Bessent: Weitere Fed-Zinserhöhungen wären nicht unbedingt ein Fehler
US-Finanzminister Scott Bessent hält erneute Zinserhöhungen der Federal Reserve nicht zwangsläufig für einen geldpolitischen Fehler.

US-Finanzminister Scott Bessent hat am Mittwoch erklärt, dass weitere Zinserhöhungen der Federal Reserve nicht zwangsläufig ein Fehler sein müssten. Auf die Frage von CNBC-Reporter Brian Sullivan, ob zukünftige Zinsanstiege einen Fehler in der Geldpolitik darstellen würden, antwortete Bessent knapp: „Das ist nicht unbedingt der Fall.“ Die Äußerungen fielen nur wenige Stunden, nachdem die US-Notenbank auf ihrer Sitzung im Oktober die Zinsen unverändert gelassen hatte – ganz so, wie es der Markt weithin erwartet hatte.
Bessent gilt als enger Vertrauter von Präsident Donald Trump, der wiederholt niedrigere Zinsen gefordert hat. Trump hatte in den letzten Monaten von Jerome Powells Amtszeit an der Spitze der Zentralbank Druck auf dessen Vorgänger als Fed-Chef ausgeübt, was genau diese Frage betraf. Am Mittwoch betonte Bessent jedoch, dass sowohl er als auch Trump der Ansicht seien, dass der amtierende Fed-Vorsitzende Warsh gute Arbeit leiste und ein Gleichgewicht zwischen der Sicherung der Vollbeschäftigung und stabilen Preisen finden könne. „Ich denke, Vorsitzender Warsh hat einen großartigen Start hingelegt“, sagte Bessent. „Wie ich oft sage, ich habe großes Vertrauen in ihn.“
Die Details
Die Entscheidung der Fed, die Zinsen stabil zu halten, erfolgte einen Monat, nachdem sie die Kreditkosten zum ersten Mal seit drei Jahren angehoben hatte. Händler mit Fed-Funds-Futures erwarteten weithin, dass die Zentralbank bei ihrer nächsten Zusammenkunft im Dezember wieder zu Zinserhöhungen übergehen würde. Bessent sagte, er wünsche sich, dass die Fed eine „offene Meinung“ darüber habe, dass der Angebotsschock durch Energiepreise einen „vorübergehenden Charakter“ habe.
Als Begründung für die anhaltende Preisentwicklung nannte Bessent den Krieg der USA gegen den Iran, der zu einem starken Rückgang der globalen Rohölproduktionsmengen geführt habe. In der Folge entfernten sich die jährlichen Inflationswerte weiter vom Zielwert der Fed von 2 Prozent. Bessent erklärte zudem, dass die US-Bemühungen, die iranische Wirtschaft zu isolieren, die unter dem Codenamen „Operation Economic Outcast“ laufen, „sehr erfolgreich“ gewesen seien. Interne Schätzungen zeigten, dass die iranische Wirtschaft innerhalb eines Jahres um bis zu 25 Prozent schrumpfen könnte.
Auf die Frage nach Anleiherenditen im Zusammenhang mit Schulden von Unternehmen der künstlichen Intelligenz sagte der Wall-Street-Veteran, man überwache dies, sehe aber keinen Anlass zur Sorge. Bessent bezog sich dabei speziell auf Neoclouds – eine Art von Unternehmen, die spezifische Cloud-Infrastruktur für KI bereitstellen und in letzter Zeit auf dem Markt Schwierigkeiten hatten. Der Tesla-Chef Elon Musk hatte am Sonntag gewarnt, dass mehr als 200 Neocloud-Unternehmen „ein Aussterben und eine Konsolidierung auf Guppy-Niveau erleben werden“. Bessent widersprach dieser Einschätzung deutlich: „Ich halte das überhaupt nicht für problematisch“, sagte er. „Die Neoclouds sind nur ein kleiner Bestandteil des gesamten Ökosystems, und wir sehen weiterhin, dass Finanzierungen abgeschlossen werden. Wir sehen weiterhin, dass Deals zustande kommen.“
Gegenüber CNBC sagte Bessent außerdem, er erwarte, dass die für Donnerstag erwarteten Bruttoinlandsprodukt-Daten für das dritte Quartal „stark“ ausfallen würden. Er schränkte jedoch ein: „Ich habe sie noch nicht gesehen.“
Hintergrund: Was bisher geschah
Die jüngsten Aussagen des Finanzministers stehen in einer längeren Reihe von Positionsbestimmungen zur Geldpolitik. Bereits am 14.04.2026 berichtete aktien.news, dass Bessent sich dafür ausgesprochen hatte, dass die Federal Reserve mit Zinssenkungen vorerst abwarten sollte. Als Begründung nannte er die gestiegenen Ölpreise infolge des anhaltenden Krieges im Iran, die die Marke von 100 US-Dollar pro Barrel überschritten hatten. Bessent äußerte sich damals auf der Semafor World Economy Conference in Washington, D.C., und sagte gegenüber Semafor-Chefredakteur Ben Smith: „Glaube ich, dass die Zinsen gesenkt werden sollten? Irgendwann schon. Ich denke, dass wir im Moment abwarten müssen.“
Ebenfalls am 14.04.2026 berichtete aktien.news, dass diese Aussage eine deutliche Kehrtwende gegenüber seiner früheren Haltung darstellte. Noch im Januar hatte der US-Finanzminister gefordert, Fed-Chef Jerome Powell solle die Zinssenkungen beschleunigen; Zinssenkungen seien aus seiner damaligen Sicht „die einzige Zutat, die für ein noch stärkeres Wirtschaftswachstum“ fehle. In einem weiteren Bericht vom 14.04.2026 hieß es, Bessent habe sich dafür ausgesprochen, vor möglichen Zinssenkungen zunächst die weitere Entwicklung des Krieges im Iran abzuwarten. Er betonte damals, die US-Wirtschaft sei in den Monaten Januar und Februar „sehr stark“ gewesen, und die Fed „handle richtig, indem sie abwartet und beobachtet“, wie sich der Konflikt weiterentwickelt.
Am 15.04.2026 berichtete aktien.news schließlich, dass Bessent in einem CNBC-Interview einräumte, der Iran-Krieg werde das Wirtschaftswachstum der Vereinigten Staaten im laufenden Quartal spürbar bremsen. Trotz dieser Einschätzung zeigte er sich zuversichtlich, dass sich die Wirtschaft wieder erholen werde. Zudem betonte er, dass die gestiegenen Ölpreise die Inflationserwartungen bislang offenbar nicht belasteten.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Botschaft des Finanzministers in mehreren Punkten relevant. Erstens bleibt die Richtung der US-Geldpolitik offen: Die Fed hat die Zinsen im Oktober unverändert gelassen, nachdem sie sie zuvor erstmals seit drei Jahren angehoben hatte. Der Markt rechnet laut den Fed-Funds-Futures mehrheitlich damit, dass im Dezember wieder Zinserhöhungen folgen könnten. Zweitens hält Bessent ausdrücklich auch einen erneuten Anstieg nicht für automatisch falsch – ein Signal, dass die Notenbank ihren Spielraum nach oben nicht ausschließt.
Drittens verweist der Finanzminister auf den Energiepreis-Schock als Folge des Iran-Krieges, der die Inflation vom 2-Prozent-Ziel der Fed fernhält. Sollte sich diese Einschätzung als vorübergehend erweisen, könnte sich der Inflationsdruck wieder abschwächen. Viertens äußerte sich Bessent gelassen zu den Anleiherenditen im Umfeld von KI-Unternehmen und speziell zu den Neoclouds, die zuletzt Marktschwierigkeiten hatten. Anleger, die in diesem Segment engagiert sind, erhalten damit eine Einschätzung aus dem Finanzministerium, die deutlich optimistischer ausfällt als die Warnung von Elon Musk vor einer „Konsolidierung auf Guppy-Niveau“.
Ausblick
Konkrete Termine nennt die Quelle nur wenige. Die Fed wird sich nach den Markterwartungen im Dezember erneut treffen, wobei Händler mehrheitlich mit einer Rückkehr zu Zinserhöhungen rechnen. Für Donnerstag werden die Bruttoinlandsprodukt-Daten für das dritte Quartal erwartet; Bessent rechnet mit einem „starken“ Ergebnis, hat die Zahlen nach eigenen Angaben aber noch nicht gesehen. Darüber hinaus verweist Bessent auf interne Schätzungen, wonach die iranische Wirtschaft innerhalb eines Jahres um bis zu 25 Prozent schrumpfen könnte – ein Faktor, der die weiteren Energiepreise und damit die Inflationsentwicklung beeinflussen dürfte.
Kurz erklärt
- Federal Reserve: Die US-Notenbank, die über den Leitzins die Kreditkosten in den Vereinigten Staaten steuert.
- Fed-Funds-Futures: Terminkontrakte, mit denen Marktteilnehmer auf die künftige Zinsentscheidung der Fed wetten.
- Neoclouds: Unternehmen, die spezialisierte Cloud-Infrastruktur für Anwendungen der künstlichen Intelligenz bereitstellen.
- Bruttoinlandsprodukt: Der Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen, die in einer Volkswirtschaft in einem Zeitraum produziert werden.
