Schaeffler streicht 3.460 Stellen: Vier deutsche Standorte schließen
Der Zulieferer baut weltweit 3.460 Jobs ab, 2.660 davon in Deutschland, und schließt vier Produktionsstandorte.

Der Automobilzulieferer Schaeffler hat am Dienstag ein umfassendes Restrukturierungsprogramm angekündigt. Weltweit sollen 3.460 Arbeitsplätze wegfallen, der weitaus größte Teil davon – 2.660 Stellen – entfällt auf Deutschland. Für die deutsche Kernbelegschaft bedeutet das bis 2028 einen Rückgang um 18 Prozent.
Das Programm sieht die Schließung von fünf europäischen Standorten vor, vier davon in Deutschland: Dortmund, Berlin, Morbach und Schwalbach. Zusätzlich stellt Schaeffler die Werkzeugfertigung in Höchstadt ein und passt die Kapazitäten in Frankreich und der Slowakei an. Mit dem Umbau sollen bis 2030 jährliche Kosteneinsparungen von rund 300 Millionen Euro erzielt werden; die Umsetzung selbst veranschlagt das Unternehmen zunächst mit 480 Millionen Euro.
Das Management begründet den Schritt mit einer "Krise der Automobilindustrie", hohen Arbeitskosten in Deutschland und organisatorischen Ineffizienzen. Ausdrücklich nennt das Unternehmen "zu viele Managementebenen" als Problem. Zusätzlich fordert Schaeffler von den Beschäftigten einen "Solidaritätsbeitrag" in Form eines vorübergehenden Gehaltsverzichts, um noch tieferen Einschnitten vorzubeugen. Diese Maßnahme wird derzeit mit den Gewerkschaften verhandelt.
Die Schließungen treffen vier deutsche Produktionsstandorte
Von den fünf europäischen Standorten, die Schaeffler aufgibt, liegen vier in Deutschland. Betroffen sind Dortmund, Berlin, Morbach und Schwalbach. Hinzu kommt die Aufgabe der Werkzeugfertigung am Standort Höchstadt sowie Kapazitätsanpassungen in Frankreich und der Slowakei. Die vollständige Umsetzung des Programms ist bis 2028 beziehungsweise bis 2030 angelegt.
Die finanziellen Rahmenbedingungen sind angespannt. Im dritten Quartal meldete Schaeffler einen Umsatzrückgang von 0,2 Prozent im Jahresvergleich auf 5,8 Milliarden Euro und einen Rückgang des operativen Gewinns um 7,2 Prozent. Besonders hart traf es die Division "Powertrain & Chassis", die Komponenten für Verbrennungsmotoren fertigt: Dort sank der Gewinn um 15 Prozent.
Bereits im Oktober musste das Unternehmen eine Sonderabschreibung von 240 Millionen Euro auf seine Sparte für elektrische Antriebe vornehmen. Grund dafür waren nicht mehr benötigte Produktionsanlagen. Die Abschreibung unterstreicht, wie stark der Umbau der Branche auf die Bilanz des Zulieferers durchschlägt.
Die Ankündigung stieß bei den Arbeitnehmervertretern auf scharfe Kritik. Uli Schoepplein, Leiter des Betriebsrats, argumentierte, dem Plan fehle die nötige "Kreativität", um die aktuelle Krise zu bewältigen, und kritisierte, dass das Unternehmen keine klare künftige Produktstrategie für seine deutschen Standorte vorlege. Thomas Höhn von der IG Metall betonte, die Belegschaft könne nicht erwartet werden, Kostensenkungen zu finanzieren, ohne eine langfristige Perspektive für Beschäftigungssicherheit und Investitionen in Deutschland.
Kritiker verweisen zudem auf frühere Managementprognosen. So hatte CEO Klaus Rosenfeld sich zuvor optimistisch zum Übergang zur Elektromobilität und zur Integration der Vitesco-Übernahme geäußert, die die Belegschaft zunächst auf 115.000 Beschäftigte anwachsen ließ. Die aktuelle Kehrtwende wird von manchen als Eingeständnis gedeutet, dass diese früheren strategischen Wetten nicht die erhofften Erträge brachten.
Analysten sehen die Kürzungen als Symptom einer systemischen Krise
Beobachter ordnen die Einschnitte als Ausdruck einer breiteren, strukturellen Schwäche der deutschen Automobilindustrie ein. Die Branche kämpft mit einem langsamen Übergang zur Elektromobilität, schwacher Nachfrage in Europa und intensivem Wettbewerb durch chinesische Hersteller. Da Elektrofahrzeuge weniger Komponenten benötigen als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor, schrumpft der traditionelle Markt für Zulieferer wie Schaeffler strukturell. Chinesische Wettbewerber, die mit aggressiver Preisgestaltung nach Europa exportieren, setzen die Margen der etablierten deutschen Unternehmen zusätzlich unter Druck.
Bereits am 03.03.2026 berichtete aktien.news über einen Kurseinbruch der Schaeffler-Aktie
Die aktuelle Ankündigung fällt nicht aus heiterem Himmel. Bereits am 03.03.2026 berichtete aktien.news, dass die Schaeffler-Aktie nach einer schwachen Prognose im europäischen Handel um 18 Prozent einbrach und damit sämtliche Jahresgewinne auslöschte. Auslöser war eine enttäuschende Jahresprognose: Schaeffler erwartete für 2026 einen Umsatz zwischen rund 22,5 und 24,5 Milliarden Euro – ein Mittelwert, der deutlich unter den Analystenschätzungen von 23,97 Milliarden Euro lag.
Am 13.10.2026 meldete aktien.news, dass Schaeffler sein Ergebnis mit Sonderabschreibungen und Rückstellungen von insgesamt 240 Millionen Euro belastete, wovon allein 220 Millionen Euro auf das Sommerquartal entfielen. Hintergrund waren anhaltende Volumenreduzierungen bei Projekten europäischer Automobilhersteller, vor allem in China. Betroffen waren nach Angaben des Konzerns vor allem nicht mehr benötigte Produktionsanlagen.
Auch die Stimmung in der Belegschaft war bereits angespannt. Am 23.09.2026 berichtete aktien.news, dass Tausende Beschäftigte der deutschen Automobilindustrie auf Aufruf der IG Metall gegen massive Stellenkürzungen und die staatliche Industriepolitik protestierten. An den Demonstrationen beteiligten sich Arbeitnehmer von Unternehmen wie Volkswagen, Mercedes-Benz, BMW und Bosch. Der Druck auf die Branche war also schon vor der Schaeffler-Ankündigung groß.
Der Stellenabbau bei Schaeffler reiht sich zudem in eine Serie von Kürzungen bei Zulieferern ein. Am 28.01.2026 berichtete aktien.news, dass der Automobilzulieferer Aumovio bis Ende 2026 weltweit 4.000 weitere Arbeitsplätze in der Forschung und Entwicklung streicht – zusätzlich zu den bereits im Februar 2025 angekündigten 3.000 Stellen. Aumovio-Chef Philipp von Hirschheydt erklärte gegenüber der WirtschaftsWoche, das Marktumfeld habe sich "besonders in Europa weiter verschärft".
Für Anleger steht die Frage nach der Tragfähigkeit des Umbaus im Zentrum
Für deutsche Privatanleger ist die Nachricht vor allem ein Signal für die anhaltende Unsicherheit im Automobilsektor. Die Schaeffler-Aktie hat im vergangenen Jahr rund 30 Prozent an Wert verloren. Das Unternehmen versucht, mit dem Sparprogramm seine Kostenbasis zu senken und finanziellen Spielraum zurückzugewinnen. Ob die geplanten Einsparungen von rund 300 Millionen Euro bis 2030 ausreichen, um die Ertragsschwäche nachhaltig zu beheben, lässt sich anhand der vorliegenden Zahlen nicht abschließend beurteilen. Anleger sollten die weitere Entwicklung der Divisionen, die Verhandlungen über den Solidaritätsbeitrag und den Fortgang des Umbaus aufmerksam verfolgen.
Ein besonderes Augenmerk liegt auf der angekündigten Reduzierung der Forschungs- und Entwicklungsbelegschaft um 30 Prozent. Während das Unternehmen neue Märkte in Verteidigung und Raumfahrt erschließen will, bewerten einige Analysten – wie von CNBC zitiert – einen so deutlichen Rückgang der Innovationskapazität als riskant. Für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit könnte die Balance zwischen Kostensenkung und Zukunftsinvestition entscheidend sein.
Schaeffler will sich mit Verteidigung und Raumfahrt breiter aufstellen
Um die Abhängigkeit vom Automobilgeschäft zu verringern, treibt Schaeffler den Ausbau neuer Geschäftsfelder voran. Das Unternehmen gründete bereits im vergangenen Jahr eine Tochtergesellschaft namens "Defence & New Space" und besetzte im Juni einen eigenen CEO für diese Division. Damit will der Konzern vom steigenden europäischen Militärbudget profitieren.
Zur Steigerung der Effizienz setzt das Unternehmen auf Robotik, Automatisierung und Künstliche Intelligenz. CEO Klaus Rosenfeld vertritt die Auffassung, Europa könne seine industrielle Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen – allerdings nur, wenn es "Verteidigung und Angriff gleichzeitig" spiele. Die Umsetzung des Restrukturierungsprogramms ist bis 2028 angelegt, die angestrebten Kosteneinsparungen bis 2030. Ob weitere Einschnitte nötig werden, hängt vom weiteren Verlauf der europäischen Automobilkonjunktur ab.
Diese drei Fachbegriffe helfen beim Verständnis der Nachricht
- Restrukturierung: Umbau eines Unternehmens, um Kosten zu senken und die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.
- Sonderabschreibung: Wertberichtigung auf Vermögenswerte, die an Wert verloren haben oder nicht mehr benötigt werden.
- Solidaritätsbeitrag: verhandelter Verzicht der Belegschaft auf einen Teil des Gehalts zur Kostensenkung.
