tk accelis debütiert: Thyssenkrupp-Tochter mit 1,77 Milliarden Euro bewertet
Der Materialhändler tk accelis startet mit 1,77 Milliarden Euro Bewertung an der Börse – der größte deutsche Börsengang des Jahres 2026.

Der Materialhändler tk accelis ist am Mittwoch an der Börse gestartet und wird mit 1,77 Milliarden Euro (1,97 Milliarden US-Dollar) bewertet. Im Zuge der Ausgliederung verteilte der Mutterkonzern Thyssenkrupp 49 Prozent der 63,5 Millionen Aktien an bestehende Anleger, behielt aber eine Mehrheitsbeteiligung. Die Aktie eröffnete bei 27,80 Euro und legte bis 11:13 Uhr GMT auf 29,58 Euro zu.
Damit ist der Börsengang bislang der größte in Deutschland im Jahr 2026. Er markiert den nächsten Schritt in Thyssenkrupps Umbau des Konzerns. „Wir haben nun einen weiteren sehr wichtigen Schritt hin zur Transformation von Thyssenkrupp vom industriellen Konglomerat zur Finanzholding vollzogen", sagte Thyssenkrupp-CEO Miguel Lopez gegenüber Reuters.
Das Unternehmen erklärte, tk accelis habe sich über den reinen Materialvertrieb hinaus entwickelt und biete inzwischen spezialisierte Dienstleistungen entlang der gesamten Lieferkette an. Der Schritt reiht sich ein in eine Serie von Ausgliederungen, mit denen Thyssenkrupp seinen Anteil an operativen Geschäftsbereichen reduziert.
Die Details
tk accelis kauft, verkauft und verarbeitet Materialien einschließlich Stahl und Legierungen sowie deren Lagerung und Distribution. Rund 15.500 Mitarbeiter arbeiten für das Unternehmen, das entspricht 17 Prozent der Belegschaft von Thyssenkrupp. Mit einem jährlichen Umsatz von 11,4 Milliarden Euro erwirtschaftet tk accelis fast ein Drittel des Konzernumsatzes.
Zu den Kunden zählen Airbus, BP, Tesla und Volkswagen. Laut dem Börsenprospekt weist das Unternehmen eine finanzielle Schuld von 710,6 Millionen Euro aus. Diese Schuldenlast dürfte erklären, warum die Bewertung am unteren Ende einiger Analystenschätzungen lag.
Die Investmentbank Jefferies hatte den Unternehmenswert (Enterprise Value) von tk accelis, einschließlich Schulden, auf 2,6 bis 4,8 Milliarden Euro geschätzt. Für die Aktien hatten die Analysten eine Notierung zwischen 29 und 64 Euro für möglich gehalten. Der erste Handelstag brachte mit 29,58 Euro ein Niveau, das am unteren Rand dieser Spanne liegt.
Bereits im Juli hatte tk accelis eine mittelfristige bereinigte Kern-Gewinnspanne von 4 Prozent bis 5 Prozent angekündigt – ein Anstieg gegenüber 2 Prozent im Geschäftsjahr 2024/25. Zudem identifizierte das Unternehmen die USA als wichtigen Wachstumsmarkt.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die Verselbstständigung der Werkstoffsparte hat eine längere Vorgeschichte. Bereits am 18.02.2026 berichtete aktien.news, dass Thyssenkrupp einem Medienbericht zufolge die Abspaltung seiner Materialhandelssparte Materials Services (MX) über einen Börsengang im Jahr 2026 erwäge. Die Division erzielte demnach einen Umsatz von 11,4 Milliarden Euro (13,5 Milliarden Dollar). Damals reagierte die Aktie des Essener Industriekonzerns positiv und legte um bis zu 4,2 Prozent zu.
Am 08.08.2026 meldete aktien.news, dass die Aktionärsvertreter bei einer außerordentlichen Hauptversammlung der Verselbstständigung der Werkstoffsparte TK Accelis mit anschließender Börsennotierung zugestimmt hatten. Das Ergebnis fiel eindeutig aus: 99,99 Prozent der Stimmen votierten für die Pläne. Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) begrüßte den Schritt ausdrücklich. „Es ist der richtige, konsequente nächste Schritt in der Neuaufstellung des Thyssenkrupp-Konzerns", sagte er. Eine unmittelbare Beteiligung der bisherigen Thyssenkrupp-Aktionäre sei aktionärsfreundlich und eröffne die Chance auf eine eigenständige Bewertung der Aktie.
Am 10.08.2026 berichtete aktien.news, dass die Aktionärsvertreter auf der außerordentlichen Hauptversammlung am 7. August mit einer Mehrheit von 99,99 Prozent für die Verselbstständigung gestimmt hatten. Die tk accelis Group AG & Co. KGaA, die bis Juni noch unter dem Namen „Materials Services" firmierte, sollte demnach Ende Oktober 2026 in das Handelsregister eingetragen werden. Unmittelbar danach war die Börsennotierung vorgesehen.
Ergänzend berichtete aktien.news am 28.09.2026, dass Thyssenkrupp Steel Europe im Rahmen eines Capital Markets Day eine Verdreifachung des Kerngewinns anstrebt. Konkret peilt der Geschäftsbereich ein bereinigtes Ergebnis vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Amortisation (EBITDA) von mindestens 1,2 Milliarden Euro (1,4 Milliarden US-Dollar) an. Ein konkretes Zieldatum nannte das Unternehmen nicht.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist vor allem die Bewertungslücke bemerkenswert. Die Aktie startete unterhalb der Mitte der von Jefferies genannten Spanne, während der Unternehmenswert inklusive Schulden auf 2,6 bis 4,8 Milliarden Euro taxiert wurde. Wer bereits Thyssenkrupp-Papiere hält, partizipiert automatisch: Die 49 Prozent der Anteile gingen im Rahmen der Ausgliederung an bestehende Anleger, ohne dass sie zusätzliches Kapital einsetzen mussten.
Gleichzeitig bleibt Thyssenkrupp Mehrheitsaktionär. Das bedeutet, dass der Essener Konzern weiterhin erheblich Einfluss auf die Geschicke des Materialhändlers nimmt, auch wenn das Geschäft schrittweise an Unabhängigkeit gewinnt. Dass dieser Wert nun eigenständig am Markt bewertet wird, eröffnet Anlegern eine transparentere Vergleichsbasis innerhalb des Konzerngefüges.
Der Börsengang fällt in eine Phase der Konsolidierung im Materialssektor. Der kleinere deutsche Konkurrent Kloeckner & Co wird vom US-Unternehmen Worthington Steel übernommen, während die US-Konkurrenten Ryerson und Olympic Steel fusionieren. Dieser Trend verschiebt die Wettbewerbslandschaft, in der sich tk accelis behaupten muss. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Ausblick
tk accelis verfolgt mittelfristig eine bereinigte Kern-Gewinnspanne von 4 Prozent bis 5 Prozent, nach 2 Prozent im Geschäftsjahr 2024/25. Den USA kommt dabei die Rolle eines zentralen Wachstumsmarkts zu. Ob das Unternehmen diese Ziele erreicht, dürfte maßgeblich davon abhängen, wie sich das Geschäft in Nordamerika entwickelt.
Parallel setzt Thyssenkrupp seine Strategie fort, den Anteil an weiteren operativen Bereichen zu reduzieren. Genannt sind der Kriegsschiffbauer TKMS und die Wasserstoffsparte Thyssenkrupp Nucera. Damit bleibt der Umbau des Konzerns zur Finanzholding ein laufender Prozess statt eines abgeschlossenen Projekts.
Im Konzern sind zudem die Ziele der Stahlsparte relevant: Thyssenkrupp Steel Europe will ihren Kerngewinn mittelfristig mindestens verdreifachen und ein bereinigtes EBITDA von mindestens 1,2 Milliarden Euro erreichen. Ein Datum für das Erreichen dieser Marke ließ das Unternehmen offen.
Kurz erklärt
- Börsengang (IPO): Der erstmalige Handel von Aktien eines Unternehmens an einer Börse, bei dem Anteile öffentlich an Investoren angeboten oder verteilt werden.
- Enterprise Value (Unternehmenswert): Kennzahl, die den Marktwert eines Unternehmens einschließlich seiner Schulden abbildet und es damit mit Konkurrenten vergleichbar macht.
- Finanzholding: Eine Konzerngesellschaft, die selbst nicht operativ tätig ist, sondern Beteiligungen an Tochterunternehmen hält und steuert.
- Bereinigte Kern-Gewinnspanne: Eine um Sondereffekte bereinigte Kennzahl, die den Gewinn ins Verhältnis zum Umsatz setzt und so die operative Ertragskraft zeigt.
