Türkische Investmentfonds in der Krise: Wie die Blase platzte
Die Aufsichtsbehörden ordneten die Liquidation von 131 Fonds an, nachdem eine 20-Milliarden-Dollar-Blase geplatzt ist.

Die türkische Investmentfondsbranche steckt in einer sich vertiefenden Krise. Die Aufsichtsbehörden hatten im vergangenen Monat die Liquidation von 131 Fonds angeordnet, die von sieben Vermögensverwaltern betreut wurden. Zuvor hatten einige gewarnt, sie könnten die Auszahlungsanfragen der Anleger nicht mehr bedienen.
Innerhalb von nur drei Jahren hatten die Fonds ein Vermögen von mehr als 20 Milliarden Dollar erreicht. Fast eine halbe Million Anleger – darunter Politiker, ehemalige Beamte und Prominente – suchten nach überdurchschnittlichen Renditen, um den abwertenden Lira und die hohe Inflation auszugleichen. Diese Expansion setzte sich fort, obwohl türkische Behörden geltend machten, dass einige Fonds zur Marktmanipulation genutzt wurden. Die Krise riss die Aktienmärkte in einen Bärenmarkt: Der Hauptindex verzeichnete im September seinen schlechtesten Monat seit 2008.
Die Türkei hatte ihre Geldpolitik straff gehalten, um die Inflation zu zügeln und lira-denominierte Sparanlagen zu fördern. Das steigerte das Interesse an Fonds, die Renditen oberhalb der Inflationsrate und der lokalen Einlagenzinsen boten. Einige dieser Investmentfonds konzentrierten sich auf einzelne Aktien oder Vermögenswerte, während andere nur über eine Handvoll Anleger verfügten. Einige Fonds handelten zuletzt notierte Small-Cap-Aktien, bei denen die geringere Liquidität zu starken Kursschwankungen führte – was wiederum die täglichen Renditen der diese Aktien haltenden Fonds erhöhte.
**Warnungen vor Manipulation
Türkische Beamte hatten bereits im November 2025 vor Manipulationen durch Investmentfonds gewarnt. „Wir wissen, dass diese Manipulationen insbesondere über bestimmte Fonds durchgeführt werden“, sagte Finanzminister Mehmet Simsek und fügte hinzu, dass regulatorische Lücken geschlossen würden. Omer Gonul, damals Vorsitzender des türkischen Kapitalmarktausschusses (SPK), erklärte, die Aufsichtsbehörden überwachten die zur Umgehung von Vorschriften genutzten Fonds und warnten, dass Verwalter mit Strafen einschließlich der Aberkennung der Lizenz rechnen müssten.
Zwei Vermögensverwalter im Zentrum der Turbulenzen, Tera Portfoy und Pusula Portfoy, expandierten vor der Krise rasch. Tera und Pusula haben nicht auf die Anfragen von Reuters zur Stellungnahme reagiert. Das verwaltete Vermögen der türkischen Portfolioverwaltung stieg laut Daten des Kapitalmarktausschusses im August 2026 auf 329 Milliarden Dollar, verglichen mit 246 Milliarden Dollar ein Jahr zuvor. Das verwaltete Vermögen von Tera stieg im selben Zeitraum um mehr als das Zehnfache auf 14,3 Milliarden Dollar, während das Vermögen von Pusula aufgrund einströmender Anleger um den Faktor 13 auf 13,2 Milliarden Dollar sprang.
Bis Ende August belegte Tera den sechsten und Pusula den achten Platz unter den türkischen Portfolioverwaltern. Jeder Anteil am gesamten verwalteten Vermögen überstieg 4 Prozent, was sie zu den größten nicht-bankseitigen Unternehmen der Branche machte. Einige Fonds meldeten starke Anstiege bei Vermögen und Anlegern. Der Hedge-Fonds TLY von Tera erzielte zwischen Januar und Juli 2025, als er weniger als 200 Anleger hatte, in Lira gerechnet eine Rendite von 747 Prozent. Nachdem er im Juli einem breiteren Anlegerkreis zugänglich wurde, kletterte seine kumulierte Rendite bis September auf mehr als 15.000 Prozent in Lira gerechnet. TLY zog 102.616 Anleger an und wuchs auf ein Vermögen von 5 Milliarden Dollar – wodurch er zum größten der liquidierten Fonds wurde. Ihm folgte der Geldmarktfonds TP2 von Tera mit einem Vermögen von 4,6 Milliarden Dollar und rund 167.000 Anlegern. TP2 erzielte in diesem Zeitraum eine Rendite von 123 Prozent für die Anleger, während die Inflationsrate bei 60 Prozent lag.
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Wer in die Krise hineingezogen wurde
Die Aufsichtsbehörden haben ihre Untersuchung wegen vermuteter Marktmanipulation an Aktien- und Fondsmärkten ausgeweitet. Justizminister Akin Gurlek sagte, die Zahl der Beschuldigten sei auf 217 gestiegen, wobei 56 inhaftiert sind, bis ihre Prozesse beginnen. Fatma Betul Sayan Kaya, stellvertretende Vorsitzende der regierenden AKP von Präsident Tayyip Erdogan, trat von ihren Parteiamtern zurück, nachdem ein Oppositionspolitiker behauptet hatte, sie und ihr Ehemann hätten beim Handel mit Ozata Denizcilik-Aktien vor dem Aufkommen der Turbulenzen erhebliche Gewinne erzielt. Die Aktien sind Teil einer umfassenderen Untersuchung zur Marktmanipulation. Kaya erklärte auf X, sie halte es für notwendig, politische Verantwortung zu übernehmen, während die Vorwürfe geprüft würden. Sie kommentierte dies nicht weiter.
Zu den Inhaftierten gehören leitende Angestellte, die mit Tera und Pusula verbunden sind. Erkan Kilimci, ein ehemaliger Vizegouverneur der Zentralbank, der später Executive bei Tera wurde, wurde ebenfalls inhaftiert, wie der Sender NTV berichtete. Kilimci sagte in einem LinkedIn-Beitrag vor seiner Inhaftierung, es sei „unpünktlich“ gewesen, dass sein Name aufgrund der hohen Position bei Tera, die er drei Monate innehatte, mit den Vorwürfen in Verbindung gebracht worden sei. In seinem Beitrag ging Kilimci nicht direkt auf die Vorwürfe ein, und Reuters konnte keine Vertretung Kilimcis für weitere Kommentare erreichen. Kayas Berater reagierte nicht auf eine Anfrage zur Stellungnahme.
Der Hauptindex von Istanbul schloss am Donnerstag um 2,5 Prozent höher, als umfassende Änderungen an seinen Bestandteilen wirksam wurden, wodurch Aktien, die in die Krise verwickelt waren, entfernt wurden. Der SPK erklärte, die Liquidation der Fonds werde sechs Monate dauern. Anleger in bestimmten Fonds mit Nettoinvestitionen unter 1 Million Lira (20.396 Dollar) erhalten eine vollständige Rückerstattung. Anleger mit 1 Million Lira oder mehr Investition erhalten eine Zwischenzahlung von 1 Million Lira. Der türkische Einlagensicherungsfonds für Spareinlagen hat Konten für Anleger eröffnet, die das zurückgeben wollen, was die Behörden als „übermäßige Gewinne“ aus dem Verkauf von Fonds beschreiben.
**Was als Nächstes geschehen könnte
Analysten von JPMorgan sagten voraus, dass die Turbulenzen in der Fondsbewegung „bedeutende Abwärtsrisiken“ für die Prognose des türkischen BIP-Wachstums von 3 Prozent im Jahr 2026 mit sich bringen. Es bleibt unklar, wie hoch der Gesamtverlust für die Anleger ausfallen wird. Das Augenmerk richtet sich nun auf die Preise, zu denen die Vermögenswerte der Fonds in Bargeld umgewandelt werden können, da viele Fonds dünn gehandelte Aktien halten, was den Prozess möglicherweise kompliziert.
Für deutsche Anleger ist die Entwicklung ein anschauliches Beispiel dafür, wie schnell sich Fonds, die auf illiquide Einzelwerte setzen, in eine Schieflage manövrieren können. Die Kombination aus hoher Inflation, straffer Geldpolitik und dem Streben nach Rendite oberhalb der Teuerungsrate hatte in der Türkei einen Sog entfacht, der nun in einer großangelegten Liquidation mündet.
