Ölmarkt bleibt gelassen trotz Trumps Drohungen
Strafzölle gegen Indien sollen russische Exporte unter Druck setzen

Der Ölmarkt reagiert bislang gelassen auf die Drohungen der USA gegenüber Indien wegen dessen anhaltender Importe von russischem Rohöl. US-Präsident Donald Trump hatte am 6. August einen zusätzlichen Zoll von 25 Prozent auf Importe aus Indien angekündigt, der am 28. August in Kraft treten soll. Damit könnten die Zollsätze für einige indische Waren auf bis zu 50 Prozent steigen – ein Niveau, das US-Importe aus Indien faktisch beenden könnte. 2024 belief sich das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern auf knapp 87 Milliarden Dollar. Beobachter sehen in der Maßnahme auch einen Versuch Trumps, vor einem geplanten Treffen mit Russlands Präsident Wladimir Putin in Alaska politischen Druck aufzubauen.
Ob Trump die Strafzölle tatsächlich umsetzt, bleibt unklar. Für Indien wäre ein Verzicht auf den Import von russischem Rohöl der sicherste Weg, den Zöllen zu entgehen. Bisher spiegelt sich ein solches Szenario jedoch nicht in den Rohölpreisen wider. Der globale Referenzpreis für Brent-Öl fiel seit der Zollankündigung auf bis zu 65,81 US-Dollar pro Barrel und damit auf den niedrigsten Stand seit zwei Monaten. Der Markt geht offenbar davon aus, dass Indien seine Käufe in unverändertem Umfang fortsetzt oder problemlos Ersatz findet, ohne das weltweite Angebot zu verknappen.
Die Erfahrung zeigt, dass sich der Ölmarkt schnell an neue geopolitische Gegebenheiten anpasst. Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 waren die Preise zunächst auf fast 150 Dollar gestiegen, fielen aber binnen vier Monaten wieder unter das Vorkriegsniveau, da Russland sein Öl zu rabattierten Preisen vor allem nach China und Indien umleitete. Die globalen Liefermengen blieben im Wesentlichen stabil, lediglich die Routen änderten sich.
Trumps aktuelle Strategie unterscheidet sich insofern, als er offenbar russisches Öl gezielt vom Markt drängen will, um Moskau finanziell unter Druck zu setzen. Indien und China sind die beiden Hauptabnehmer russischer Rohöl-Exporte. Während China aufgrund seiner wirtschaftlichen Bedeutung für den Westen weniger anfällig für Druck ist, könnte Indien – insbesondere private Raffinerien wie Reliance Industries – stärker unter Handlungszwang stehen. Indien importierte im ersten Halbjahr rund 1,8 Millionen Barrel pro Tag aus Russland, vor allem der Sorte Urals, die sich nicht ohne Weiteres durch andere Qualitäten ersetzen lässt.
Alternativen wie saudisches Arab Light oder irakisches Basrah Light wären zwar verfügbar, könnten aber zu höheren Preisen führen, sollte Indien größere Mengen nachfragen. Auch ein verstärkter Ankauf durch chinesische Raffinerien würde den Markt umstrukturieren, entspräche jedoch nicht Trumps Ziel. Ob die USA und andere Produzenten die mögliche Angebotslücke von bis zu zwei Millionen Barrel pro Tag schließen könnten, ist unsicher. Vor allem mittlere Rohölsorten würden knapp, und die Verarbeitung leichter US-Qualitäten könnte die Produktpalette der indischen Raffinerien verändern. Der Markt setzt dennoch darauf, dass Trump von seiner harten Linie abrückt – ein Szenario, das in der Vergangenheit nicht selten eingetreten ist.
