Altfett-Diebstahl: Kriminelle stehlen tonnenweise wertvollen Biokraftstoff-Rohstoff
Organisierte Banden plündern nachts Restaurants und Raststätten – wegen des boomenden Markts für Biokraftstoffe.

Mehrere Männer schleppen in der Nacht schwere Fässer aus Restaurantküchen in bereitstehende Vans. Was wie eine gewöhnliche Entsorgung wirkt, ist in Wirklichkeit organisierter Diebstahl. Das Diebesgut: gebrauchtes Speiseöl, auch bekannt als "Used Cooking Oil" (UCO) – ein begehrter Rohstoff für die Biokraftstoffproduktion.
Ein bayerischer Altfettentsorger, der anonym bleiben möchte, hat die Täter mit Überwachungskameras und GPS-Trackern dokumentiert. Seine Fässer legen dabei in einer einzigen Nacht mehrere hundert Kilometer zurück. Besonders beliebt bei den Dieben: Filialen großer Fast-Food-Ketten und Autobahnraststätten, wo große Mengen Altfett anfallen und Fluchtwege günstig liegen.
Der Marktanalyse von Argus Media zufolge lag der UCO-Preis Mitte März bei rund 1.200 Dollar pro Tonne. Bei Mengen von bis zu drei Tonnen pro Nacht – wie der bayerische Entsorger berichtet – ergibt sich daraus ein äußerst lukratives Geschäft für die Täter.
Millionenschaden für Entsorger und Gastronomie
Der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft (BDE) beziffert den entstandenen Schaden auf mehrere Millionen Euro. Betroffen sind nicht nur die Entsorgungsunternehmen, die ihren Rohstoff und teure Sammelgebinde verlieren. Auch Gastronomiebetriebe büßen eine wichtige Einnahmequelle ein, da UCO üblicherweise vergütet wird.
Der anonyme Entsorger betreibt einen Betrieb mit rund 120 Mitarbeitern und 25.000 Kunden – und verzeichnet monatlich über 1.000 Tonnen UCO-Eingang. Der Schaden durch die Diebstähle trifft ihn damit empfindlich. "2022 hat es massiv begonnen", erinnert er sich – zeitgleich mit dem sprunghaften Anstieg des UCO-Preises infolge des Ukraine-Kriegs.
Seitdem haben sich die Täter offenbar professionalisiert. Dieselben Kennzeichen tauchten in mehreren Bundesländern auf, was auf überregionale Strukturen hindeutet. "Es spricht für einen hohen Grad an Organisiertheit", bestätigt ein BDE-Sprecher. Um das gestohlene Fett gewinnbringend zu verkaufen, benötigen die Kriminellen ein funktionierendes Abnehmernetzwerk – vermutlich bis hin zu Raffinerien.
Behörden reagieren zögerlich
Trotz eindeutiger Überwachungsaufnahmen berichtet der bayerische Entsorger von wenig Unterstützung durch die Polizei. Die Antwort dort laute lediglich: "Geduld". Auch auf Bundesebene bleibt die Reaktion vage: Auf eine Kleine Anfrage der AfD erklärte die Bundesregierung Anfang März, dem Bundeskriminalamt sei der Altfett-Diebstahl "grundsätzlich bekannt" – einen statistischen Trend erfasse man jedoch nicht. Ob organisierte Kriminalität dahintersteckt, ließ die Regierung offen.
Für Anleger, die den Biokraftstoffmarkt im Blick haben, ist ein weiterer Preistreiber relevant: Seit dem Angriff der USA und Israels auf den Iran Ende Februar ist der HVO100-Preis – ein aus Abfallstoffen gewonnener Biodiesel – deutlich gestiegen. Laut Argus Media kletterte der Preis von 137,51 Euro je 100 Liter am 27. Februar auf 151,53 Euro nur wenige Tage später.
Sollte sich dieser Preisanstieg auch auf den UCO-Markt übertragen, dürfte der Anreiz für Altfett-Diebstähle weiter zunehmen. Das strukturelle Problem – steigende Nachfrage nach Biokraftstoffen bei begrenztem Rohstoffangebot – bleibt damit ungelöst.
