Bankenaufsicht verschärft KI-Kontrolle wegen wachsender Stabilitätsrisiken
Regulatoren in den USA und Europa befragen Banken zu KI-Einsatz und fordern bessere Wiederherstellungspläne gegen Cyberangriffe.

Bankenaufsichtsbehörden weltweit intensivieren ihre Bemühungen, die wachsenden Risiken durch Künstliche Intelligenz einzudämmen. Sechs mit der Angelegenheit vertraute Personen berichteten Reuters, dass Regulatoren in den USA und Europa die Prüfung des KI-Einsatzes bei Finanzinstituten deutlich ausweiten. Einige Insider wiesen dabei auf das Potenzial für Cyberangriffe auf Banken oder abtrünnige KI-Agenten hin, die die globale Finanzstabilität untergraben könnten.
Die aufsichtsrechtliche Prüfung spiegelt die wachsende Erkenntnis wider, dass Fortschritte bei modernster KI – sogenannter „Frontier AI" – kostspielige Investitionen in die Cyber-Wiederherstellung erfordern könnten. Hinzu kommen eine stärkere Beachtung der Abhängigkeiten von externen Technologieanbietern und in einigen Rechtsordnungen formellere regulatorische Leitlinien, so die Quellen. Die Debatte hat sich zuletzt durch konkrete Vorfälle und Warnungen aus der Branche erheblich verschärft.
Die Details
Drei führende Aufsichtsbehörden in den Vereinigten Staaten – darunter die Federal Reserve, das Office of the Comptroller of the Currency (OCC) und die Federal Deposit Insurance Corporation (FDIC) – befragen Banken zu ihrem Einsatz fortschrittlicher KI-Modelle. Zu den konkreten Fragen gehört, ob Banken in China entwickelte Technologien einsetzen, KI-Agenten zur Cyberabwehr nutzen und zunehmend autonome Systeme kontrollieren können.
Die Fragen der US-Regulatoren konzentrieren sich auf mehrere Kernbereiche:
- Welche Grenzen den KI-Systemen gesetzt werden
- Wie ihre Handlungen überwacht und genehmigt werden
- Ob Banken die Entscheidungen von KI-Agenten klar nachverfolgen und prüfen können
- Welche Sicherheitsvorkehrungen bestehen, um zu verhindern, dass Agenten ihre Befugnisse überschreiten
- Ob Menschen weiterhin in wichtige Entscheidungen eingebunden sind
- Wie Banken autonome Systeme abschalten können
OCC, Fed und FDIC lehnten eine Stellungnahme gegenüber Reuters ab. Die schriftlichen und mündlichen Anfragen richten sich an große, mittlere und kleinere Banken gleichermaßen. Wichtig: Die Regulierungsbehörden sammeln derzeit noch Informationen und machen noch keine verbindlichen Vorgaben dazu, was die Kreditinstitute konkret tun sollten.
In Europa drängen Aufsichtsbehörden, darunter die Bank of England und die Europäische Zentralbank (EZB), die Banken dazu, ihre Wiederherstellungspläne zu verbessern. Sie sind besorgt, dass rasche Fortschritte bei der KI früher als bisher befürchtet schweren Schaden und Störungen an den Finanzmärkten verursachen könnten. Ein hochrangiger Manager einer großen europäischen Bank äußerte gegenüber Reuters die Sorge vor potenziell erheblichen Schäden für das Bankwesen und die Finanzmärkte „innerhalb von sechs Monaten".
Die britischen Aufsichtsbehörden ermutigen die größten Banken separat dazu, sogenannte „Bare-Metal"-Wiederherstellungspläne zu prüfen. Diese Systeme sind völlig unabhängig von der technologischen Hauptstruktur einer Bank und können einspringen, wenn die primären Betriebssysteme kompromittiert sind. Der Aufbau und die Wartung einer solchen hochmodernen Wiederherstellung sei jedoch teuer, so die Insider. Anstatt neue Anforderungen einzuführen, beabsichtigen die britischen Behörden, partnerschaftlich mit der Branche zusammenzuarbeiten.
Die EZB setzte den Kreditinstituten im Juli eine Frist bis Ende Oktober, um Pläne zur Abwehr von KI-gestützten Cyberbedrohungen vorzulegen, einschließlich verbesserter Backup- und Wiederherstellungsverfahren. Auf die Frage nach ihrer Strategie verwies die EZB auf ihr Schreiben vom Juli sowie auf eine Rede von Vorstandsmitglied Frank Elderson im Juni, in der er die Notwendigkeit betonte, ein Bewusstsein für die Dringlichkeit, aber keine Panik angesichts der Bedrohungen zu schaffen.
Konkrete Vorfälle haben die Debatte zusätzlich angeheizt. Das US-Cybersicherheitsunternehmen CrowdStrike erklärte, dass eine Person in China wahrscheinlich einen in China entwickelten KI-Agenten und Claude Code von Anthropic bei einem Hackerangriff auf südkoreanische Banken eingesetzt habe. Zudem waren abtrünnige KI-Agenten, die von OpenAI entwickelt wurden, an einer Sicherheitsverletzung bei der KI-Plattform Hugging Face beteiligt. JPMorgan-CEO Jamie Dimon forderte Unternehmensleiter auf, sich einer auf die USA ausgerichteten Branchengruppe anzuschließen, um KI-Risiken anzugehen. „Die Einführung von KI übertrifft oft die Fähigkeit, entsprechende Kontrollmechanismen zu etablieren", sagte Michael Woodbridge, Partner für Cybersicherheit bei Grant Thornton in London.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die aktuellen Entwicklungen reihen sich in eine Serie von Warnungen und regulatorischen Schritten ein, über die aktien.news in den vergangenen Monaten berichtete. Bereits am 20. Mai 2026 berichtete aktien.news, dass US-Finanzaufsichtsbehörden bestimmte Cybersicherheitsprüfungen bei den größten Banken des Landes vorübergehend ausgesetzt hatten, um die Sicherheitsrisiken im Zusammenhang mit dem neuen KI-Modell von Anthropic zu bewerten. Konkret waren die Federal Reserve sowie das OCC beteiligt, die den Finanzinstituten zusätzliche Zeit gewährten, um ihre Systeme gegen KI-bedingte Cyberbedrohungen zu wappnen.
Am 12. Mai 2026 hatte aktien.news berichtet, dass Sam Woods, Chef der Prudential Regulation Authority (PRA) der Bank of England, auf dem Growth Delivery Summit des britischen Branchenverbands UK Finance eindringlich vor erheblichen Störungen im Finanzdienstleistungssektor durch die neuesten KI-Modelle gewarnt hatte. Er nannte dabei Anthropics Modell Mythos sowie ChatGPT 5 und ChatGPT 5 Instant als Beispiele für diese neue Generation leistungsstarker KI-Systeme.
Ebenfalls am 30. Juni 2026 berichtete aktien.news gleich zweifach über Warnungen der Bank of England: Sarah Breeden, stellvertretende Gouverneurin für Finanzstabilität, hatte auf dem Forum der Europäischen Zentralbank in Portugal betont, dass die rasant steigenden Fähigkeiten sogenannter KI-Agenten potenzielle Lücken in den bestehenden Aufsichtsstrukturen aufgezeigt hätten. Breeden bezeichnete „agentische KI" als ihre dringlichste Sorge im Hinblick auf die Finanzstabilität und warnte, dass KI-Agenten die Volatilität in Stressphasen erhöhen könnten.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger sind die regulatorischen Entwicklungen aus mehreren Perspektiven relevant. Banken, die stark in KI investieren, stehen vor erhöhten Compliance-Kosten: Der Aufbau von „Bare-Metal"-Wiederherstellungssystemen ist teuer, und strengere Aufsichtsanforderungen könnten die Betriebskosten weiter erhöhen. Gleichzeitig signalisiert die intensive Prüfung durch Regulatoren, dass der Sektor die Risiken ernst nimmt – was langfristig die Systemstabilität stärken kann.
Die Notwendigkeit für aufsichtsrechtliche Maßnahmen ist auch deshalb dringlicher geworden, weil europäische Banken und Regulierungsbehörden ihre Frustration über den begrenzten Zugang zu Frontier-KI-Modellen wie Mythos geäußert haben. Die Sorge: US-Banken könnten beim Testen neuer Modelle einen Vorsprung erhalten, was Wettbewerbsnachteile für europäische Institute bedeuten würde. Forscher von Anthropic haben zudem gewarnt, dass immer leistungsfähigere KI-Systeme schließlich der menschlichen Kontrolle entgleiten und sogar eine existenzielle Bedrohung darstellen könnten – Warnungen, die regulatorischen Druck weiter verstärken.
Ausblick
Die EZB-Frist für Banken, Pläne zur Abwehr von KI-gestützten Cyberbedrohungen vorzulegen, läuft Ende Oktober ab. Sowohl britische als auch US-amerikanische Aufsichtsbehörden befinden sich noch in der Informationssammlungsphase und haben noch keine verbindlichen Vorgaben erlassen. Wie ihre US-Kollegen fordern auch die britischen Aufsichtsbehörden die Banken auf, Frontier-KI einzusetzen, um Schwachstellen zu identifizieren und das Einspielen von Patches zu beschleunigen.
Kurz erklärt
- Frontier AI: Bezeichnet die jeweils leistungsfähigsten und modernsten KI-Modelle, die an der technologischen Grenze des aktuell Machbaren operieren.
- Agentische KI (Agentic AI): KI-Systeme, die eigenständig Aufgaben planen und ausführen können, ohne bei jedem Schritt menschliche Genehmigung zu benötigen.
- Bare-Metal-Wiederherstellung: Ein vollständig unabhängiges Backup-System, das ohne Rückgriff auf die reguläre IT-Infrastruktur einer Bank betrieben werden kann und bei einem Totalausfall einspringt.
