Nordic Compass prüft Expansion bei kritischen Rohstoffen und Verarbeitung
Das nordische Unternehmensbündnis Nordic Compass erwägt einen fünften Arbeitsbereich für kritische Rohstoffe und will im November liefern.

Nordic Compass, ein wettbewerbsorientiertes Unternehmensbündnis aus dem Norden Europas, prüft eine Erweiterung in den Bereich der kritischen Rohstoffe. Ziel ist es, die regionale Kapazität zur Verarbeitung von Mineralien aufzubauen, die die europäische Industrie benötigt. Das Netzwerk umfasst nach eigenen Angaben einige der größten Unternehmen und Investoren der Region und arbeitet bereits an konkreten Maßnahmen in vier Feldern: Kapitalmärkte, Deep-Tech-Unternehmen, Verteidigung und Energie. Nun wird geprüft, ob ein fünfter Arbeitsbereich hinzugefügt werden soll.
Der Vorsitzende Jyrki Katainen, ein ehemaliger finnischer Premierminister, bestätigte das Interesse gegenüber dem Nachrichtendienst Bloomberg. „Es gibt großes Interesse an kritischen Rohstoffen“, sagte Katainen. „Dies ist ein europäisches Thema, und wir haben den Vorteil, dass wir in den nordischen Ländern viele Minen sowie zahlreiche Bergbau- und Technologieunternehmen haben.“
Die Äußerungen fallen in eine Phase, in der Europa seine Abhängigkeit von importierten kritischen Materialien reduziert. Betroffen sind Branchen von der Verteidigung und sauberer Energie bis hin zu Elektrofahrzeugen und fortschrittlicher Technologie. Für die nordische Region geht es dabei um nicht weniger als die Frage, ob sie von einem Lieferanten von Rohstoffen zu einem Akteur mit industrieller Wertschöpfung werden kann.
Die Details
Die Europäische Union hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 mindestens 40 Prozent ihres jährlichen Verbrauchs an strategischen Rohstoffen im eigenen Inland zu produzieren. Zugleich soll die Abhängigkeit von einzelnen Drittländern in jeder relevanten Phase der Lieferkette auf 65 Prozent begrenzt werden. Beide Vorgaben setzen die Mitgliedstaaten unter erheblichen Druck, Produktion und Verarbeitung auszuweiten.
In der Verarbeitung dominiert bislang China. Das Land gilt als führender Raffineriebetreiber für 19 der 20 strategischen Mineralien, die der Internationale Energieagentur (IEA) verfolgt, mit einem durchschnittlichen Marktanteil von etwa 70 Prozent. Für Europa bedeutet das eine strukturelle Abhängigkeit genau an der Stelle, an der aus gefördertem Gestein industriell nutzbare Materialien werden.
Für die nordische Region ergibt sich daraus eine zwiespältige Ausgangslage. Sie hält den Großteil der bekannten europäischen Lagerstätten, verfügt aber nicht über einen Großteil der Verarbeitungskapazitäten, die nötig wären, um diese Ressourcen in industrielle Materialien umzuwandeln. Genau hier setzt Katainen zufolge der Vorstoß an: Es gehe „nicht primär um den Bergbau an sich, sondern um die Verarbeitung der Mineralien, die wir aus unserem Boden fördern“, sagte er.
Als Inspiration für das Vorgehen nennt das Bündnis den wegweisenden Bericht von Mario Draghi zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit. Die umfassendere Vision will Nordic Compass auf einem Gipfeltreffen in Göteborg im November vorstellen. Sämtliche Vorschläge befinden sich allerdings noch in der Entwicklung und können sich ändern.
Zu den Ideen, die derzeit untersucht werden, gehört ein nordischer Scale-up-Fonds. Er soll schnell wachsenden Unternehmen den Zugang zu größeren regionalen Kapitalpools erleichtern. Ergänzend steht eine engere Integration der Aktienmärkte der Region zur Debatte, einschließlich eines potenziellen einheitlichen nordischen Börsenplatzes. Damit würde das Bündnis die Kapitalmarktseite mit der Rohstoffagenda verzahnen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 08.08.2026 berichtete aktien.news, dass skandinavische Vorkommen Seltener Erden strategisch an Bedeutung gewinnen, während Europa seine Abhängigkeit von ausländischen Quellen für kritische Mineralien gezielt reduzieren will. Die nordeuropäische Region beherbergt demnach einige der bedeutendsten bekannten Konzentrationen von Seltenerdelementen des gesamten Kontinents. Eine Kombination aus politischem Willen, verschärfter Lieferkettenpolitik und fortschreitender Projektentwicklung rückt diese Ressourcen stärker in den Fokus der europäischen Industriestrategie. Seltene Erden sind eine Gruppe von 17 chemischen Elementen, die für zahlreiche Hochtechnologieanwendungen unverzichtbar sind.
Am 05.02.2026 meldete aktien.news, dass die USA die Gründung eines internationalen Handelsbündnisses für kritische Rohstoffe planen, um die Marktdominanz Chinas bei strategisch wichtigen Mineralien zu brechen. US-Vizepräsident J.D. Vance kündigte bei einem Treffen mit ausländischen Ministern in Washington die Einführung von Referenzpreisen für kritische Mineralien in allen Produktionsstufen an. „Wir wollen das Problem beseitigen, dass Menschen unsere Märkte mit billigen kritischen Mineralien überschwemmen, um unsere heimischen Hersteller zu unterbieten“, erklärte Vance, ohne China explizit zu nennen. Für Mitglieder der geplanten Präferenzzone sollten diese Referenzpreise als Schutzschild gegen Preisdumping dienen.
Ebenfalls am 05.02.2026 berichtete aktien.news über Pläne für Mindestpreise bei Importen. US-Handelsbeauftragter Jamieson Greer kündigte an, diese gemeinsam mit Mexiko, der Europäischen Union und Japan entwickeln zu wollen. Die Initiative zielt darauf ab, die Abhängigkeit von China zu verringern und Lieferketten widerstandsfähiger zu machen. Im Rahmen der turnusmäßigen Überprüfung des Handelsabkommens USMCA bis zum 1. Juli arbeiten die USA und Mexiko an einem „Aktionsplan“, der innerhalb von 60 Tagen umgesetzt werden soll.
Am 24.04.2026 folgte die Meldung, dass die Europäische Union und die Vereinigten Staaten kurz vor einer wegweisenden Einigung im Bereich kritischer Rohstoffe stehen. Ziel des geplanten Abkommens ist es, die Produktion zu koordinieren und die Versorgungssicherheit zu stärken – und damit die Abhängigkeit von chinesischen Lieferungen deutlich zu verringern. Dies ging aus dem Entwurf eines „Aktionsplans“ hervor, der Bloomberg vorlag. Der Entwurf sah konkrete Anreizmechanismen vor, die nicht-chinesische Anbieter bevorzugen sollen, darunter Mindestpreise, mit denen alternative Lieferketten wirtschaftlich attraktiver gemacht werden könnten.
Was das für Anleger bedeutet
Der Vorstoß von Nordic Compass reiht sich in eine Serie europäischer und transatlantischer Initiativen ein, die auf eine Neuordnung der Lieferketten für kritische Rohstoffe abzielen. Für Anleger relevant ist weniger der Bergbau selbst als die Verarbeitungsstufe: Hier klafft nach Darstellung des Bündnisses die größte Lücke zwischen nordischen Lagerstätten und industrieller Nutzung. Unternehmen aus dem Umfeld von Bergbau, Anlagentechnik und Raffinerietechnologie könnten von staatlich geförderten Kapazitätsaufbauten profitieren – sofern die politischen Vorgaben tatsächlich umgesetzt werden.
Ein zweiter Hebel liegt auf der Kapitalmarktseite. Ein nordischer Scale-up-Fonds und eine engere Verzahnung der regionalen Handelsplätze bis hin zu einem einheitlichen Börsenplatz würden den Zugang zu Wachstumskapital verändern. Für deutsche Privatanleger, die über nordische Aktien oder Fonds engagiert sind, kann das mittelfristig Liquidität und Bewertungsbasis beeinflussen. Zu beachten ist jedoch, dass alle genannten Vorschläge noch in der Entwicklung sind und sich ändern können; konkrete Investitionsentscheidungen lassen sich daraus derzeit nicht ableiten.
Ausblick
Der nächste feste Termin ist das Gipfeltreffen in Göteborg im November, auf dem Nordic Compass seine umfassendere Vision präsentieren will. Ob der fünfte Arbeitsbereich für kritische Rohstoffe dann offiziell eingerichtet wird, ist offen. Auf europäischer Ebene bleibt das Ziel bestehen, bis 2030 mindestens 40 Prozent des jährlichen Verbrauchs strategischer Rohstoffe im Inland zu produzieren und die Abhängigkeit von einzelnen Drittländern entlang der Lieferkette auf 65 Prozent zu begrenzen. Aus den früheren Berichten von aktien.news bleiben zudem die USMCA-Überprüfung bis zum 1. Juli und der daran geknüpfte Aktionsplan innerhalb von 60 Tagen als Bezugspunkte der US-amerikanischen Rohstoffpolitik bestehen.
Kurz erklärt
- Kritische Rohstoffe: Rohstoffe, die für Industrie und Technologie als strategisch unverzichtbar gelten und deren Versorgung als riskant eingestuft wird.
- Seltene Erden: Gruppe von 17 chemischen Elementen, die für zahlreiche Hochtechnologieanwendungen benötigt werden.
- Lieferkette: Gesamtheit aller Stufen von der Förderung über die Verarbeitung bis zum fertigen Produkt.
