Alstom verliert ein Viertel des Marktwerts nach neuer Gewinnwarnung
Der französische Zugbauer stoppt sein Coradia-Max-Programm wegen Konstruktionsmängeln und rechnet mit 1,5 Milliarden Euro weniger Cash.

Die französische Alstom hat mit einer kombinierten Gewinn- und Cashflow-Warnung am Montag ein Viertel ihres Marktwerts eingebüßt. Auslöser ist das Regionalzug-Programm Coradia Max, das Züge für deutsche Bundesländer liefert. Konstruktionsmängel an bereits produzierten Einheiten zwingen den Konzern zu einem drastischen Schritt.
Ein Expertenteam, das der neue Chief Executive Martin Sion in die Testphase entsandt hatte, entdeckte die Mängel an Einheiten des Programms. Einige dieser Fahrzeuge waren bereits gefertigt. Alstom musste daraufhin das gesamte Programm einstellen, was zu Verzögerungen bei anderen deutschen Aufträgen führte. Die bereits produzierten Wagen müssen nachgerüstet werden.
Für die Finanzen des Konzerns hat das unmittelbare Folgen. Alstom erhält große Zahlungen, wenn es Projektmeilensteine erreicht. Verschieben sich die Lieferungen über dieses Jahr hinaus, generiert das Unternehmen 1,5 Mrd. Euro weniger Cash, als es ausgibt. Zuvor hatte Alstom auf einen positiven Free Cash Flow gehofft. Hinzu kommt, dass das Coradia-Max-Programm nach Einschätzung des Unternehmens weniger profitabel ausfallen wird als erhofft. Die Analysten von Kepler Cheuvreux rechnen deshalb mit einem einmaligen Abschlag von fast 1 Mrd. Euro.
Der neue Vorstandschef kann die alte Enttäuschung der Anleger nicht beheben
Martin Sion ist vergleichsweise neu an der Spitze von Alstom. Die Enttäuschung der Investoren ist es nicht. Daten von LSEG zeigen, dass das Unternehmen seit 2018 in jedem Jahr die Gewinnerwartungen der Analysten verfehlt hat. In jüngerer Zeit hingen die Probleme mit der Übernahme des kanadischen Konzerns Bombardier im Jahr 2021 zusammen. Mit dieser Transaktion kam eine ganze Reihe schlecht strukturierter Verträge ins Haus.
Die Schwierigkeiten von Alstom sind jedoch nicht nur hausgemacht. Sie spiegeln ein breiteres Problem wider, vor dem alle Hersteller stehen, die Züge an europäische Betreiber verkaufen. Die Nachfrage nach Bahnreisen wächst, doch die Machtbalance liegt eindeutig bei den Kunden. Diese sind tendenziell groß und quasi-staatlich. Auf der anderen Seite steht eine Schar von Auftragnehmern, zu der Deutschlands Siemens Mobility, Spaniens CAF und die Schweizer Stadler gehören.
Bahngesellschaften diktieren Spezifikationen und Lieferpläne
Die Bahngesellschaften nutzen ihre Macht, um bestimmte Produktspezifikationen zu fordern. Jede dieser Vorgaben fügt einem Projekt Kosten und Komplexität hinzu. Hinzu kommen Lieferpläne, die mitunter eher an den Wahlzyklus als an einen industriellen Rhythmus gebunden erscheinen. Erschwerend kommt hinzu, dass die europäische Bahnindustrie ein alterndes, knarrendes Flickwerk aus Technologien ist. Die Strecke von Paris nach Amsterdam verlangt von Betreibern beispielsweise, sieben verschiedene Signalsysteme mitzuführen.
Als Lösung für diese Lage gilt, dass die Zughersteller disziplinierter agieren müssten. Sie sollten entweder nicht für Aufträge bieten oder Aufträge ablehnen, bei denen wenig Hoffnung auf eine Marge besteht. Krisen wie die aktuelle könnten den Druck auf Unternehmen wie Alstom erhöhen, etwas Rückgrat zu entwickeln. Gleichzeitig schwächen sie dessen Verhandlungsposition weiter.
Alstom will zwei Milliarden Euro Schulden abbauen
Der Haken dabei ist ein finanzielles Ziel des Konzerns. Die Gruppe versucht, 2 Mrd. Euro Schulden abzubauen, um einen Verlust ihrer Investment-Grade-Kreditwürdigkeit zu vermeiden. Ein solcher Verlust wäre ein großes Problem für ein Unternehmen, das darauf angewiesen ist, dass seine Kunden daran glauben, dass es noch viele Jahre bestehen wird. Das bewusste Unterlassen zukünftiger Einnahmen mag dieser Mission widersprechen. Schwer zu erkennen ist jedoch, wie Alstom sonst wieder auf Kurs kommen soll.
Bereits im April 2026 hatte Alstom seine Finanzziele zurückgenommen
Die aktuelle Warnung ist nicht die erste Belastung für die Aktionäre. Bereits am 18.04.2026 berichtete aktien.news, dass die Alstom-Aktie nach einer Gewinnwarnung um rund 27 Prozent einbrach und bei 16,64 Euro schloss. Zum Handelsauftakt hatte der Rückgang sogar etwa 36 Prozent betragen, womit die Aktie kurzzeitig auf das Niveau vom Frühjahr 2024 abrutschte. Gemessen an den Jahreshochs vom Februar hatte sich der Kurs damit in kurzer Zeit nahezu halbiert. Auslöser war die Rücknahme der Finanzziele für das laufende Geschäftsjahr, bei der Alstom sowohl den angestrebten freien Barmittelzufluss als auch die Prognose für die operative Marge korrigierte.
Auch technische Probleme waren bereits Thema. Am 07.08.2026 berichtete aktien.news, dass die Deutsche Bahn den ICE auf der Strecke Berlin–Paris vorerst aus dem Fahrplan strich. Als Ursache nannte ein Bahnsprecher gegenüber der Nachrichtenagentur AFP technische Probleme mit dem europäischen Zugsicherungssystem des Herstellers Alstom. Die Bahn forderte den Konzern auf, „die Fehler umgehend zu beheben". Alstom erklärte seinerseits, man arbeite intensiv daran, die Verbindung „schnellstmöglich wieder zu ermöglichen". Ein konkreter Zeitplan für die Wiederaufnahme des Betriebs stand bislang nicht fest. Für Anleger war dies ein weiteres Zeichen für die technischen Herausforderungen des französischen Schienenfahrzeugherstellers.
Die Warnung trifft deutsche Privatanleger und Bundesländer direkt
Für Anleger in Deutschland ist die Meldung aus mehreren Gründen relevant. Alstom liefert mit dem Coradia Max Regionalzüge für deutsche Bundesländer, ist also direkt in den hiesigen Schienenverkehr eingebunden. Die Verzögerungen betreffen damit nicht nur den Konzern, sondern auch deutsche Auftraggeber. Zugleich zeigt die Serie verfehlter Gewinnerwartungen seit 2018, dass die operative Zuverlässigkeit des Unternehmens über Jahre hinweg ein Thema ist.
Die Bewertung des Konzerns hängt stark von der Frage ab, ob er seine Kreditwürdigkeit und das Vertrauen seiner Kunden erhalten kann. Beide Größen sind miteinander verknüpft. Ein Hersteller von Schienenfahrzeugen muss über viele Jahre hinweg liefern und warten können. Zweifel an der Beständigkeit eines Anbieters wirken sich deshalb unmittelbar auf künftige Aufträge aus. Die aktuelle Warnung berührt genau diesen Punkt.
Alstom muss das Coradia-Max-Programm wieder in geordnete Bahnen lenken
Der Konzern steht vor der Aufgabe, das Coradia-Max-Programm wieder aufzunehmen und die bereits produzierten Wagen nachzurüsten. Parallel verfolgt er das Ziel, 2 Mrd. Euro Schulden abzubauen. Ob und wann die Lieferungen wieder anlaufen, geht aus der Quelle nicht hervor. Klar ist, dass eine Verschiebung der Lieferungen über dieses Jahr hinaus die Cash-Position um 1,5 Mrd. Euro belastet. Die Analysten von Kepler Cheuvreux erwarten einen einmaligen Abschlag von fast 1 Mrd. Euro.
Diese drei Fachbegriffe helfen beim Verständnis der Meldung
- Free Cash Flow: der Betrag, der einem Unternehmen nach Abzug der Investitionen aus der laufenden Geschäftstätigkeit zur Verfügung steht.
- Investment-Grade: eine Bonitätsstufe, die anzeigt, dass ein Schuldner als vergleichsweise zuverlässig eingestuft wird.
- Projektmeilenstein: ein im Vertrag festgelegter Zwischenstand, bei dessen Erreichen eine Zahlung fällig wird.
