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Possum-Pelz: Wie ein Schädling zur Modeindustrie wurde

In Australien geschützt, in Neuseeland ausgerottet – das Possum steht im Zentrum einer globalen Debatte über ethischen Pelz.

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Possum-Pelz: Wie ein Schädling zur Modeindustrie wurde

Das Possum führt ein gespaltenes Dasein: In Australien gilt das nachtaktive Beuteltier als geschützte Art, die in Städten geduldet und mit Respekt behandelt wird. Auf der anderen Seite der Tasmansee, in Neuseeland, wird dasselbe Tier als gefährlicher Schädling eingestuft – und systematisch ausgerottet. Diese gegensätzliche Behandlung hat weitreichende wirtschaftliche und ökologische Konsequenzen.

In australischen Städten haben sich Fuchskusu-Possums in den Dächern tausender Häuser und Schuppen eingenistet. Trotz ihrer unappetitlichen Angewohnheiten – darunter banshee-artiges Kreischen und lärmende Auseinandersetzungen auf Dächern – genießen sie gesetzlichen Schutz. Wer ein Possum loswerden möchte, muss einen Spezialisten beauftragen, der das Tier entnimmt und in der freien Natur wieder aussetzt.

Neuseeland: Vom Einwanderer zum Staatsfeind

In Neuseeland sieht die Lage grundlegend anders aus. Das Land besitzt keine einheimischen Säugetiere – nur Vögel und Echsen prägten die Fauna, bevor europäische Siedler im 19. Jahrhundert Possums als Nahrungsquelle sowie für Leder und Pelz einführten. Ohne natürliche Feinde explodierten die Bestände unkontrolliert. Heute leben schätzungsweise 30 Millionen Possums im Land, zerstören Bäume und fressen die lokale Fauna – darunter auch die Eier des bedrohten Kiwis.

Jäger vergiften und fangen jährlich bis zu zwei Millionen Possums. Aus dieser Notwendigkeit ist ein florierendes Kleingewerbe entstanden: „Possum-Merino" – eine Mischung aus Possumfell und Merinowolle – gehört heute zu den beliebtesten lokalen Produkten in Duty-Free-Shops an neuseeländischen Flughäfen und in gehobenen Outdoor-Geschäften in Auckland und Queenstown. Die New Zealand Fur Association schätzt, dass Possum-Bekleidung einen Jahresumsatz von 150 Millionen Neuseeland-Dollar generiert und 1.500 Arbeitsplätze sichert.

Das Material überzeugt durch besondere physikalische Eigenschaften: Das Haar des Possums ist hohl – eine Eigenschaft, die es mit dem Eisbären teilt. Es ist weich, leicht, gefriert nie und ist wasserabweisend. „Ein wunderbares Material", sagt Ross Goodin, Geschäftsführer von Lothlorian Knitwear in Pukekohe, einem der größten Hersteller von Possum-Merino. Befürworter betonen zudem, dass das Fell ethisch vertretbar sei, da die Tiere nicht in Gefangenschaft gezüchtet werden.

Ein Geschäftsmodell mit Ablaufdatum

Die aufstrebende Possum-Branche Neuseelands hat jedoch einen entscheidenden Schwachpunkt: Der Rohstoff könnte ausgehen. Sollte der neuseeländische Ausrottungsplan „Predator Free 2050" tatsächlich Wirkung zeigen, würde der Nachschub an Possumfell versiegen. Die Frage, ob Australien diese Lücke füllen könnte, liegt nahe – doch die Geschichte mahnt zur Vorsicht.

Australien hat bereits einmal mit der kommerziellen Nutzung beliebter einheimischer Tiere experimentiert – mit verheerenden Folgen. Zwischen 1920 und 1921 wurden mehr als 205.000 Koalas wegen ihres Fells getötet und international unter dem Namen „Wombat" verkauft. Die Praxis war so unpopulär und die Auswirkungen so dramatisch, dass Australien sie bis 1930 vollständig verbot. Die Koala-Population hat sich bis heute nicht erholt.

Tasmanien verfügt bereits über eine kleine Possum-Industrie, da die Tiere auf der Insel in großer Zahl vorkommen. Auch der Australian Wild Game Industry Council verweist darauf, dass jährlich etwa 1,5 Millionen Makropoden – darunter Kängurus, Bergkängurus und Wallabys – kommerziell verwertet werden, wobei der Großteil des Fleisches in Hundefutter landet. Ein ähnliches Schicksal ereilt viele neuseeländische Possums.

Mehr als nur Pelz

Auf dem australischen Festland plädieren Wissenschaftler derweil für einen anderen Blickwinkel. Bethany Kiss von der University of Melbourne argumentiert, dass die Anwesenheit der Beuteltiere als wichtige Erinnerung an biologische Vielfalt für eine neue Generation von Stadtkindern gefeiert werden sollte. „Häuser mit Possums fühlen sich weniger einsam an", sagt sie.

Die Geschichte des Possums zeigt exemplarisch, wie ein und dasselbe Tier je nach geografischem und kulturellem Kontext völlig unterschiedlich bewertet werden kann – als schützenswertes Wildtier, als Schädling oder als Rohstoffquelle. Die Debatte um ethischen Pelz, Artenschutz und wirtschaftliche Interessen ist damit längst nicht abgeschlossen.

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