Lese-Retreats als Geschäftsmodell: Readaway kalkuliert mit 1850 Euro
Vier Tage Ruhe, ein Buch und Wellness – doch was kostet die Auszeit wirklich?

Kein Wecker, kein Haushalt, keine Verpflichtungen: Vier Tage, drei Nächte und ein Buch in einem Wellness-Hotel in der Pfalz. Das verspricht der Buchclub-Anbieter Readaway mit seinen Lese-Retreats. Yoga, Buchbesprechungen und ein gemeinsamer Kochabend gehören zum Programm, sind aber nicht verpflichtend. Gründerin Simona Dunsche trifft damit einen Nerv in einer Zeit, in der Ruhe zur knappen Ressource geworden ist.
Die Auszeit hat ihren Preis: 1850 Euro kostet ein Platz im Einzelzimmer. Die Frage, die sich stellt: Wie wirtschaftet ein Anbieter, der ein Gegenmodell zum permanenten Funktionieren schafft und dafür vor allem eines verkaufen will – Zeit?
Vom Nischenmarkt zum Wachstumssegment
In den USA und Großbritannien zeigen Formate wie Ladies Who Lit oder Reading Retreat, welches kommerzielle Potenzial in organisierten Leseauszeiten steckt. Laut einer Prognose des Marktforschungsunternehmens Future Market Insights soll der weltweite Markt für literarischen Tourismus von 2,4 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 auf 3,3 Milliarden US-Dollar im Jahr 2034 wachsen. Eine Branchenanalyse von Skyscanner ergab zudem, dass 47 Prozent der Reisenden eine literarisch inspirierte Reise buchen oder dies zumindest in Betracht ziehen würden.
Ob daraus ein Massenmarkt wird, bleibt abzuwarten. Dunsche setzt bewusst auf eine klar umrissene Zielgruppe: Frauen ab etwa 30 Jahren, die beruflich oder familiär stark eingespannt sind und wieder mehr lesen möchten. Die Geschäftsidee hat auch eine persönliche Note. „Lesen war für mich der ultimative Zufluchtsort, ich habe mich morgens schon aufs Weiterlesen am Abend gefreut“, erzählt die Anfang 30-jährige Kölnerin. Irgendwann sei diese Zeit verschwunden – das Leben sei dazwischengekommen, „ganz viel vermeintlich Wichtigeres“ und „ganz viele Bildschirme“.
Community als zweites Standbein
Readaway übernimmt die Grundidee internationaler Vorbilder und schneidet sie auf den deutschsprachigen Raum zu. Das Geschäftsmodell endet nicht mit der Abreise: Mit einem digitalen Buchclub und lokalen Veranstaltungen baut Dunsche eine Community auf. Die Teilnehmerinnen sollen sich nicht nur über Bücher austauschen, sondern auch Freundschaften schließen. „Es motiviert die Teilnehmerinnen auf eine ganz andere Art, zum Buch zu greifen und zu lesen, wenn sie wissen, dass sie sich über das Gelesene mit anderen austauschen können“, erklärt sie.
Die ausgewählten Bücher beschäftigen sich teils mit gesellschaftlichen Zwängen, Rollenbildern und Erfahrungen von Frauen. Einen verbindlichen politischen oder literarischen Kanon gibt es nicht. „Readaway steht auch dafür, dass jede lesen kann und soll, was auch immer sie will und was ihr Entspannung, Unterhaltung oder Inspiration gibt“, so Dunsche. Von Fantasy über Romane bis Thriller ist alles willkommen.
Was ein Lese-Retreat tatsächlich verkauft
Ein Lese-Retreat ist weder ein klassischer Buchclub noch ein akademisches Seminar. Readaway kombiniert Lesen mit Yoga, Wellness und Natur. Es gibt keine To-do-Listen und keinen Zwang zur Teilnahme. Der Wellnessbereich steht zur Verfügung, Yoga und Gesprächsrunden sind optional. „Erholungsurlaub mit optionalen Aktivitäten trifft es nicht ganz“, kommentiert Dunsche. Ein schönes Zimmer, gutes Essen und ein Buch könne sich jede auch allein und deutlich günstiger organisieren.
Readaway verkaufe etwas anderes: die Struktur, die es den Teilnehmerinnen ermöglicht, tatsächlich abzuschalten. „Genau dafür bezahlt man bei Readaway eigentlich: dass man für vier Tage Verantwortung abgibt an jemand anders, der die ganze Struktur übernimmt“, erläutert Dunsche. So könne man sich das Lesen, Nichtstun und die Gespräche erlauben, ohne selbst noch etwas organisieren oder rechtfertigen zu müssen.
Exklusivität als Kostenfaktor
Für das November-Retreat mietet Readaway das Boutiquehotel Lösch für Freunde in Hornbach in Rheinland-Pfalz exklusiv für die Gruppe an. Bis zu 18 Frauen können teilnehmen. Fremde Hotelgäste gibt es nicht. „Ausschlaggebend für die Location war nicht nur, dass sie hochwertig, gemütlich und komfortabel ist, sondern auch, dass wir ein ganzes Haus exklusiv für unsere Gruppe bekommen“, sagt Dunsche. Die Entscheidung sei nicht leicht gewesen, weil sie den Preis deutlich erhöhe.
Auch sonst setzt Dunsche auf Freiraum statt Taktung. „Beim Programm selbst war mir am wichtigsten, dass es nicht zu vollgepackt wird, die Teilnehmerinnen aber gleichzeitig die Möglichkeit für Interaktion und Programm bekommen.“ Ihre Priorität: „Der Kern von Readaway ist Erholung und Verbindung mit anderen, nicht ein weiterer voller Terminkalender.“
Die Kalkulation im Detail
Der Endkundenpreis für das viertägige Retreat beträgt im Einzelzimmer 1850 Euro pro Person. Im Doppelzimmer ist ein günstigerer Preis von 1350 Euro pro Person möglich. Dunsche hat der WirtschaftsWoche die Kalkulation für das Einzelzimmer offengelegt:
918 Euro
für Unterkunft, Verpflegung und Wellness: 306 Euro pro Nacht bei drei Übernachtungen, inklusive Hotelservice, Vollverpflegung mit Drei-Gänge-Menü, Getränke-Flatrate und Wellnessbereich. -
449 Euro
für Programm, Dienstleistungen und Honorar: Materialkosten für Buch, Goodiebag und Yogamatten sowie externe Dienstleister und Dunsches eigenes Honorar. -
133 Euro
für Absicherung, Verwaltung und Marketing: Reisesicherungsschein, Buchführung, Betriebshaftpflicht und Marketingkosten. -
350 Euro
als kalkulatorischer Gewinnanteil.
Die vier Positionen ergeben zusammen den Verkaufspreis von 1850 Euro. Wie viel tatsächlich als Gewinn übrig bleibt, hängt von der Auslastung ab. Die Mindestteilnehmerinnenzahl liegt bei acht. Bei dieser Zahl sei das Retreat kostendeckend; erst weitere Buchungen führten zu einem Überschuss.
Kein Statussymbol – aber ein Luxus
Fast 2000 Euro für vier Tage Lesen und Erholung: Das muss man sich leisten können. Dunsche wehrt sich gegen die Einordnung als Prestigeobjekt. „Readaway soll explizit kein Statussymbol sein, sondern das Gegenteil: ein Ort ohne Leistungsdruck, ohne Vergleichen, ohne dass irgendjemand beeindruckt sein muss.“ Zeit, ungestörte Aufmerksamkeit und einige Tage ohne Erreichbarkeit seien heute selten geworden, vielleicht sogar „deutlich kostbarer als manch ein Statussymbol“.
Für Dunsche ist der Aufenthalt eine Investition, die jede Teilnehmerin gegen andere Prioritäten abwägen müsse. „Genau deshalb ist mir Transparenz bei der Kalkulation auch so wichtig.“
Die Rechnung mit der Gemeinschaft
Ob das Modell trägt, entscheidet am Ende die Auslastung. Ein Retreat mit maximal 18 Teilnehmerinnen ist kein Massenangebot. Es ist eine kleine, betreuungsintensive Veranstaltung mit hohen Fixkosten. Dunsche will Readaway dennoch ausbauen. In fünf Jahren, sagt sie, sehe sie die Marke als feste Adresse für Leseauszeiten im deutschsprachigen Raum – mit einer wachsenden Community, digitalen und analogen Veranstaltungen und mehreren Retreat-Terminen pro Jahr an ausgewählten Standorten in Europa.
Der Markt für literarischen Tourismus wächst, und Readaway positioniert sich als Nischenanbieter mit klarem Profil. Ob sich das Modell langfristig rechnet, hängt davon ab, ob genug Frauen bereit sind, fast 2000 Euro für vier Tage Ruhe und ein Buch zu investieren.
