Nach Wahlsieg in Berlin: Linke plant Vergesellschaftung von Wohnungskonzernen
Die Linke will nach ihrem Sieg bei der Abgeordnetenhauswahl private Wohnungskonzerne in Berlin vergesellschaften – ein Tabubruch mit Milliardenrisiko.

Die Linke hat die Abgeordnetenhauswahl in Berlin gewonnen und steuert auf Sondierungen mit SPD und Grünen zu. Im Zentrum ihrer Pläne steht ein Vorhaben, das es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie gegeben hat: die Vergesellschaftung privater Wohnungskonzerne. Betroffen wären Unternehmen, die mehr als 3.000 Wohneinheiten in der Hauptstadt halten.
Nach den Plänen der Linken geht es um rund 240.000 Wohnungen. Vergesellschaftung bedeutet die Zwangsüberführung von Privateigentum in die öffentliche Hand – gegen eine Entschädigung, die nach den bisherigen Vorstellungen bei 40 bis 60 Prozent des Marktwerts liegen soll. Das Grundgesetz erlaubt eine solche Überführung grundsätzlich, allerdings nur gegen Entschädigung. Umgesetzt wurde sie in der Bundesrepublik bislang noch nie.
Für die betroffenen Konzerne ist das Szenario brisant. Vonovia und die dazugehörige Deutsche Wohnen halten zusammen rund 130.000 Wohnungen in Berlin – also mehr als die Hälfte des gesamten betroffenen Bestands. Der Vonovia-Aktienkurs gab diese Woche weiter nach. Belastet werden Immobilienwerte ohnehin durch die gestiegenen Zinsen.
Ein Tabubruch mit unklaren Folgen
Michael Voigtländer vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln ordnet die Pläne scharf ein: "Wie die Linke es plant, ist es ein echter Tabubruch." Auch die Mehrheit der Ökonomen warnt vor dem Vorhaben. Ein zentraler Streitpunkt ist die Höhe der Entschädigung, denn von ihr hängt ab, ob eine Vergesellschaftung wirtschaftlich überhaupt tragfähig wäre.
Die Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp verteidigt das Vorhaben: "Für mich ist klar, dass in einer Regierung auch vergesellschaftet werden muss, weil es ein Mittel ist, um Spekulationen vom Mietmarkt zu verdrängen." Für die Befürworter ist die Vergesellschaftung damit ein Instrument, um bezahlbaren Wohnraum zu sichern und den Wohnungsmarkt zu beruhigen.
Berliner Wohnungsmarkt unter Druck
Der Berliner Wohnungsmarkt gilt als einer der umkämpftesten der Republik. Rund 3,9 Millionen Menschen leben in der Stadt, Tendenz steigend. Prognosen zufolge fehlen Zehntausende Wohnungen, vor allem bezahlbare.
Die Zahlen zeigen die Spannung deutlich. Der Berliner Mietspiegel 2026 weist für Bestandswohnungen einen Mittelwert von 7,71 Euro pro Quadratmeter aus. Bei Neuvermietungen sind laut Guthmann18 bis zu 22 Euro pro Quadratmeter möglich. JLL zufolge lag die durchschnittliche jährliche Mietwachstumsrate in den vergangenen fünf Jahren bei plus 8,4 Prozent – Berlin ist damit unter den Big-Eight-Städten die Stadt mit der stärksten langfristigen Mietentwicklung.
Ein weiteres Problem: Das Einkommensniveau in Berlin ist oft niedrig. Günstige Bestandsmieter ziehen deshalb nicht aus, ihre Wohnungen sind zudem oft zu groß. So bleibt der günstige Bestand blockiert, während neue Mietverträge deutlich teurer sind.
Milliardenlast und juristische Risiken
Offen ist vor allem die Finanzierung. Die mögliche Belastung des Berliner Haushalts wird auf acht bis 36 Milliarden Euro geschätzt. Thomas Beyerle von der Hochschule Biberach hält das für den falschen Weg: "Durch Vergesellschaftung entstehen keine neuen Wohnungen." Er empfiehlt, das Geld lieber direkt in den öffentlichen Wohnungsbau zu stecken und private Investoren mit Investitionsanreizen zu gewinnen.
Tom Krebs von der Universität Mannheim argumentiert dagegen, dass Neubau allein zur Bekämpfung der Wohnungskrise nicht reicht. Die Vergesellschaftung erhöhe das Angebot an mietpreisgebundenen Wohnungen. Zugleich kritisiert er, dass private Gesellschaften zu wenig in neue Wohnungen investiert hätten.
Unabhängig vom Ausgang drohen jahrelange juristische Auseinandersetzungen. Die Bundesregierung plant ein Gesetz, das solche Vergesellschaftungen verhindern soll. Experten warnen zudem, dass ein unklarer Eigentumsschutz Investoren abschreckt – ein Risiko für den dringend benötigten Neubau.
Was das für Anleger bedeutet
Für Privatanleger ist die Entwicklung vor allem für Immobilienaktien relevant, allen voran Vonovia als größter betroffener Konzern. Der Kurs gab diese Woche weiter nach. Neben der politischen Unsicherheit lasten auf dem gesamten Sektor ohnehin die gestiegenen Zinsen.
Wer in Immobilienwerte investiert, sollte die politischen Risiken in Berlin genau verfolgen. Ob und in welcher Form vergesellschaftet wird, hängt maßgeblich von der Entschädigungshöhe unter Marktpreis ab – und davon, ob eine Regierung aus Linke, SPD und Grünen überhaupt zustande kommt. Bis dahin bleibt die Unsicherheit für Anleger hoch.
