Anti-Cannabis-Kampagne in Massachusetts startet neue Werbeoffensive
Die „Coalition for a Healthy Massachusetts" setzt in neuen TV-Spots auf das Thema beeinträchtigtes Fahren – und erntet breiten Widerspruch.

Die „Coalition for a Healthy Massachusetts" hat ihre erste Werbekampagne gestartet. Zwei neue Werbespots sollen die Wähler im US-Bundesstaat Massachusetts dazu bewegen, bei der November-Abstimmung mit Ja zu stimmen – für Frage 8, die das bestehende Gesetz zur Legalisierung von Marihuana zurücknehmen würde. Beide Spots konzentrieren sich auf das Thema beeinträchtigtes Fahren.
„Von Bushaltestellen bis zu öffentlichen Parks ist dem Rauch von Marihuana nicht zu entkommen. Aber es geht nicht nur um öffentliche Räume", heißt es im ersten Spot. Beide Werbungen enden mit demselben Appell: „Bremsen Sie den kommerziellen Verkauf. Stimmen Sie bei Frage 8 mit Ja."
Die Details
Kampagnensprecherin Wendy Wakeman begründete die Botschaft gegenüber MassLive: „Den Wählern wurde gesagt, die Legalisierung werde streng kontrolliert sein und die Schäden würden begrenzt bleiben. Das ist nicht passiert." Sie ergänzte: „Wenn 42 Prozent der bei Unfällen getöteten Fahrer auf THC positiv getestet werden, ist dies keine private Entscheidung mehr. Es ist ein Problem der öffentlichen Sicherheit."
Reformaktivisten bestreiten diese Rahmung. Sie weisen darauf hin, dass Cannabinoid-Metaboliten wochenlang im Körper verbleiben können – ein positiver THC-Test bedeute daher nicht zwingend, dass ein Fahrer zum Unfallzeitpunkt tatsächlich unter Einfluss stand. Die Kausalität, die die Kampagne suggeriert, sei wissenschaftlich nicht belegt.
Laut Finanzierungsberichten hat die prohibitionsorientierte Kampagne bislang 3,5 Millionen US-Dollar eingesammelt und 2,7 Millionen US-Dollar ausgegeben. Die Gegenseite – die Kampagne, die den legalen Verkauf erhalten will – erhält derweil prominente Unterstützung: Repräsentantin Ayanna Pressley (D-MA) rief die Wähler auf, die Maßnahme abzulehnen, und bezeichnete die Aufrechterhaltung der Legalität als „sowohl wirtschaftliche Gerechtigkeit als auch rassische Gerechtigkeitspolitik". Gouverneurin Maura Healey (D) sprach sich ebenfalls gegen die Initiative aus: „Wir müssen den Freizeitmarihuana-Anbau hier in Massachusetts aufrechterhalten. Es ist eine wichtige Branche, die Cannabis-Branche. Und ich hoffe, dass die Wähler Cannabis behalten."
Die Massachusetts Cannabis Control Commission (CCC) gab bekannt, dass der Staat seit Marktstart im Jahr 2018 die Marke von 10 Milliarden US-Dollar an Einkäufen von Cannabis für Erwachsene übertroffen hat. CCC-Vorsitzender Chris Harding erklärte, er könne nicht direkt zur Initiative Stellung nehmen, betonte jedoch allgemein, dass „die Aufhebung der Freizeitindustrie Tausende von Arbeitsplätzen, Hunderte von Unternehmen und Milliarden an Steuereinnahmen eliminieren könnte".
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 30.09.2026 berichtete aktien.news, dass die Gegenkampagne „No on 8: Stop the Repeal Campaign" ihrerseits zwei neue Werbespots veröffentlicht hatte, um den Betrieb von Dispensaries für Freizeitmarihuana zu erhalten. Einer der Spots zeigte Alan Balsam, den ehemaligen Kommissar für öffentliche Gesundheit der Stadt Brookline, mit den Worten: „Vor nicht allzu langer Zeit konnten Menschen in Massachusetts Marihuana nur illegal kaufen. Maßnahme 8 würde uns in diese Zeiten zurückversetzen."
Am 26.09.2026 meldete aktien.news, dass laut einer Umfrage des Survey Center der University of New Hampshire 71 Prozent der Wähler planen, gegen die Maßnahme zu stimmen, während nur 24 Prozent sie unterstützen. Die Umfrage basierte auf 590 Befragten und wies eine Fehlermarge von 4 Prozent auf. Der jährliche Cannabis-Markt in Massachusetts hat demnach einen Wert von 1,65 Milliarden US-Dollar.
Am 15.09.2026 berichtete aktien.news, dass der SEIU Massachusetts State Council – eine Gewerkschaft, die nach eigenen Angaben mehr als 23.000 Mitarbeiter im humanitären Dienstbereich sowie Pädagogen vertritt – sich offiziell der „No on 8"-Kampagne angeschlossen hat.
Auch eine von CommonWealth Beacon und der MassINC Polling Group (MPG) veröffentlichte Umfrage zeigt, dass 61 Prozent der wahrscheinlichsten Wähler die Initiative ablehnen. Nur 27 Prozent sprachen sich dafür aus, 11 Prozent sind unentschlossen und 1 Prozent wollte keine Meinung äußern. Eine weitere, im August veröffentlichte Umfrage ergab eine Ablehnung von 55 Prozent gegenüber 33 Prozent Zustimmung.
Die Kampagne hinter Frage 8 sah sich im Vorfeld mit erheblichen Problemen konfrontiert: Im Juni wurde ein Unterschriftensammler entlassen, der in einem Video dabei gezeigt wurde, wie er Wähler offenbar irreführte. Er sammelte Unterschriften neben einem Schild mit der Aufschrift „Halten Sie Cannabis legal" und schien Unterstützer der Legalisierung dazu zu bringen, die Anti-Cannabis-Petition zu unterzeichnen. Die Kampagne erklärte, sie habe „Null-Toleranz für alle Zirkulationstaktiken, die Petitionsunterzeichner irreführen würden". Zuvor hatten Wähler berichtet, dass falsche Begleitschreiben zu unrelateden Themen wie bezahlbarem Wohnraum und Same-Day-Voter-Registration verwendet worden seien. Alle formellen Beschwerden wurden von der State Ballot Law Commission abgelehnt. Auch eine rechtliche Herausforderung durch Akteure der Cannabisindustrie, die argumentierten, die Maßnahme enthalte „unzulässigerweise unrelatede Themen", scheiterte vor dem Obersten Gerichtshof des Staates.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger, die in den nordamerikanischen Cannabis-Sektor investiert sind oder dies erwägen, ist die Entwicklung in Massachusetts ein wichtiger Stimmungsindikator. Das Marijuana Policy Project (MPP) warnte, dass eine Verabschiedung der Rücknahme-Initiative „katastrophale politische und wirtschaftliche Folgen für legale Cannabismärkte überall haben würde". Die Organisation betonte: „Selbst ein knapper Sieg würde die Märkte verunsichern und einen Schwall ähnlicher Initiativen in Staaten im ganzen Land incentivieren, von denen jede Millionen kostet, um sie zu bekämpfen." Ein Scheitern von Frage 8 hingegen würde die Stabilität des bestehenden Marktes bestätigen und könnte das Investorenvertrauen in regulierte Cannabis-Märkte stärken.
Ausblick
Die Abstimmung über Frage 8 findet im November statt. Alle vorliegenden Umfragen deuten auf eine klare Ablehnung der Initiative hin. Sowohl die Befürworter des legalen Cannabis als auch die Anti-Cannabis-Kampagne intensivieren ihre Werbemaßnahmen in den verbleibenden Wochen vor der Wahl. Die Gegenkampagne hat bereits zwei eigene TV-Spots veröffentlicht, und eine Koalition aus Führungskräften der Marihuanawirtschaft, Gesundheitsfachkräften und weiteren Befürwortern hat eine eigene Kampagne gestartet, um die Maßnahme zu besiegen.
Kurz erklärt
- THC: Der psychoaktive Wirkstoff in Cannabis, der bei Drogentests nachgewiesen wird und wochenlang im Körper nachweisbar bleiben kann.
- Ballot Initiative: Ein direktdemokratisches Instrument in US-Bundesstaaten, mit dem Bürger Gesetze zur Volksabstimmung bringen können.
- Cannabis Control Commission: Eine staatliche Behörde, die den legalen Cannabis-Markt in Massachusetts reguliert und überwacht.
