BlackRock: Markt stellt KI-Risiko über Geopolitik und Öl
Die Korrelation zwischen Ölpreisen und US-Renditen ist im Oktober zerbrochen – mit weitreichenden Folgen.

Die im Laufe des Jahres 2026 als sicher geltende Wette auf steigende Renditen von US-Staatsanleihen bei gleichzeitig steigenden Öl-Futures ist im Oktober zerbrochen. Das hat laut Jeffrey Rosenberg, Senior Portfolio Manager des Systematic Alternatives ETF (IALT) beim weltgrößten Vermögensverwalter BlackRock, erhebliche Auswirkungen auf die Märkte. Die Beziehung zwischen Ölpreisen und Zinsrenditen war auch Gegenstand der Pressekonferenz des FOMC am Mittwoch, bei der Fed-Chef Kevin Warsh darauf hinwies, dass die Öl-Futures weiter gestiegen sind – ein Faktor, den die Zentralbank in ihrem Kampf gegen die Inflation berücksichtigen muss.
Rosenberg zufolge hat Warsh jedoch das „wichtigste Fazit“ nicht angesprochen. Was ist geschehen? Der BlackRock-Manager fasst dies mit dem Blick auf die deflationäre KI-Handelsstrategie zusammen. Als sich der Markt im Oktober von der Korrelation zwischen Öl und Staatsanleihen abwandte, „hat er uns etwas Wichtiges mitgeteilt“, sagte Rosenberg. „In den Augen des Marktes ist das geopolitische Risiko sekundär gegenüber dem KI-Risiko.“
Der Markt interpretiert KI-Schwäche als gesamtwirtschaftliche Schwäche
Im vergangenen Monat erlebte die KI-Handelsstrategie eine Korrektur. Sichtbar wurde dies am Freitag beim massiven Kursverlust an der Nasdaq und bereits zuvor in der Woche beim stärksten Einzelkursverfall von Google in seiner Geschichte, der einen Wertverlust von einer halben Billion Dollar nach sich zog. Die Zinsrenditen seien laut Rosenberg gefallen, weil der Markt die Schwäche im KI-Sektor als allgemeinere Schwäche der US-Wirtschaft interpretiert. Die BIP-Berichte der letzten Woche hätten diese Einschätzung bestätigt.
„KI ist überall, jederzeit und alles“, sagte Rosenberg. Sowohl das Wachstum der Wirtschaft auf der Investitionsseite als auch der Wohlstandseffekt auf der Konsumseite seien vollständig von KI getrieben. Das Geschäftsinvestment im dritten Quartal lag bei 12,7 Prozent und war der größte Anstieg außerhalb der Pandemie seit 2011, angeführt von einem Anstieg der Investitionen in Informationsverarbeitungsausrüstung um 37 Prozent. Die Investitionen in Industrieanlagen stiegen um fast 25 Prozent, was zwar keine direkte KI-Strategie darstellt, aber teilweise die Ausgaben für Rechenzentren widerspiegelt.
Warsh stimmte dieser Bewertung der Wirtschaft während der FOMC-Pressekonferenz nicht zu. „Es ist bequem zu sagen, dass die Stärke der Wirtschaft ausschließlich auf dieser neuen Technologie-Welle beruht. Wenn wir uns jedoch die Daten ansehen – wirklich einschließlich der Daten vom letzten Treffen bis zu diesem –, zeigt sich, dass die Capex-Geschichte nicht nur robust und stark ist, sondern sich auch ausweitet“, sagte er. Wer versuche, die Geschichte so zu erzählen, als sähe man diese Stärke nur in engen Nischen, habe es jetzt viel schwerer als noch vor einigen Quartalen.
Zwar verbesserte sich die Marktbreite, ein Maß dafür, wie viele Aktien im S&P 500 positive Handelsdynamik zeigten, im Oktober nach einem Tiefstand Ende September 2026 erheblich, und defensive Sektoren wie Gesundheitswesen und Grundgüter legten zu. Rosenberg zufolge kam der breitere Markt im Oktober jedoch zu dem Schluss, dass jedes „Wackeln“ in der KI-Strategie als Wackeln der Wachstumsaussicht für die USA und damit als deflationsfördernd wahrgenommen wird. In einem deflationsfördernden Umfeld gebe es „nur eine Absicherung“, sagte er, und das sei „das Ding, das jeder hasst. . . . das lange Ende der Staatsanleihekurve.“
Rosenberg warnt vor der Annahme einer Rückkehr zum alten Normalzustand
Trotz dieser Sicht ist Rosenberg vorsichtig, daraus abzuleiten, dass Anleihen eine sichere Wette darstellen. „Die einfache Antwort lautet: Es ist keine Rückkehr zum Normalzustand, bei dem Anleihen Aktien absicherten“, sagte er. Grund sind die widersprüchlichen Kräfte, die auf Anleihen wirken. Steigende Ölpreise und das beharrliche Niveau der Inflation über dem Zielwert würden als Herausforderungen für festverzinsliche Anlagen und die „Wirksamkeit“ von Festgeldanlagen als Absicherung nicht verschwinden.
Anleger sollten daher nicht darauf wetten, dass sich der Trade einseitig entwickelt oder ohne potenzielle Kosten erfolgt. Sie müssen den potenziellen Diversifizierungsvorteil aus Anleihen basierend auf der Entwicklung im Oktober gegen ein Szenario abwägen, in dem der KI-Boom die Wirtschaft nicht destabilisiert. Je länger der KI-Boom anhält, gepaart mit den weiteren fiskalischen Herausforderungen in den USA, „werden Anleihen unter Druck geraten“, sagte Rosenberg.
Der KI-Trade ist selbst ein sehr großer Teil des Anleihemarkts, was sich in der vergangenen Woche auf erhebliche Weise zeigte – sowohl durch den Gewinnrückgang von Google als auch durch Microsofts Rückkehr in den öffentlichen Anleihemarkt. „Es war eine Überraschung für die Märkte. Es war fast ein Jahrzehnt lang nicht mehr dabei gewesen“, sagte Rosenberg. Da die Capex-Bedarfe der Tech-Giganten zunehmend ihre freien Cashflows übersteigen, müssen sich die öffentlichen Anleihemärkte auf eine erwartete Flut von Emissionen einstellen.
Hyperscaler stoßen an die Grenzen der Finanzierungsmärkte
„Wenn die Anleihemärkte, die öffentlichen Anleihemärkte, betrachten, woher all das kommt. . . es ist ein enormer marginaler Emittent, und es kommt immer wieder dasselbe“, sagte Rosenberg. Die Hyperscaler stoßen an die Grenzen der Finanzierungsmöglichkeiten, die Bankkredit- und Private-Credit-Märkte bieten können. Zwar betonte Rosenberg, dass der globale Anleihemarkt im Volumen von 40 bis 60 Billionen Dollar eine erwartete KI-Schuldenlast von 4 Billionen Dollar über die nächsten vier Jahre absorbieren kann – doch „die Kapazität des Marktes ist nicht unbegrenzt“.
Rosenberg begrüßt es, dass mehr der Hyperscale-Schulden in den öffentlichen Anleihemarkt gedrängt wird, da dies zu mehr Transparenz in Form von Anleihepreisen und CDS-Spreads führe. Während die Spreads für Credit Default Swaps auf Microsoft-Kredit derzeit nahe einem Fünf-Jahres-Hoch von rund 55 notieren, liegen sie im Vergleich zu Oracle-CDS-Spreads, die eher bei 300 liegen, weit entfernt. Das bietet eine weitere Handelsmöglichkeit für Anleger, die angesichts der inflationären Umgebung und der fiskalischen Herausforderungen in den USA vielleicht keine Anleihen direkt kaufen möchten, aber dennoch nach Wegen suchen, ihre Wetten auf den KI-Boom abzusichern.
Ein Tag, an dem Google um 12 Prozent fiel, sei historisch „selbst auf dem Chart nicht vorhanden“. „Also bewegt es sich, wenn man so will, in einer anderen Postleitzahl von Marktpreisbildung, Marktvolatilität und Marktverdauung. Es ist nicht das Ende der Welt, es ist einfach eine andere Welt des KI-Ausbaus“, sagte Rosenberg. Die größere Transparenz im öffentlichen Anleihemarkt biete Anlegern mehr Möglichkeiten, „die emotionalen Schwankungen zwischen Angst und Gier“ zu handeln.
Was der CDS-Markt den Anlegern bei den großen Namen der Hyperscaler mitteilt, ist Rosenberg zufolge nicht eine hohe Ausfallwahrscheinlichkeit. Vielmehr zeige er, dass die Kapazität der Banken und Finanzintermediäre, Gegenparteien für das Risiko zu finden, zunehmend begrenzt wird, während alle Unternehmen versuchen, mehr Schuldenfinanzierung zu erhalten.
Frühere Berichte von aktien.news zeichneten die Entwicklung vor
Die Auflösung der Öl-Anleihen-Korrelation war kein plötzliches Ereignis. Bereits am 20.10.2026 berichtete aktien.news, dass eine der wichtigsten Beziehungen an den globalen Finanzmärkten sich allmählich auflöste: Monatelang waren die Renditen US-amerikanischer Staatsanleihen und die Ölpreise gemeinsam nach oben gezogen, nun bewegten sie sich in entgegengesetzte Richtungen. Im Zentrum stand damals die Frage, ob die Entkopplung ein Signal dafür ist, dass sich Anleger auf einen Fehler der US-Notenbank Federal Reserve vorbereiten.
Nur drei Tage später, am 23.10.2026, meldete aktien.news einen deutlichen Renditerückgang: Angesichts eines steilen Aktienverkaufs, getrieben durch Bedenken bezüglich des KI-Handels und steigende Ölpreise, zogen sich Anleger in sichere Häfen zurück. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen sank um mehr als 17 Basispunkte auf 4,972 Prozent und fiel damit erstmals seit dem 23. September unter die Marke von 5 Prozent – der größte Einstand an einem einzelnen Tag seit dem 10. März 2023.
Der Stimmungswandel war schon im September messbar. Am 15.09.2026 berichtete aktien.news unter Berufung auf die September-Umfrage der Bank of America unter globalen Fondsmanagern, dass unkontrolliert steigende Staatsanleiherenditen die Sorge vor einer KI-Blase als größtes Risiko verdrängt hatten. An der Umfrage nahmen 170 Fondsmanager teil, die gemeinsam Vermögen in Höhe von 470 Milliarden US-Dollar verwalten. Waren im August noch netto 27 Prozent der Befragten besorgt über eine KI-Blase, sahen nun 33 Prozent einen „unordentlichen“ Renditeanstieg bei Staatsanleihen als bedeutendstes Tail-Risk-Ereignis.
Und am 01.10.2026 beschrieb aktien.news die Märkte im Spannungsfeld von schwer einschätzbarer US-Zinspolitik, historisch hohen Anleiherenditen und einem widerstandsfähigen Technologiesektor. Auslöser der damaligen Entspannung waren schwächer als erwartet ausgefallene Inflationsdaten: Der Preisindex für persönliche Konsumausgaben (PCE) stieg im August nur um 3,4 Prozent, woraufhin Goldman Sachs seine Prognose für den nächsten Zinsschritt verschob.
Die Absicherungsfunktion von Anleihen bleibt für deutsche Anleger umstritten
Führt man die Berichte zusammen, ergibt sich ein Bild widersprüchlicher Signale. Einerseits hat sich die Absicherungsfunktion von US-Staatsanleihen im Oktober teilweise zurückgemeldet, als die Renditen infolge der KI-Korrektur fielen. Andererseits betont Rosenberg ausdrücklich, dass dies keine Rückkehr zum alten Normalzustand ist, in dem Anleihen Aktien zuverlässig absicherten. Steigende Ölpreise und eine Inflation über dem Zielwert blieben bestehen und belasteten festverzinsliche Anlagen.
Für Anleger, die in Euro rechnen, kommt ein zweiter Aspekt hinzu: Die im Quelltext genannten Renditen und Spreads beziehen sich auf US-Dollar-Anlagen. Rosenbergs Argumentation zufolge hängt die Attraktivität des langen Endes der US-Zinskurve entscheidend davon ab, ob der KI-Boom die Wirtschaft destabilisiert oder nicht. Beide Szenarien sind laut seiner Darstellung mit Kosten verbunden – das Diversifizierungsargument steht also einer Belastung durch anhaltende Emissionen und Fiskalrisiken gegenüber.
Auf der Unternehmensseite rückt die Finanzierungsseite der KI-Infrastruktur in den Fokus. Dass Microsoft nach fast einem Jahrzehnt in den öffentlichen Anleihemarkt zurückkehrt und die Capex-Bedarfe der Hyperscaler die freien Cashflows übersteigen, verändert nach Rosenbergs Einschätzung die Preisbildung. Die unterschiedlichen CDS-Niveaus von Microsoft und Oracle illustrieren, dass der Markt diese Risiken bereits differenziert bepreist.
Die nächsten Datenpunkte entscheiden über die Richtung
Konkrete Termine nennt der Quelltext nur indirekt: Die FOMC-Pressekonferenz mit Fed-Chef Kevin Warsh hat bereits stattgefunden, die BIP-Berichte der letzten Woche bestätigten laut Rosenberg die Marktinterpretation. Über die nächsten vier Jahre erwartet der Markt eine KI-Schuldenlast von 4 Billionen Dollar, die der globale Anleihemarkt mit einem Volumen von 40 bis 60 Billionen Dollar aufnehmen muss. Ob diese Kapazität ausreicht, hängt davon ab, wie schnell die Hyperscaler ihre Emissionen ausweiten und wie Banken und Private-Credit-Märkte als Gegenparteien reagieren.
Diese drei Fachbegriffe ordnen die Marktbewegungen ein
- Capex: Investitionen eines Unternehmens in langfristige Sachanlagen wie Ausrüstung, Anlagen und Rechenzentren.
- CDS-Spread: Der Preisaufschlag für eine Kreditausfallversicherung auf einen Schuldner und damit ein Marktmaß für dessen wahrgenommenes Kreditrisiko.
- Marktbreite: Ein Maß dafür, wie viele Aktien eines Index an einer Kursbewegung teilnehmen und wie breit eine Entwicklung damit getragen ist.
