Prognosemärkte und Aktienmärkte: Was Anleger lernen können
Ein Experte von Morgan Stanley erklärt, warum Prognosemärkte präziser sind als Aktienmärkte – und was Investoren daraus ableiten sollten.

Warum sind Preise manchmal vernünftig und manchmal völlig irrational? Diese Frage beschäftigt Finanztheoretiker seit Jahrzehnten. Michael Mauboussin, Leiter der Abteilung Consilient Research bei Counterpoint Global, Morgan Stanley Investment Management, liefert nun einen aufschlussreichen Vergleich zwischen Prognose- und Aktienmärkten – und zieht daraus praktische Schlüsse für Anleger.
Mauboussin greift dabei auf ein historisches Fundament zurück. Bereits 1932 zitierte der Finanzier Bernard Baruch den deutschen Dramatiker Friedrich Schiller: „Jeder, als Einzelner betrachtet, ist leidlich klug und verständig – als Glied einer Masse wird er sogleich zum Dummkopf." Rund 70 Jahre später formulierte Journalist James Surowiecki in seinem Buch „The Wisdom of Crowds" einen einheitlichen Rahmen, um sowohl kollektive Klugheit als auch kollektiven Wahnsinn zu erklären.
Die drei Bedingungen für kollektive Intelligenz
Surowieckis Theorie zufolge funktioniert die „Weisheit der Vielen" nur dann zuverlässig, wenn drei Bedingungen erfüllt sind: kognitive Vielfalt, Aggregation und Anreize. Kognitive Vielfalt bedeutet, dass Menschen mit unterschiedlichen Standpunkten am Prozess teilnehmen. Aggregation bietet einen Mechanismus, um Informationen in einem Preis zu bündeln. Anreize spiegeln Belohnungen für richtige Einschätzungen und Strafen für falsche wider.
Mauboussin wendet diesen Rahmen konkret auf Prognosemärkte an. In diesen Märkten kaufen oder verkaufen Teilnehmer Kontrakte, die auf Basis eines binären Ergebnisses ausgezahlt werden. Ein klassisches Beispiel ist eine Wahlwette: Ein Kontrakt zahlt 1 Dollar aus, wenn ein Kandidat gewinnt, und 0 Dollar bei einer Niederlage. Ein Preis von 70 Cent impliziert demnach eine Gewinnwahrscheinlichkeit von rund 70 Prozent.
Prognosemärkte gelten als sehr gut kalibriert – gemessen am Verhältnis zwischen der implizierten Wahrscheinlichkeit und dem tatsächlichen Ergebnis. Eine bekannte Verzerrung ist dabei der sogenannte „Favourite-Longshot-Bias": Die Gewinnrate bei Wetten mit hoher Wahrscheinlichkeit wird leicht unterschätzt, bei Wetten mit geringer Wahrscheinlichkeit leicht überschätzt. Insgesamt aber liefern Kontraktpreise eine verlässliche Informationsquelle über die Wahrscheinlichkeit künftiger Ereignisse.
Aktienmärkte funktionieren anders
Aktienmärkte bieten kein so klares Signal wie Prognosemärkte. Der Grund liegt in der Struktur: Prognosemärkte sagen ein definitives Ergebnis voraus, das oft in relativ kurzer Zeit feststeht. Aktien hingegen haben in der Regel keinen vergleichbaren Abrechnungszeitpunkt – was die Entstehung und das Fortbestehen von Narrativen und Herdentrieb begünstigt. Aus demselben Grund ist Preismanipulation in einem Prognosemarkt schwer aufrechtzuerhalten. Ökonomen, die das Phänomen untersuchten, kamen zu dem Schluss, dass spekulative Angriffe die Preise zwar anfangs bewegen, diese Veränderungen aber schnell wieder rückgängig gemacht werden.
Ein weiterer struktureller Unterschied: Prognosemärkte sind ein Nullsummenspiel – die aggregierten Gewinne und Verluste sind gleich hoch, bevor Teilnahmekosten berücksichtigt werden. Zudem erzielt ein kleiner Prozentsatz der Teilnehmer den Löwenanteil der Gewinne. Der Aktienmarkt hingegen ist ein „Positivsummenspiel": Aktien repräsentieren Teilhaberschaften an Unternehmen, die durch Gewinnwachstum Wohlstand schaffen. Den Markt zu unterperformen bedeutet also nicht zwangsläufig, Geld zu verlieren.
Chancen und Risiken für Anleger
Trotz ihres schnellen Wachstums sind Prognosemärkte in vielen Teilen der Welt nach wie vor illegal. In den USA gibt es weiterhin juristische Auseinandersetzungen über die regulatorische Aufsicht von Kontrakten mit Sportbezug. Kritiker weisen zudem darauf hin, dass ein hoher Prozentsatz der Teilnehmer Geld verliert, und es gab Vorfälle von Insiderhandel.
Dennoch bieten Prognosemärkte wichtige Vorteile. Ihr Informationswert könnte weiter steigen, wenn KI-Agenten – die mittlerweile ebenso präzise prognostizieren wie die besten menschlichen Experten – einbezogen werden. Darüber hinaus ermöglichen diese Märkte das Absichern von Risiken. Ein anschauliches Beispiel: Der Besitzer einer Bar in New York City bot kostenlose Zeche bis zu 100 Dollar an, falls die Knicks das erste Spiel der NBA-Finals 2026 gewinnen würden. Er wettete 5.000 Dollar auf die Knicks – die Auszahlung deckte die Barrechnungen.
Für Aktienanleger lautet die zentrale Lehre aus Maubossin Analyse: Es gilt, nach Gelegenheiten zu suchen, die sich aus dem Zusammenbruch kognitiver Vielfalt ergeben. Wenn unabhängige Meinungen der Nachahmung weichen, können Preise in bullishe oder bearishe Extreme verfallen. Die Weisheit der Vielen weicht dann dem Wahnsinn – und genau dort entstehen Chancen für disziplinierte Investoren.
