Steuersparende Long-Short-Strategien treiben Schuldenboom an der Wall Street
Charles Schwab meldet einen Margin-Saldo von rund 188 Milliarden Dollar – eine Verdopplung binnen Jahresfrist, getrieben von steuerbewussten Long-Short-Strategien.

Charles Schwab hat am Donnerstag gemeldet, dass der Saldo der Margin-Kredite in seinem Portfolio im dritten Quartal auf rund 188 Milliarden US-Dollar gestiegen ist. Das entspricht einer Verdopplung gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Ein wesentlicher Treiber dieses Anstiegs sind Long-Short-Strategien mit steuerlicher Ausrichtung, die nach Angaben des Unternehmens versprechen, den Markt zu schlagen, ohne Steuern auf alle Kapitalgewinne zahlen zu müssen.
Laut dem Bericht des Unternehmens entfielen auf Schwabs Margin-Saldo rund 61 Milliarden US-Dollar, die Long-Short-Strategien zuzuordnen waren. In einer Telefonkonferenz mit Analysten erklärte Chief Executive Rick Wurster, die Verbreitung dieser Strategie sei in diesem Jahr „außergewöhnlich schnell“ gewachsen. „Geld bei Steuern zu sparen, ist etwas, das unsere Kunden sehr gerne tun“, sagte Wurster. „Diese Nachfrage wird voraussichtlich anhalten.“
Die Margin-Schulden, also die Kreditaufnahme von Anlegern bei Wertpapierhäusern zum Kauf von Wertpapieren, schwankten damit nahe Rekordhochs. Der Boom beschränkt sich dabei nicht auf einen einzelnen Broker, sondern zeigt sich branchenweit bei mehreren großen US-Häusern.
Die Details
Margin-Kredite sind Darlehen, die Wertpapierhäuser ihren Kunden gewähren, damit diese zusätzliche Wertpapiere erwerben können. Bestehende Wertpapiere im Depot dienen dabei als Sicherheit. Steigt die Summe dieser Kredite, wächst der Hebel im Markt – viele Marktteilnehmer sind dann mit geliehenem Geld investiert. Genau dieses Muster zeigt sich aktuell in den Zahlen mehrerer Institute.
Neben Charles Schwab meldeten in dieser Woche auch Bank of America und Goldman Sachs, dass ihre wertpapierbasierten Darlehen im Zeitraum von zwölf Monaten bis September ein zweistelliges Wachstum verzeichnet haben. Diese Kategorie umfasst neben einigen Margin-Schulden auch andere Kreditarten. Morgan Stanley berichtete, dass sich sein Margin-Buch um mehr als 10 Prozent vergrößerte. Die steuerbewusste Long-Short-Strategie war dabei nach Darstellung der Beteiligten ein entscheidender Faktor hinter der Expansion.
Bemerkenswert ist die Höhe des Anteils, den Charles Schwab explizit den steueroptimierten Strategien zuordnet. Von dem gesamten Margin-Saldo in Höhe von rund 188 Milliarden US-Dollar entfielen rund 61 Milliarden US-Dollar auf Long-Short-Positionen mit steuerlicher Ausrichtung. Das Instrument verbindet zwei Ziele: die Hoffnung auf eine Rendite oberhalb des Marktes und die Vermeidung von Steuern auf einen Teil der Kapitalgewinne. Für die Broker bedeutet die wachsende Nachfrage nach solchen Strategien zugleich wachsende Kreditvolumina – und damit steigende Zinseinnahmen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die aktuelle Entwicklung schließt an eine Reihe früherer Berichte von aktien.news an, die auf eine wachsende Verschuldung an den US-Märkten hingewiesen haben.
Bereits am 16.04.2026 berichtete aktien.news, dass Charles Schwab im ersten Quartal einen Nettogewinn von 2,48 Milliarden Dollar erzielt hatte – ein Plus von 30 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert von 1,91 Milliarden Dollar. Treiber des starken Ergebnisses waren eine außergewöhnlich rege Handelsaktivität der Kunden sowie volatile Finanzmärkte. Bereinigt um Einmaleffekte verdiente Schwab 1,43 Dollar je Aktie und übertraf damit die Analystenerwartungen von 1,40 Dollar. Der Gesamtumsatz legte um 16 Prozent zu, die Handelseinnahmen um 20 Prozent.
Am 29.06.2026 meldete aktien.news, dass die US-Wertpapierverschuldung laut Daten der Finra im Mai im Vergleich zum Vorjahr um 54 Prozent auf ein Rekordniveau von 1,4 Billionen US-Dollar gestiegen war. Zugleich wuchs das verwaltete Vermögen in gehebelten ETFs rasant an.
Am 16.07.2026 berichtete aktien.news, dass die Wertpapierkredite an den US-Börsen in den vergangenen zwölf Monaten um mehr als 40 Prozent gestiegen sind. Damit hatten sie Niveaus erreicht, die zuvor nur bei den großen Markthöchstständen der Jahre 2000, 2007 und 2021 beobachtet wurden. Das ging aus Daten der Leuthold Group hervor. Laut aktuellen Daten der Finra beliefen sich die Wertpapierkredite im Mai – dem jüngsten verfügbaren Monat – auf 1,4 Billionen US-Dollar.
Am 25.07.2026 folgte der Bericht, dass die ausstehenden Wertpapierkredite in den vergangenen 14 Monaten um 77 Prozent auf 1,5 Billionen US-Dollar angestiegen sind. Dieser parabolische Anstieg gilt als eines der klassischen Warnsignale für überhitzte Märkte.
Die jüngsten Schwab-Zahlen vom Donnerstag reihen sich in diese Serie ein: Der Hebel an den US-Märkten wächst weiter, getrieben diesmal maßgeblich von einem steuerlich motivierten Strategieprodukt.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger liefert die Entwicklung vor allem ein Signal über die Risikobereitschaft an den US-Märkten. Wenn Kreditvolumina, die dem Aktienkauf dienen, nahe Rekordhochs liegen und sich bei einem einzelnen Broker binnen eines Jahres verdoppeln, wächst die Zahl der Marktteilnehmer, die gehebelt investiert sind. Bislang wurden vergleichbare Niveaus bei den großen Markthöchstständen der Jahre 2000, 2007 und 2021 beobachtet, wie aktien.news bereits am 16.07.2026 unter Verweis auf Daten der Leuthold Group berichtete.
Zugleich zeigt der Fall Charles Schwab, dass es nicht allein die klassische Margin-Kreditaufnahme ist, die die Volumina treibt. Ein erheblicher Teil des Wachstums entfällt auf ein Produkt, das Anlegern Steuervorteile verspricht. Wer selbst über derartige Strategien nachdenkt, sollte beachten, dass sie mit geliehenem Kapital arbeiten – und damit sowohl Chancen als auch Risiken hebeln. Dies ist keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung.
Ausblick
Rick Wurster, Chief Executive von Charles Schwab, erwartet, dass die Nachfrage nach den steuerbewussten Strategien anhalten wird. „Diese Nachfrage wird voraussichtlich anhalten“, sagte er in der Telefonkonferenz mit Analysten. Konkrete weitere Termine, Prognosezahlen oder Produktpläne nannte das Unternehmen im vorliegenden Bericht nicht. Auch die anderen genannten Häuser machten keine Angaben zu künftigen Erwartungen; ihre Zahlen zum wertpapierbasierten Kreditgeschäft bezogen sich auf den Zeitraum bis September.
Kurz erklärt
- Margin-Kredit: Ein Darlehen eines Wertpapierhauses an einen Anleger zum Kauf von Wertpapieren, besichert durch vorhandene Depotwerte.
- Long-Short-Strategie: Eine Anlagestrategie, die gleichzeitig auf steigende und auf fallende Kurse setzt, um davon unabhängig Erträge zu erzielen.
- Wertpapierkredit: Oberbegriff für Kredite, die durch Wertpapiere besichert sind und neben Margin-Schulden auch andere Kreditarten umfassen können.
