Business Schools lehren Führungskräfte nachhaltigen Umgang mit Burnout
IMD, HEC Paris und Rotterdam School of Management integrieren Resilienz und Energiemanagement fest in ihre Executive-MBA-Programme.

Burnout ist für Führungskräfte längst kein Tabuthema mehr – und Business Schools reagieren. Renommierte Institutionen wie das IMD in Lausanne, die Rotterdam School of Management, die HEC Paris und die Essec Business School integrieren Wohlbefinden und Resilienz zunehmend als feste Bestandteile ihrer Executive-MBA-Programme. Der Ansatz hat sich dabei grundlegend gewandelt: Statt Burnout-Prävention als einmalige Sondermaßnahme zu behandeln, sollen Führungskräfte lernen, ihre Leistungsfähigkeit dauerhaft aufrechtzuerhalten.
Daniel Ulbrich, Senior Director der Capri Sun Group mit Sitz in Zug, Schweiz, erlebte diesen Wandel am eigenen Körper. Im Rahmen seines Executive MBA am IMD trug er einen sogenannten Firstbeat-Stressmonitor – und die Daten überraschten ihn. An einem besonders vollen Morgen mit dicht gepackten Meetings und kaum Pausen registrierte das Gerät einen Großteil des Vormittags als physiologische Erholung. Der Grund: Die Themen inspirierten ihn. „Es war eine eindringliche Lektion, dass Intensität und Stress nicht zwangsläufig dasselbe sind", sagt Ulbrich.
Der Firstbeat-Monitor, den IMD-EMBA-Teilnehmer über mehrere Monate tragen können, stellte auch weitere Annahmen infrage. Ulbrichs Daten zeigten, dass bereits ein Glas Wein die nächtliche Erholung verzögerte. Eine Verlängerung seines gewohnten sechsstündigen Schlafs um 60 bis 90 Minuten war hingegen mit besonders starker Regeneration in dieser Zusatzzeit verbunden.
Die Details: Welche Schulen was anbieten
Alyson Meister, Professorin für Führung und Dekanin der Studienprogramme am IMD, beschreibt den Wandel so: „Früher wurden Wohlbefinden oder Resilienz als einmalige Spezialthemen gerahmt." Das IMD hat nun „Energiemanagement für nachhaltige Leistung" in sein Kerncurriculum aufgenommen. Als Treiber nennt Meister mehrere Jahre fast ständigen Krisenmanagements, geopolitische Volatilität, die schnelle Einführung von KI sowie veränderte Erwartungen der Belegschaft. Hinzu kommt: Die ständige digitale Erreichbarkeit hat traditionelle Erholungsphasen wie Abende und Wochenenden erodiert.
An der Rotterdam School of Management ist Wohlbefinden fest in das Programm zur persönlichen Führungsentwicklung integriert. Agata Kuflewicz, stellvertretende Direktorin für Coaching-Dienstleistungen, weist auf eine zentrale Paradoxie hin: Burnout kann genau mit den Verhaltensweisen verknüpft sein, die Führungskräfte erfolgreich machen – übermäßige Verantwortungsübernahme, hohe Standards, unermüdliche Aufgabenorientierung und Schwierigkeiten beim Delegieren. „Das Ziel ist nicht, Führungskräften zu helfen, ein unhaltbares Maß an Druck länger auszuhalten", sagt sie. Stattdessen untersuchen Teilnehmer in Einzel- und Gruppencoachings die Erfahrungen, Annahmen und automatischen Verhaltensweisen, die ihr Handeln unter Druck prägen. Die Schule lehnt sich dabei an eine „Peak Performance Pyramid" aus dem Spitzensport an und ermutigt Führungskräfte, ihre körperliche, kognitive und emotionale Kapazität sowie ihren Sinn für Ziele zu hinterfragen. Führungsexperte Björn Atterstam bringt das Grundprinzip auf den Punkt: „Um schnell voranzukommen, muss man langsamer werden."
Die HEC Paris wählt einen anderen Weg: Ein Outdoor-Führungsseminar bringt Führungskräfte aus dem Hörsaal zu Herausforderungen, die von ehemaligen Elite-Militärs gemeinsam mit Dozenten geleitet werden. „Es ist kein Kommando-Training, aber es ist auch kein Spaziergang im Park", sagt Brad Harris, stellvertretender Dekan der MBA-Programme. Die Teilnehmer entdecken so, wie sie tatsächlich führen, wenn der Druck steigt – statt nur zu vermuten, wie sie auf eine Fallstudie reagieren würden.
An der Essec Business School in Frankreich zieht sich Coaching durch den gesamten 18-monatigen EMBA. „Resilienz wird trainiert und gepflegt, nicht einfach eingeschaltet", sagt Romaine Johnstone, Chef-Coach für EMBA-Programme. Der Polimi Graduate School of Management in Mailand kooperiert mit dem digitalen Gesundheitsdienst Dr. Feel und bietet Teilnehmern Zugang zu medizinischem Fachpersonal, Telemedizin sowie Spezialisten für Ernährung, psychische Gesundheit und körperliches Wohlbefinden. Ein „Kids Camp" ermöglicht es Eltern, am Unterricht teilzunehmen, während ihre Kinder betreut werden. Polimi setzt zudem auf eine „Mental Economy"-Methodik, die Neurowissenschaften, Datenanalyse und vom Spitzensport – einschließlich der Formel 1 – inspirierte Techniken kombiniert.
Hintergrund: Was bisher geschah
Das Thema Führungskräfte-Burnout ist nicht neu, gewinnt aber an Dringlichkeit. Bereits am 5. Mai 2026 berichtete aktien.news, dass laut dem „Global Leadership Forecast 2025" der Managementberatung DDI 71 Prozent der Führungskräfte weltweit von einem erhöhten Stresslevel berichten – gegenüber 63 Prozent im Jahr 2022. Für die Studie wurden 10.796 Führungskräfte auf allen Ebenen befragt. Als Haupttreiber wurden zu viel Arbeit, zu wenig Zeit und der Aufstieg der Künstlichen Intelligenz identifiziert.
Am 5. Juni 2026 berichtete aktien.news über eine neue FT-Serie, die Forschungsergebnisse renommierter Business Schools einem breiten Publikum zugänglich macht – mit dem Fokus auf den Umgang mit rasantem Wandel. Am 15. September 2026 folgte ein Bericht darüber, wie der Aufstieg generativer KI MBA-Programme zur Neuerfindung zwingt. Und am 7. Oktober 2026 kündigte aktien.news den EMBA-Bericht 2026 der Financial Times an, der am 12. Oktober erscheint und Karrierewege sowie Gehaltsstrukturen von Führungskräften weltweit abbildet.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist dieser Trend auf mehreren Ebenen relevant. Unternehmen, die in die Resilienz und das Wohlbefinden ihrer Führungskräfte investieren, können langfristig von stabilerer Unternehmensführung und geringerer Fluktuation auf Führungsebene profitieren. Die wachsende Nachfrage nach digitalen Gesundheitsdiensten – wie dem im Artikel genannten Dr. Feel – und Wearable-Technologien wie dem Firstbeat-Monitor zeigt, dass sich ein Markt für professionelle Wellness-Lösungen im B2B-Bereich entwickelt. Business Schools als Institutionen positionieren sich zunehmend als Anbieter ganzheitlicher Führungsentwicklung, was ihre Attraktivität und damit auch ihre Marktstellung stärkt.
Ausblick
Der vollständige EMBA-Bericht der Financial Times erscheint am 12. Oktober 2026. Er wird das Executive-MBA-Ranking mit Daten zu Alumni-Gehältern nach Branche und Abschlussart, zur Arbeitgeberförderung und weiteren Dimensionen enthalten. Der vorliegende Artikel ist ein Vorab-Bericht aus diesem Ranking-Bericht. Für Führungskräfte selbst zeichnet sich ab, dass Resilienz-Programme und Energiemanagement in EMBA-Curricula weiter an Bedeutung gewinnen werden – getrieben durch anhaltende geopolitische Volatilität, KI-Transformation und veränderte Erwartungen der Belegschaft.
Kurz erklärt
- Firstbeat-Monitor: Ein tragbares Gerät, das physiologische Signale misst und Rückschlüsse auf Stress und Erholung des Körpers ermöglicht.
- Energiemanagement: Ein Konzept aus der Leistungspsychologie, das beschreibt, wie Menschen ihre körperlichen, emotionalen und kognitiven Ressourcen gezielt einsetzen und regenerieren.
- Resilienz: Die Fähigkeit von Personen oder Organisationen, unter Druck handlungsfähig zu bleiben und sich von Belastungen zu erholen.
