt sich der Effekt der knappen Versorgung bereits in den Zahlen. Der Speicherhersteller meldete für das vierte Geschäftsjahresquartal 2026, das am 3. September endete, einen sequenziellen Umsatzanstieg von 31 Prozent auf 54,2 Milliarden US-Dollar. Die DRAM-Preise kletterten um einen hohen zweistelligen Prozentsatz, die NAND-Preise um etwa 30 Prozent. Das Management erwartet für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2027 einen weiteren Rekord bei rund 61,5 Milliarden US-Dollar sowie Wachstum in jedem Quartal des Geschäftsjahres 2027.
Bereits am 30. September hatte Micron erklärt, dass das Branchenangebot an DRAM und NAND – den beiden Hauptarten von Speicherchips – auch 2027 und 2028 knapp bleiben werde. „Wir erwarten, dass die Angebots-Nachfrage-Bedingungen für Speicher und Datenspeicher im Kalenderjahr 2027 und 2028 deutlich straffer sein werden als im Jahr 2026", sagte CEO Sanjay Mehrotra in seinen vorbereiteten remarks für den Call.
Auch AMD ist durch das Angebot limitiert. Am 6. Oktober sagte CEO Lisa Su in Taipeh, das Unternehmen plane, die Versorgungskapazität 2027 erheblich zu erhöhen, und benötige mehr fortgeschrittene Wafer-Kapazität. In der Gewinnkonferenz im August sagte Su, sie sehe nichts, was sie bei der Erreichung ihrer Ziele zurückhalten würde. Das Management gab eine Umsatzprognose von rund 13 Milliarden US-Dollar für das dritte Quartal an, ein Plus von etwa 41 Prozent im Jahresvergleich, und erwartet, dass die Datenzentrumsumsätze, angeführt von seinen KI-Chips, nächstes Jahr mehr als doppelt so hoch sein werden.
Marvell Technology wiederum strebt an seinem Investorentag am 6. Oktober einen Umsatz von 70 Milliarden bis 90 Milliarden US-Dollar für das Geschäftsjahr 2031 an, bei einer bereinigten operating Margin von 44 bis 46 Prozent. Der Mittelwert dieser Ziele impliziert nach Angaben des Managements bereinigte Gewinne von mehr als 30 US-Dollar pro Aktie. Im Geschäftsjahr 2026 erzielte Marvell 8,2 Milliarden US-Dollar Umsatz. Das Wachstum beschleunigt sich: von 28 Prozent im Jahresvergleich im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 auf 37 Prozent im zweiten Quartal, das am 1. August endete. Für das dritte Quartal erwartet das Management rund 3,15 Milliarden US-Dollar Umsatz, etwa 52 Prozent über dem Vorjahresquartal.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die jüngste Entwicklung ist Teil eines Musters, das aktien.news in den vergangenen Monaten mehrfach begleitet hat. Bereits am 7. Oktober 2026 berichtete aktien.news, dass das Management von Micron Technology damit rechnet, dass sich die Engpässe in der Speicherchip-Branche in den Jahren 2027 und 2028 weiter verschärfen. Der zugrunde liegende Beitrag von The Motley Fool wurde am 5. Oktober 2026 veröffentlicht, die verwendeten Aktienkurse entsprachen den Nachmittagskursen vom 3. Oktober 2026.
Am 20. August 2026 berichtete aktien.news über den anhaltenden KI-Boom, der die Nachfrage nach Halbleiteraktien von Nvidia und AMD treibt. Die verwendeten Aktienkurse entsprachen den Nachmittagskursen vom 17. August 2026, das Video mit der Analyse wurde am 19. August 2026 veröffentlicht.
Bereits am 6. Mai 2026 meldete aktien.news, dass Lam Research mit seinem Quartalsbericht die Markterwartungen übertraf und gleichzeitig seine Prognosen anhob. Die Aktie erreichte ein neues Kurshoch und überwand einen wichtigen technischen Kaufpunkt; das Investmentmedium Investor's Business Daily kürte LRCX zur „Aktie des Tages".
Volatilität ist in diesem Sektor nichts Neues: Am 6. Juni 2026 berichtete aktien.news über den schwersten Tagesverlust des Chipsektors seit über sechs Jahren. Der PHLX Semiconductor Index schloss mit einem Minus von 10,3 Prozent – der stärkste prozentuale Tagesrückgang seit dem 16. März 2020. Besonders hart traf es Marvell und Micron. Als wesentlicher Treiber des Ausverkaufs galt ein starker Arbeitsmarktbericht.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die zentrale Botschaft des Beitrags, dass keines der genannten Unternehmen seine Prognose gesenkt hat – und dass die drei Aktien nach dem Ausverkauf günstiger zu haben sind. Die Bewertungen unterscheiden sich jedoch deutlich. Micron notiert rund 29 Prozent unter seinem Rekordhoch vom 25. Juni bei etwa 856 US-Dollar und kostet etwa das Fünffache des Gewinns für das Geschäftsjahr 2027, basierend auf dem Analystenkonsens. Dieser Preis deutet darauf hin, dass Anleger mit sinkenden Speicherprofiten rechnen – Micron sagt das Gegenteil voraus.
AMD steht bei etwa 508 US-Dollar und liegt 22 Prozent unter seinem Rekordhoch vom 6. Oktober. Die Aktie kostet rund das 32-Fache des Gewinns für 2027, sodass die erwartete Verdopplung der Datenzentrumsumsätze bereits eingepreist ist. Marvell notiert bei etwa 223 US-Dollar, 22 Prozent unter dem Schlusskurs vom 6. Oktober, und kostet etwa das 31-Fache des Gewinns für das Geschäftsjahr 2028 – aber nur etwa das Siebenfache der Gewinne, die Marvell für das Geschäftsjahr 2031 anvisiert. Dieses Ziel liegt allerdings mehr als vier Jahre in der Zukunft, und Marvell ist für seine Chips auf externe Hersteller angewiesen – also auf jene Chiphersteller, von denen Lam sagt, dass sie die Nachfrage nicht vollständig decken können.
Der Beitrag ordnet Micron als die erste Aktie ein, die er kaufen würde: Knappes Angebot treibe bereits die Preise, und die Aktie sei möglicherweise für einen Konjunkturrückgang eingepreist, den die eigene Prognose nicht zeigt. AMD und Marvell werden als teurere Wachstumswerte beschrieben, deren Pläne Bestand haben müssen, um ein mehr als 30-Faches erwarteten Einkommens zu rechtfertigen – eine Betrachtung sei hier idealerweise schrittweise sinnvoll. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung ist damit ausdrücklich nicht verbunden.
Ausblick
Die im Quelltext genannten Erwartungen sind konkret: Lam Research rechnet für das Dezember-Quartal mit rund 8,6 Milliarden US-Dollar Umsatz und erwartet branchenweite Ausrüstungsausgaben von über 200 Milliarden US-Dollar im Jahr 2027. Micron visiert für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2027 rund 61,5 Milliarden US-Dollar an und erwartet Wachstum in jedem Quartal dieses Geschäftsjahres. AMD prognostiziert rund 13 Milliarden US-Dollar für das dritte Quartal und eine mehr als Verdopplung der Datenzentrumsumsätze im kommenden Jahr. Marvell peilt für das dritte Quartal rund 3,15 Milliarden US-Dollar an und für das Geschäftsjahr 2031 einen Umsatz zwischen 70 und 90 Milliarden US-Dollar.
Ein Risiko bleibt ausdrücklich bestehen: Eine Verlangsamung der KI-Ausgaben könnte alle drei Aktien dennoch hart treffen.
Kurz erklärt
- PHLX Semiconductor Index: Ein Aktienindex, der die Kursentwicklung führender Halbleiterunternehmen bündelt.
- DRAM und NAND: Die beiden Hauptarten von Speicherchips, die in Computern und Rechenzentren zum Einsatz kommen.
- Reinraumkapazität: Speziell ausgestattete Produktionsflächen, in denen Chips unter staubfreien Bedingungen gefertigt werden.
