BIZ-Chef: Iran-Krieg löst bislang nur moderate Inflations-Zweitrundeneffekte aus
Pablo Hernandez de Cos, Generaldirektor der BIZ, sieht beim Iran-Konflikt bisher begrenzte Zweitrundeneffekte auf die globale Inflation.

Pablo Hernandez de Cos, Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), hat sich am Freitag auf dem Istanbul Economic Forum zur Inflationslage geäußert. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion mit dem türkischen Zentralbankchef Fatih Karahan erklärte er, dass der Anstieg der Energiepreise infolge des Iran-Krieges bislang nur moderate Zweitrundeneffekte auf die Inflation ausgelöst habe. Die BIZ gilt als die „Zentralbank der Zentralbanken" und koordiniert die internationale Zusammenarbeit der Notenbanken weltweit.
Der Nahostkonflikt stelle nach Einschätzung von Hernandez de Cos einen negativen Angebotsschock dar. Das bedeutet: Der Krieg verteuert Energie und Rohstoffe direkt – ein Effekt, den Zentralbanken mit ihren geldpolitischen Instrumenten nur begrenzt bekämpfen können. Entscheidend ist für die Notenbanken vielmehr, ob sich diese Preisanstiege in der Breite der Wirtschaft festsetzen und zu dauerhaft höherer Inflation führen – die sogenannten Zweitrundeneffekte.
Die Details
Hernandez de Cos hob auf dem Forum in Istanbul hervor, dass Zentralbanken weltweit auf die jüngsten Schocks mit unterschiedlicher Geschwindigkeit reagiert hätten. Einige Notenbanken hätten schnell interveniert, sofern die Bedingungen der Binnennachfrage dies rechtfertigten. Andere seien schrittweiser vorgegangen. Diese unterschiedlichen Reaktionsgeschwindigkeiten spiegeln die verschiedenen wirtschaftlichen Ausgangssituationen der einzelnen Länder wider.
Ein weiterer Schwerpunkt seiner Ausführungen war die Notwendigkeit, die Analyseinstrumente der Zentralbanken permanent anzupassen. Hernandez de Cos betonte, dass diese Anpassung eine „sehr wichtige Rolle" dabei spielen müsse, wie sich Zentralbanken im Hinblick auf ihre sogenannte Reaktionsfunktion verhielten. Gemeint ist damit, wie Notenbanken auf wirtschaftliche Entwicklungen reagieren und ihre Geldpolitik ausrichten.
Darüber hinaus unterstrich der BIZ-Generaldirektor die Bedeutung der Glaubwürdigkeit von Zentralbanken. Diese stütze sich auf drei Säulen: klare Mandate, die Unabhängigkeit der Notenbanken sowie Rechenschaftspflicht. Glaubwürdigkeit sei sowohl für die Geldpolitik als auch für die Finanzstabilität unerlässlich, so Hernandez de Cos. Zum Verhältnis von makroprudenzieller und geldpolitischer Steuerung erklärte er, beide Ziele seien weitgehend kompatibel. Zwar könnten Zielkonflikte entstehen, diese seien in der Vergangenheit jedoch „auf relativ gute Weise" bewältigt worden.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die Einschätzung des BIZ-Chefs reiht sich in eine Reihe ähnlicher Bewertungen durch führende Notenbanker ein. Bereits am 13. April 2026 berichtete aktien.news, dass EZB-Vizepräsident Luis de Guindos mögliche Zinserhöhungen in Betracht zog – abhängig davon, ob der US-israelische Krieg gegen den Iran inflationäre Zweitrundeneffekte auslöst. De Guindos betonte dabei, dass die EZB dem unmittelbaren, ersten Preisschock des Krieges nicht mit geldpolitischen Maßnahmen entgegenwirken könne.
Am 17. April 2026 warnte EZB-Präsidentin Christine Lagarde bei einem Treffen des Internationalen Währungs- und Finanzausschusses in Washington eindringlich vor steigenden Inflationsrisiken im Euroraum. Die Unsicherheit über den Inflationsausblick habe „deutlich zugenommen", sagte Lagarde. Sie verwies darauf, dass die mittelfristigen Auswirkungen des Konflikts von dessen Intensität und Dauer abhängen würden.
Am 13. Mai 2026 mahnte Brasiliens Zentralbankchef Gabriel Galipolo auf der Jahreskonferenz der Zentralbank in Brasília zur Wachsamkeit. Er betonte die Notwendigkeit, zwischen Angebotsschocks und Zweitrundeneffekten klar zu unterscheiden – eine Unterscheidung, die auch Hernandez de Cos in Istanbul in den Mittelpunkt stellte.
Zuletzt berichtete aktien.news am 15. Juli 2026, dass EZB-Ratsmitglied und österreichischer Notenbankchef Martin Kocher in einem Interview mit der Börsen-Zeitung erklärte, die EZB stelle derzeit keine Zweitrundeneffekte des Konflikts fest. „Im Moment richten wir unser Augenmerk besonders auf die indirekten Preiseffekte des Krieges im Nahen Osten und mögliche Zweitrundeneffekte. Wir sehen derzeit keine Zweitrundeneffekte, müssen unsere Geldpolitik aber auch an den Inflationserwartungen ausrichten", sagte Kocher.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Einschätzung des BIZ-Chefs ein wichtiges Signal: Solange die Zweitrundeneffekte moderat bleiben, ist der Druck auf die großen Zentralbanken, die Zinsen aggressiv anzuheben, begrenzt. Das gilt auch für die Europäische Zentralbank, die den Euroraum und damit auch den deutschen Kapitalmarkt maßgeblich beeinflusst. Anleger in Anleihen, Immobilien und zinssensitiven Aktien sollten die Entwicklung der Energiepreise und die Reaktion der Notenbanken weiterhin genau beobachten.
Die Betonung der Zentralbank-Glaubwürdigkeit durch Hernandez de Cos ist ebenfalls relevant: Notenbanken, die ihre Unabhängigkeit und ihre Mandate klar kommunizieren, können Inflationserwartungen besser verankern. Gut verankerte Inflationserwartungen wiederum reduzieren die Wahrscheinlichkeit, dass Zweitrundeneffekte überhaupt entstehen – was letztlich auch die Planungssicherheit für Unternehmen und Investoren erhöht.
Ausblick
Konkrete Termine oder Pläne für weitere geldpolitische Entscheidungen nannte Hernandez de Cos auf dem Istanbul Economic Forum nicht. Er machte jedoch deutlich, dass die permanente Anpassung der Analyseinstrumente eine Daueraufgabe für Zentralbanken sei. Die Frage, ob die bislang moderaten Zweitrundeneffekte moderat bleiben oder sich ausweiten, wird die geldpolitische Debatte weltweit weiter bestimmen – insbesondere in Abhängigkeit von der weiteren Entwicklung des Nahostkonflikts und der Energiepreise.
Kurz erklärt
- Zweitrundeneffekte: Wenn ein anfänglicher Preisanstieg – etwa bei Energie – dazu führt, dass Löhne und andere Preise in der gesamten Wirtschaft dauerhaft steigen.
- Angebotsschock: Ein plötzliches Ereignis, das das Angebot an Gütern oder Rohstoffen verringert und dadurch die Preise nach oben treibt.
- Makroprudenzielle Politik: Maßnahmen von Zentralbanken und Aufsichtsbehörden, die auf die Stabilität des gesamten Finanzsystems abzielen, nicht nur einzelner Institute.
