VW droht erstes Verlustjahr: E-Auto-Boom und China-Krise belasten
Europas größter Autobauer verbucht im dritten Quartal rund 5,82 Milliarden Euro Verlust und kämpft mit einer paradoxen E-Auto-Nachfrage.

Volkswagen steuert auf das erste Verlustjahr seit dem Diesel-Skandal zu. Im dritten Quartal steht ein Verlust von rund 5,82 Milliarden Euro zu Buche. Nach neun Monaten ergibt sich nach Steuern ein Minus von 2,72 Milliarden Euro. Ein großer Teil davon sind Buchverluste – aber längst nicht alle.
Die Zahlen verdeutlichen, wie tief der einstige Gewinnmotor ins Rutschen geraten ist. Der Konzernumbau und der geplante Verkauf des Werks Osnabrück kosten Geld. Hinzu kommt ein Paradox: Der Boom bei Elektroautos belastet das Ergebnis zusätzlich, weil Stromer derzeit weniger Gewinn abwerfen als vergleichbare Verbrenner. Im Tagesgeschäft ohne Sondereffekte rechnet das Management nur noch mit einem Mini-Gewinn.
Der Porsche-Firmenwert als größter Brocken
Größter Einzelposten ist die Abschreibung auf den Porsche-Firmenwert von rund 6,4 Milliarden Euro. Sie ist nicht zahlungswirksam, belastet aber den Gewinn. Grund sind niedrigere Erwartungen an die Tochter, die bereits ein Jahr zuvor Hauptgrund für einen Quartalsverlust war und länger in der Krise steckt. Porsche leidet unter dem China-Einbruch, US-Zöllen und Kurskorrekturen bei der Elektro-Strategie; zuletzt hatten sich die Geschäftszahlen stabilisiert.
Für das laufende Jahr summiert VW die Sonderkosten auf rund 10 Milliarden Euro, 8,7 Milliarden davon sind bereits verbucht. Diese hohen Sonderbelastungen waren seit der Gewinnwarnung im September bekannt. Im vierten Quartal dürften weitere hinzukommen, etwa für zusätzliche Vorruhestandsregelungen. Eine Einigung mit den Arbeitnehmern über Sparpläne könnte Kosten verursachen, beispielsweise Abfindungen – vor Jahresende gilt sie als unwahrscheinlich.
Der Markterfolg als Bürde
Eigentlich läuft es bei den Stromern gut. In Europa ist bis Ende September jedes fünfte ausgelieferte Auto ein E-Auto. Der Auftragsbestand für E-Modelle liegt bei rund 40 Prozent. Die Kleinwagen-Familie um den ID. Polo kommt auf 150.000 Bestellungen. Das ist ein Nachfrageniveau, das VW erst für 2029 erwartet hatte.
Doch genau dieser Erfolg wird zum Problem. „Der Markterfolg unserer Elektrofahrzeuge setzt unser Ergebnis zusätzlich unter Druck“, sagt Finanzchef Arno Antlitz. Der schnelle Hochlauf verwässert die Gewinnmarge, und der Effekt dürfte sich laut Antlitz verstärken. Ein Beispiel: Die Marge des ID. Cross liegt bei nur 70 bis 80 Prozent eines vergleichbaren Verbrennermodells. Antlitz zufolge muss VW deshalb die Kosten senken. Immerhin kann der Konzern durch den E-Boom die EU-CO2-Flottengrenzwerte zunächst einhalten und Strafzahlungen vermeiden.
China: vom Gewinnbringer zum Problemfall
Der einstige Gewinnbringer China ist heute ein Problemfall. In den ersten neun Monaten brachen die Verkäufe um gut 30 Prozent auf 1,38 Millionen Autos ein. In Spitzenzeiten setzte VW in China jährlich mehr als vier Millionen Fahrzeuge ab und verdiente mehr als 4 Milliarden Euro. Der Markt selbst schrumpft: Wurden 2025 noch mehr als 24 Millionen Autos verkauft, erwartet man 2026 weniger als 19 Millionen.
VW-China-Chef Ralf Brandstätter beschreibt die Lage mit drastischen Worten – „im freien Fall“. Hinzu kommt eine Wertberichtigung auf chinesische Tochterfirmen von rund einer Milliarde Euro. Für 2026 rechnet VW in China vor Abschreibungen nur noch mit einem Abschneiden um die Gewinnschwelle. Nach dem ersten Halbjahr war ein positiver anteiliger Beitrag von 200 bis 600 Millionen Euro erwartet worden. Antlitz sieht ein erhebliches Risiko, dass das China-Ergebnis vor Abschreibungen im vierten Quartal ins Negative rutscht.
Was Anleger wissen sollten
Der Konzernumsatz lag nach neun Monaten bei 233,4 Milliarden Euro, ein Minus von 2,2 Prozent. Weltweit lieferte VW im laufenden Jahr ungefähr acht Millionen Fahrzeuge aus. Die Aktie reagierte dennoch positiv: Sie stieg um 2,8 Prozent auf 70,96 Euro, hat aber in diesem Jahr knapp ein Drittel an Wert verloren. Für Analyst Philippe Houchois von Jefferies lagen die detaillierten Zahlen im Wesentlichen wie erwartet. Der Zahlungsmittelzufluss im Automobilbereich tendiert zum oberen Ende der Jahresprognosespanne.
Für Privatanleger ist die zentrale Frage, wie viel der Belastungen einmalig bleibt. Die Porsche-Abschreibung ist nicht zahlungswirksam, der operative Gewinn ohne Sondereffekte liegt bei 8,8 Milliarden Euro. Entscheidend wird sein, ob VW die Kosten im E-Geschäft senken kann und ob sich China stabilisiert. Beide Baustellen dürften die Aktie noch länger beschäftigen.
