Rio Tinto startet Kohlenstoffabscheidung im Stahlwerk Shougang in China
Der Minenkonzern nimmt eine Versuchsanlage zur CO2-Abscheidung aus Gichtgas bei Shougang in China in Betrieb.

Rio Tinto hat am Montag eine Versuchsanlage in Betrieb genommen, die Kohlendioxid aus Gichtgas bei den Anlagen des chinesischen Stahlherstellers Shougang Group abscheidet. Das teilte der australische Bergbaukonzern mit. Die Anlage ist darauf ausgelegt, das in dem bei der Eisenerzeugung entstehenden Gichtgas enthaltene Kohlendioxid zu erfassen.
Die Anlage befindet sich auf dem Jingtang-Standort von Shougang in China. Sie kann bis zu 3 000 Kubikmeter Gichtgas pro Stunde verarbeiten und jährlich bis zu 10 000 Tonnen Kohlendioxid einfangen. Damit ist sie ein vergleichsweise kleiner, aber technisch anspruchsvoller Baustein in der Dekarbonisierung der Stahlproduktion.
Die Inbetriebnahme ist Teil eines im Jahr 2022 zwischen Rio Tinto und Shougang unterzeichneten Memorandum of Understanding (MoU). Dieses Abkommen hat die Erforschung und Entwicklung von Technologien zum Ziel, die dazu beitragen könnten, die CO2-Emissionen entlang der gesamten Stahlwertschöpfungskette zu reduzieren.
Die Details
Im Zentrum des Projekts steht die Abscheidung von Kohlendioxid aus Gichtgas. Gichtgas entsteht bei der Eisenerzeugung im Hochofen und enthält neben anderen Bestandteilen auch CO2. Die neue Versuchsanlage am Standort Jingtang soll genau dieses Kohlendioxid erfassen, bevor es in die Atmosphäre gelangt.
Die technischen Eckdaten sind klar umrissen: Bis zu 3 000 Kubikmeter Gichtgas pro Stunde kann die Anlage verarbeiten. Über ein Jahr gerechnet liegt die mögliche Abscheideleistung bei bis zu 10 000 Tonnen Kohlendioxid. Diese Kapazität macht deutlich, dass es sich um eine Pilotanlage handelt, nicht um eine großindustrielle Lösung.
Beteiligt sind zwei Partner: auf der einen Seite Rio Tinto als weltweit tätiger Rohstoffkonzern, auf der anderen Seite die Shougang Group als chinesischer Stahlhersteller. Beide hatten bereits 2022 ein Memorandum of Understanding unterzeichnet, das die gemeinsame Erforschung und Entwicklung von Technologien zur Reduzierung der CO2-Emissionen in der Stahlwertschöpfungskette vorsieht. Die nun gestartete Anlage ist ein konkretes Ergebnis dieser Zusammenarbeit.
Der Markt reagierte zunächst verhalten. Die Aktien von Rio Tinto lagen zum Zeitpunkt von 01:02 Uhr GMT mit einem Minus von 0,5 Prozent bei A$164,2, während der breite Leitindex im Plus lag (0,3 Prozent). Der Kurs bewegte sich damit gegen den Markttrend.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die jüngste Ankündigung reiht sich in eine Serie von Schritten ein, mit denen Rio Tinto sein Geschäft klimafreundlicher aufstellen will. Bereits am 30.05.2026 berichtete aktien.news, dass Rio Tinto mit der Inbetriebnahme einer 1,5 Milliarden US-Dollar teuren Erweiterung seiner kohlenstoffarmen Aluminiumhütte im kanadischen Quebec begonnen hat. Im Mittelpunkt stand das Complexe Arvida, wo insgesamt 96 neue Elektrolysezellen in Betrieb gehen sollen. Durch die Kapazitätserweiterung sollte die jährliche Produktion von Primäraluminium um rund 160.000 Tonnen steigen.
Am 24.06.2026 meldete aktien.news, dass Rio Tinto erwartet, sein Lithiumgeschäft werde künftig schneller wachsen als alle anderen Konzernsparten – einschließlich Kupfer und Eisenerz. Ziel sei es, die Produktion für die Märkte für Elektrofahrzeuge und Batteriespeicher bis 2028 zu verdreifachen. Das weltweit zweitgrößte Bergbauunternehmen war erst im vergangenen Jahr in den Lithiumsektor eingestiegen, als es den US-Konzern Arcadium übernahm.
Am 22.07.2026 berichtete aktien.news über eine fünfjährige Vereinbarung von Rio Tinto mit dem australischen Bioenergie-Unternehmen SuperChar. Ziel der Partnerschaft ist die Lieferung von Biopellets an die Aluminiumoxid-Raffinerien des Bergbaukonzerns in Gladstone, Australien. Die erste Lieferung lokal produzierter Biopellets ist für das Jahr 2028 geplant. Rio Tinto will die Biopellets als Ergänzung zur derzeit in den Kesseln eingesetzten Kohle nutzen – konkret in den Raffinerien Yarwun und Queensland Alumina in Gladstone.
Bereits am 26.04.2026 hatte aktien.news in einer Analyse festgehalten, dass Rio Tinto zu den weltweit größten Rohstoffproduzenten gehört und nach Marktwert der zweitgrößte Bergbaukonzern an der australischen Börse ASX ist. Das Unternehmen profitiere von einem breiten Portfolio langlebiger Vermögenswerte mit niedrigen Betriebskosten. Das Herzstück des Geschäftsmodells ist demnach das Eisenerzgeschäft, das laut Morningstar-Analyst Jon Mills rund drei Viertel des Gewinns beisteuert.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Nachricht vor allem als strategisches Signal zu lesen. Rio Tinto investiert erkennbar in Technologien, die die Emissionen seiner eigenen Wertschöpfungskette und der seiner Kunden senken sollen. Die Stahlproduktion gilt als besonders CO2-intensiv, weshalb Kooperationen mit Stahlherstellern wie Shougang für einen Eisenerzproduzenten naheliegen.
Gleichzeitig fällt die aktuelle Anlage mit bis zu 10 000 Tonnen jährlich sehr klein aus. Sie dürfte den Konzerngewinn kurzfristig kaum bewegen. Der Wert liegt eher in der Erprobung von Technologie und in der Positionierung gegenüber Kunden und Regulierungsbehörden. Anleger sollten die Pilotanlage daher nicht mit einer fertigen, skalierbaren Lösung verwechseln.
Bemerkenswert ist der Kursverlauf am Tag der Ankündigung: Während der breite Leitindex zulegte, notierte die Rio-Tinto-Aktie leicht im Minus. Solche kurzfristigen Bewegungen sind bei einzelnen Unternehmensmeldungen dieser Größenordnung jedoch nicht ungewöhnlich und sagen wenig über die langfristige Entwicklung aus.
Ausblick
Konkrete Termine für eine mögliche Kommerzialisierung der Abscheidungstechnologie nennt der Quelltext nicht. Fest steht, dass die Anlage Teil des 2022 unterzeichneten Memorandum of Understanding zwischen Rio Tinto und Shougang ist, das auf die Erforschung und Entwicklung entsprechender Technologien entlang der gesamten Stahlwertschöpfungskette abzielt. Wie sich daraus weitere Projekte entwickeln, bleibt abzuwarten.
Im größeren Kontext verfolgt Rio Tinto mehrere Dekarbonisierungsstränge parallel: die kohlenstoffarme Aluminiumproduktion in Quebec, den Einsatz von Biopellets in australischen Aluminiumoxid-Raffinerien sowie den Ausbau des Lithiumgeschäfts. Die CO2-Abscheidung im chinesischen Stahlwerk ist ein weiterer Baustein in diesem Portfolio.
Kurz erklärt
- Gichtgas: Ein bei der Eisenerzeugung im Hochofen entstehendes Gasgemisch, das unter anderem Kohlendioxid enthält.
- CO2-Abscheidung: Verfahren, bei dem Kohlendioxid aus Abgasen herausgefiltert wird, bevor es in die Atmosphäre gelangt.
- Memorandum of Understanding: Eine unverbindliche Absichtserklärung zwischen zwei Partnern, gemeinsam bestimmte Ziele zu verfolgen.
- Stahlwertschöpfungskette: Die Gesamtheit der Produktionsschritte von der Rohstoffgewinnung bis zum fertigen Stahl.
