Macron: Deutsch-französische Einigung zur EU-Automobilpolitik steht unmittelbar bevor
Frankreich und Deutschland wollen den Verbrenner-Ausstieg verzögern und europäische Autoproduktion mit „Made in Europe"-Regeln schützen.

Frankreich und Deutschland stehen kurz vor einer Grundsatzvereinbarung zur EU-Automobilpolitik. Der französische Präsident Emmanuel Macron erklärte auf einer Branchenmesse in Paris, eine Einigung sei „unmittelbar bevor". Das Abkommen soll den EU-weiten Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor hinauszögern und die Automobilproduktion auf dem Kontinent stärken – als direkte Antwort auf die wachsende Konkurrenz aus China.
Macron formulierte das Ziel der Vereinbarung klar: „Wir schließen gerade eine Vereinbarung mit unseren deutschen Partnern ab, damit Europa vorankommen kann, um unsere Industrie besser zu schützen, unsere Dekarbonisierungsziele beizubehalten, unsere Wettbewerbsfähigkeit zu steigern und unsere Souveränität zu stärken." Auf die Frage nach Details blieb er bewusst vage: „Ich werde die Bedingungen einer Vereinbarung nicht nennen, bevor sie abgeschlossen ist, aber ich sage Ihnen lediglich, dass es eine Frage von – wie ich hoffe – Stunden oder, wenn nicht Stunden, dann Tagen ist."
Auch Renault-Chef François Provost zeigte sich zuversichtlich. Er sagte vor Journalisten, eine Einigung werde wahrscheinlich noch in dieser Woche zustande kommen. Zuvor hatten sich europäische Automobilhersteller am Sonntagabend mit Macron im Élysée-Palast getroffen – im Vorfeld des Pariser Automobilsalons, auf dem sowohl chinesische als auch europäische Marken ihre neuesten Modelle präsentieren.
Die Details
Im Kern des erwarteten Deals stehen zwei Themenkomplexe: die Lockerung der Emissionsregeln für Verbrennungsmotoren und neue „Made in Europe"-Anforderungen für öffentliche Subventionen und Aufträge.
Deutschland setzt sich demnach für eine Aufweichung der Emissionsziele für Automobilhersteller bis 2030 ein. Eine mit den Diskussionen vertraute Person warnte jedoch, dass dieser Punkt noch nicht vereinbart worden sei. Darüber hinaus soll Deutschland eine weitere Lockerung des EU-Verbrenner-Verbots für 2035 durchsetzen: Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor sollen demnach 10 Prozent der Neuwagenverkäufe ausmachen dürfen, ohne dass die Verwendung von kohlenstoffarmen Kraftstoffen oder Materialien vorgeschrieben wird – so zwei Insider.
Im Gegenzug soll Frankreich die deutsche Unterstützung dafür erhalten, dass öffentliche Subventionen und Aufträge für Technologien wie Elektrofahrzeuge und Batterien weitgehend auf in der EU ansässige Hersteller beschränkt werden. Ein solches Geschäft könnte dazu führen, dass in Großbritannien hergestellte Autos keinen Anspruch auf öffentliche Subventionen haben – allerdings sei dieser Punkt laut einer der beteiligten Personen noch nicht vollständig geklärt.
Ein Beamter betonte, eine Einigung über das gesamte Regelpaket sei erforderlich, um die blockierten Verhandlungen in den betroffenen Dossiers in Brüssel voranzutreiben. Die erwartete Vereinbarung müsste anschließend noch von anderen EU-Mitgliedstaaten und dem Europäischen Parlament ratifiziert werden.
Hersteller wie Renault und Ford montieren Fahrzeuge mit einem hohen Anteil an europäischen Komponenten in Nicht-EU-Ländern wie der Türkei. Sie argumentieren, dass das Kleingedruckte der „Made in Europe"-Regeln Ausnahmen für einige Drittländer zulassen sollte. Volkswagen-Chef Oliver Blume und andere europäische Automanager haben Deutschland und Frankreich unterdessen aufgefordert, schnell eine Einigung zu erzielen, um der Bedrohung durch chinesische Konkurrenten zu begegnen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 17.09.2026 berichtete aktien.news, dass die EU China aufgefordert hatte, die Ausfuhr von Hybridfahrzeugen freiwillig zu beschränken. Hintergrund war der Versuch, einen drohenden Handelskrieg zu verhindern. Europäische Automobilhersteller führten zu diesem Zeitpunkt bereits Massenentlassungen durch, da günstigere, in China produzierte Modelle den Markt überschwemmten.
Am 24.09.2026 berichtete aktien.news über hitzige Diskussionen zwischen den EU-Industrieministern in Brüssel über den Industrial Accelerator Act (IAA). Im Zentrum stand die Frage, was „Made in Europe" künftig bedeuten soll – mit Frankreich und Deutschland auf gegensätzlichen Positionen. Der IAA sieht vor, europäischen Subventionen und öffentlichen Aufträgen in Sektoren wie Elektrofahrzeugen und Batterien Vorrang einzuräumen.
Am 28.09.2026 thematisierte aktien.news die Sorge der EU, dass Großbritannien zur Hintertür für chinesische Elektrofahrzeuge auf den europäischen Markt werden könnte. Das Vereinigte Königreich war demnach verzweifelt darauf bedacht, innerhalb des „Made in Europe"-Verfahrens für öffentliche Aufträge und Subventionszuteilung aufgenommen zu werden.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Entwicklung in mehrfacher Hinsicht relevant. Aktionäre von Automobilherstellern wie Volkswagen, BMW oder Mercedes-Benz könnten von einer Lockerung der Emissionsziele profitieren, da die Hersteller länger Verbrennungsmotoren verkaufen dürften und damit kurzfristig weniger Transformationsdruck besteht.
Gleichzeitig könnten „Made in Europe"-Regeln den Absatz europäischer Elektrofahrzeuge und Batterien stützen, sofern öffentliche Aufträge und Subventionen auf EU-Hersteller beschränkt werden. Renault als französisch-japanischer Konzern und Ford als US-Hersteller mit europäischen Produktionsstätten wären ebenfalls betroffen – je nachdem, wie die Ausnahmeregeln für Drittländer wie die Türkei ausgestaltet werden.
Provost warnte, die Automobilhersteller hätten massiv in die Umgestaltung ihrer Betriebe investiert, um sich auf Elektroautos zu konzentrieren. „Es ist höchste Zeit zu reagieren", sagte er und verwies auf die Millionen Arbeitsplätze, die allein in Frankreich vom Automobilsektor abhängen. Für Anleger bedeutet das: Die politische Unsicherheit bleibt hoch, solange die Vereinbarung nicht ratifiziert ist.
Ausblick
Macron zufolge könnte die Einigung innerhalb von Stunden oder Tagen bekanntgegeben werden. Renault-Chef Provost rechnet noch in dieser Woche mit einem Abschluss. Danach müsste die Vereinbarung von anderen EU-Mitgliedstaaten und dem Europäischen Parlament ratifiziert werden – ein Prozess, der weitere Zeit in Anspruch nehmen wird.
Parallel dazu bereitet die EU die Einführung einer Quote für Importe von Hybridautos aus China vor, bevor drastischere Zölle in Kraft treten. China hatte seine Exporte von Hybridfahrzeugen massiv gesteigert, nachdem seine Elektroautos mit Zöllen belegt worden waren. Macron bezeichnete die erwartete Vereinbarung als Teil eines umfassenderen Ansatzes: „[Diese Vereinbarung] ist zusammen mit unseren Maßnahmen zum Schutz vor unfairem Wettbewerb das, was alle unsere Hersteller berechtigterweise erwarten."
Kurz erklärt
- Verbrenner-Verbot 2035: EU-Regelung, die den Verkauf neuer Pkw mit Verbrennungsmotor ab dem Jahr 2035 innerhalb der Europäischen Union untersagen soll.
- Made in Europe: Politisches Konzept, das öffentliche Subventionen und Aufträge auf Produkte beschränkt, die innerhalb der EU hergestellt werden.
- Industrial Accelerator Act (IAA): Geplantes EU-Gesetz, das europäischen Herstellern in Schlüsselbranchen wie Elektromobilität und Batterieproduktion bevorzugten Zugang zu staatlicher Förderung verschaffen soll.
