TV-Zukunft 2029: Medieninsider teilen ihre Prognosen für das Fernsehen
Fusionen, Ausgründungen und Streaming-Partnerschaften verändern das Fernsehen rasant – CNBC befragte zehn Medienmanager zu ihrer Zukunftsvision.

Die Fernsehbranche befindet sich im tiefgreifendsten Wandel ihrer Geschichte. Fusionen, Ausgründungen und neue Partnerschaften verändern die Medienlandschaft in einem Tempo, das selbst erfahrene Branchenbeobachter in Atem hält. CNBC hat zehn führende Medienmanager befragt, wie das Fernsehen im Jahr 2029 aussehen wird – die Ergebnisse zeichnen ein vielschichtiges Bild zwischen Konsolidierung, Technologisierung und dem Aufstieg neuer Plattformen.
Der Hintergrund dieser Umfrage ist kein bloßes Gedankenexperiment: Es geht um Fusionen und Übernahmen im Wert von Hunderten Milliarden US-Dollar. Im Februar stimmte Paramount Skydance der Übernahme von Warner Bros. Discovery zu. Fox kündigte im Juni an, die Streaming-Plattform Roku für 22 Milliarden US-Dollar zu übernehmen. Comcast plant, NBCUniversal im Jahr 2027 abzuspalten. Und Charter Communications erhielt kürzlich die endgültige Genehmigung für die 34,5 Milliarden US-Dollar schwere Fusion mit Cox Communications – damit würde das größte Kabelunternehmen der USA entstehen.
Lineares Fernsehen: Kein Absturz, aber stetiger Rückgang
Über die Zukunft des klassischen Kabelfernsehens sind sich die Befragten weitgehend einig: Es geht weiter bergab, aber nicht auf null. Jeff Zucker, CEO von RedBird IMI und ehemaliger CEO von NBCUniversal, sagt klar: „Ich glaube nicht, dass wir eine Talsohle erreichen werden. Es wird weiter bergab gehen, wahrscheinlich jedes Jahr, bis die Sportrechte schließlich aus dem Kabelfernsehen verschwinden. Aber ich denke, das ist noch mindestens ein Jahrzehnt entfernt."
Charter-CEO Chris Winfrey sieht die Kosten als zentrales Problem: Die freie, terrestrische Weiterverbreitung koste mittlerweile über 30 US-Dollar pro Kunde – „für etwas, das im Grunde kostenlos ist." Gleichzeitig betont er, dass Kabel- und Rundfunkinhalte zunehmend in Streaming-Bundles verfügbar werden. Rashida Jones, ehemalige Präsidentin von MSNBC, hält eine Trendumkehr für schwierig: „Ich denke, dieser Trend setzt sich fort. Wie schnell? Ehrlich gesagt, lagen wir als Branche bisher nicht richtig – es ging nicht ganz so schnell voran, wie wir noch vor vier oder fünf Jahren prognostiziert haben."
Personalisierung und E-Commerce als nächste große Welle
Jimmy Pitaro, Vorsitzender von ESPN, sieht „allgegenwärtige Personalisierung" als die prägende Entwicklung der nächsten drei Jahre. Netzwerke werden dem richtigen Nutzer zur richtigen Zeit den richtigen Inhalt liefern – und Inhalte werden speziell auf individuelle Vorlieben zugeschnitten. Ergänzend dazu erwartet er eine starke Zunahme von E-Commerce-Integration: „Ich erwarte, dass in den kommenden Jahren ein reibungsloser Handel entstehen wird – mehr Produktplatzierungen und die Möglichkeit für den Kunden, über Deep-Links direkt auf eine Partnerseite zu gelangen."
Anjali Sud, CEO von Tubi, teilt diese Einschätzung für den Werbemarkt: „Werbeanzeigen werden viel nützlicher und relevanter werden, so wie es in den sozialen Medien der Fall ist." Sie beschreibt eine Zukunft, in der Hyper-Personalisierung dazu führt, dass Werbung nicht mehr als Unterbrechung wahrgenommen wird, sondern als hilfreich und nützlich gilt.
Big Tech und Hollywood: Die Konvergenz ist vollzogen
Tubi-Chefin Sud bringt es auf den Punkt: „Die Konvergenz zwischen der Technologie aus dem Silicon Valley und Hollywood hat bereits stattgefunden. Der Wandel ist vollzogen." YouTube führt den Fernsehkonsum im Wohnzimmer an, Instagram zeigt vertikale Videos auf dem Fernseher, und die Oscars werden künftig auf YouTube zu sehen sein. „Ich glaube nicht, dass man diesen Geist wieder in die Flasche zurückholen kann", so Sud.
John Landgraf, Vorsitzender von FX Content and Studios, sieht zeitgleiche weltweite Veröffentlichungen als wichtige Entwicklung: Die größten Serien werden künftig überall auf der Welt zur gleichen Zeit starten. Zucker ergänzt, dass immer mehr Podcaster und Livestreaming-Shows an Kabelsender lizenziert werden – „das wird sich viel stärker als Standard in der TV-Branche etablieren."
Sport bleibt das Rückgrat des Live-Fernsehens
Beim Thema Sportquoten zeigen sich die Befragten optimistisch. Zucker betont: „Die Realität ist, dass Live-Inhalte funktionieren. Die Menschen wollen Live-Events, Live-Nachrichten und insbesondere Live-Sport. Sie wollen Dinge, die KI nicht replizieren kann." Brian Fuhrer von Nielsen weist darauf hin, dass methodische Verbesserungen – insbesondere die Ausweitung der Außer-Haus-Messung – zu messbaren Steigerungen bei Sportquoten geführt haben.
Winfrey sieht immersives Programmangebot, insbesondere 8K-Fernsehen im Sportbereich, als Chance für die Pay-TV-Branche. Als Beispiel nennt er die Kooperation von Spectrum Front Row mit der NBA und Apple Vision Pro: „Die Fähigkeit, ein Erlebnis direkt vom Spielfeldrand in das Wohnzimmer jedes Haushalts zu bringen – das wird eine einzigartige und neue Erfahrung sein."
Wer wird der neue Aggregator?
Charter-CEO Winfrey sieht die größte Chance für denjenigen, der alle Dienste bündeln kann: „Die wahre Chance besteht für jemanden, der alles zusammenführen kann, um ein Aggregator all dieser verschiedenen Dienste zu sein – ganz ähnlich wie das Kabelfernsehen ursprünglich geschaffen wurde." Debra O'Connell, Vorsitzende von Disney Entertainment Television, verweist auf Instagrams Ankündigung zu TV-Formaten als Hinweis darauf, dass der nächste große Akteur möglicherweise noch gar nicht auf dem Radar ist.
Die Umfrage zeigt: Die Branche ist sich einig, dass der Wandel unumkehrbar ist – aber über Tempo und Gewinner wird noch heftig gestritten.
